An der Uni Freiburg kann man ein Seminar zu "The Walking Dead" belegen

Marissa Müller

Auf dem Lehrplan des Instituts für Medienkulturwissenschaft steht im Wintersemester die beliebte Zombie-Serie "The Walking Dead". Horror und Zombies an der Uni – geht das? fudder hat mit dem zuständigen Dozenten Harald Hillgärtner gesprochen.



Herr Dr. Hillgärtner, wieso bieten Sie ein Seminar zu "The Walking Dead" an?

Ich habe schon lange ein Faible für die Untoten. Auf "The Walking Dead" bin ich durch einen Freund gestoßen. Auf einer Party habe ich die Comics in seinem Regal gesehen, darin geblättert und war ganz begeistert davon. Als die Serie verfilmt wurde, habe ich gedacht, dass ich ein Seminar dazu anbieten könnte. Ich habe auch vorher schon Seminare zu Horror-Filmen und zum Zombie-Szenario gehalten. Außerdem ist "The Walking Dead" extrem erfolgreich, was ich sehr erstaunlich finde. Normalerweise passt dieses Genre nicht unbedingt ins Fernsehen.

Sind Sie also ein Zombie Fan?

Ja, ich mag es gerne, wenn es gruselig wird. Wenn andere die Augen schließen, mache ich sie auf. Ich bin zwar schockiert und denke, "Eigentlich wollte ich das gar nicht sehen". Aber genau daraus ergibt sich der Reiz. Dieses "ich wollte es nicht sehen – habe es aber gesehen" hat in gewisser Weise eine ästhetische Qualität. In der Psychoanalyse nennt man das traumatophil. Manche Leute haben Spaß an der Angst, die mögen den Nervenkitzel daran. Aber es gibt auch eine ganze Menge Leute, die damit nicht zurecht kommen.

"Wenn ich die Szenen nicht zeigen und die Leute nicht schockieren würde, dann verpasst man etwas an dieser Serie."

Gibt es ein bestimmtes Publikum für Ihr Seminar?

Das Seminar richtet sich vor allem an Studierende der Medienkulturwissenschaft, aber auch an Studierende aus anderen Fachbereichen, wie zum Beispiel der Anglistik oder der Geschichte. Man sollte vielleicht ein bisschen ein Faible für Horror- und Splatterfilme haben. Das ist natürlich ein sehr spezielles Thema und ich bin gespannt, wie viele zur ersten Sitzung kommen werden. Bisher haben sich etwa 20 angemeldet.

In Frankfurt habe ich schon einmal ein Seminar zu den Untoten angeboten – das war im Wintersemester und abends. Von ein paar Studierenden habe ich damals gehört, dass sie es zwar gerne besucht hätten, es ihnen aber zu gruselig war, danach im Dunkeln nach Hause zu laufen. Und einige wurden während des Semesters auch von den Monstern gefressen.

Wie kann man sich das Seminar vorstellen?

In den ersten vier bis fünf Wochen sehen wir uns am Anfang des Seminars mehr oder weniger ausführlich Schlüsselepisoden der Serie an, die wichtig für das Verständnis sind. Im Anschluss diskutieren wir darüber. Ich versuche, mit den Studierenden zu thematisieren, worum es eigentlich ging. Anhand verschiedener Texte besprechen wir dann auch medienwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Konzepte, die man mit "The Walking Dead" herausarbeiten kann.

"Es geht eben genau um dieses Widerliche, das den Ekel hervorruft."

In "The Walking Dead" gibt es viele Gewaltszenen. Zeigen Sie diese Szenen auch im Seminar?

Ja. Ich habe zwar bei meinen letzten Seminaren auch schon damit gehadert, aber wenn ich die Szenen nicht zeigen und die Leute nicht schockieren würde, dann verpasst man etwas an dieser Serie. Gerade das Schockierende macht die ganz besondere Qualität des Horrors aus.

Ich hatte auch schon einmal eine Theologie-Studentin in einem Zombie-Seminar. Die war ziemlich schockiert von einer Szene, in der die Untoten eine Orgie feiern und dabei Gedärme verschlingen. Das ist auch wirklich nicht schön zum Anschauen. Es geht aber eben genau um dieses Widerliche, das den Ekel hervorruft. Wenn man die Leute nicht damit konfrontiert, kann man zwar immer noch darüber sprechen, jedoch ist dann die Wirkung nicht mehr dieselbe. Ich sage aber im Seminar vorher, dass man wegschauen kann.

"Fast hätte ich gesagt, es ist etwas fürs Herz. Aber das ist es natürlich nicht!"

Was ist das Besondere an "The Walking Dead"?

Im Vergleich zu anderen Zombie-Filmen spielen in "The Walking Dead" Familienstrukturen eine wichtige Rolle. Die Serie zeigt uns Menschen in einer Ausnahmesituation und die Frage, wie man seine Menschlichkeit in dieser postapokalyptischen Welt aufrecht erhalten kann. Die Figuren werden mit verschiedenen Szenarien konfrontiert und müssen ihre Skrupel ablegen.

Aber sie verlieben sich auch, stehen füreinander ein und kämpfen füreinander. Es gibt zwar viel Gewalt, jedoch auch Momente der Nähe, Loyalität und Dankbarkeit. Der Protagonist handelt zum Beispiel uneigennützig und rettet andere, obwohl er sich damit selbst in Gefahr bringt. Fast hätte ich gesagt, es ist etwas fürs Herz. Aber das ist es natürlich nicht!

Wie erklären Sie sich den Hype um die Serie?

Ich glaube, das hat unterschiedliche Gründe. Ich war selbst überrascht, dass eine Genre-Serie wie "The Walking Dead" eine so große Reichweite erfahren hat. In Serien spiegeln sich immer auch aktuelle gesellschaftliche Aspekte wider. In "The Walking Dead" sind das zum Beispiel in gewisser Weise der Terrorismus, die Bedrohung von außen und die Hysterie gegen mögliche Krankheiten.

Außerdem wurde die Serie aufwendig produziert. Sie hat also "eye candy" und spricht somit neben dem Genre- und dem Serienpublikum auch das Kinopublikum an. Solche Entwicklungen verstärken sich aber auch immer selbst. Wenn etwas erfolgreich ist, reden alle darüber und viele Leute werden dadurch neugierig. So hält sich der Hype aufrecht.

"Der Mehrwert gegenüber einer Soap ist der, dass Quality-TV-Serien wie’The Walking Dead’ unvorhersehbarer sind."

Bei Serien denkt man nicht automatisch an Zombies, sondern vielleicht eher an Soaps wie GZSZ. Wieso nehmen Sie gerade "The Walking Dead" als Beispiel dafür?

In "The Walking Dead" werden auch bestimmte Aspekte der trivialen Fernsehserie aufgegriffen. Wie in der Soap Opera gibt es Liebschaften, Intrigen und Familienprobleme. Wir lernen die Charaktere kennen und einschätzen. Wir begleiten sie durch ihr Leben und bekommen ihre Entwicklung mit. Das ruft gerade dazu, in die Form einer Serie gebracht zu werden. Aber der Mehrwert gegenüber einer Soap ist der, dass Quality-TV-Serien wie "The Walking Dead" unvorhersehbarer sind. Da kann etwas passieren, mit dem wir wirklich nicht gerechnet haben und das ist in Soap Operas und herkömmlichen Serien tendenziell anders.
Zur Person

Dr. Harald Hillgärtner, geboren 1969 in Siegen, hat in Frankfurt am Main Theater-, Film- und Medienwissenschaft, Kunstgeschichte und Psychoanalyse studiert. Danach arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Frankfurt und übernahm Gastprofessuren an verschiedenen anderen Universitäten. Er promovierte mit dem Thema "Computer als Medium". Seit 2015 ist er am Institut für Medienkulturwissenschaft Lehrkraft für besondere Aufgaben.

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