An der Jazz- und Rockschule geben Studierende Klavierunterricht: Ein Selbstversuch

Marius Buhl

Wenn man ein Instrument lernen will, ist das meistens teuer und dröge. Die Jazz- und Rockschule Freiburg möchte das ändern und lässt ihre Studierenden Instrumentalunterricht geben. fudder-Autor Marius Buhl hat den Selbstversuch gewagt und eine Klavierstunde bei einem Metaller genommen - und das, obwohl er damals aus dem Schulchor flog:



Gut, dass Yann Tiersen nicht da ist. Der französische Komponist würde vermutlich schreiend davon laufen, wenn er hören könnte, was ich gerade mit seinem Filmusikklassiker zu „Die fabelhafte Welt der Amelie“ mache. Aber er ist nicht da, und Jordan Toms, der an seiner statt neben mir sitzt, ist ziemlich geduldig. Jordan ist 23 und studiert eigentlich im dritten Jahr Klavier an der Jazz- und Rockschule in Freiburg. Heute hat er sich aber etwas Verrücktes vorgenommen: Er will mir beibringen, Klavier zu spielen.


In Zukunft soll das hier jeder machen können: Unterrichtsstunden bei einem Studierenden nehmen. "Rookie-Programm" hat die Schule das genannt. Am Anfang sollen den Junglehrern dabei Fachmentoren über die Schulter schauen, Dozierende des International Music Colleges und der Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik. Vorerst steht nur Klavierunterricht zur Wahl, weitere Instrumente sollen bald folgen. "Unser Ziel ist es, Musikunterricht billiger und frischer anzubieten, als das meistens der Fall ist", sagt Pressesprecherin Julia Diehm. "Qualität ist uns aber trotzdem sehr wichtig. Wir suchen die Unterrichtenden sorgfältig aus." Unterrichtet wird immer Freitag bis Sonntag, wöchentlichem Unterricht à 45 Minuten kostet im Monat 78 Euro, 14-tägiger 45 Euro.

Jordan ist einer von ihnen. Er hat lange Haare bis über die Schultern, seine Schuhe sind aus dunklem Leder, und wenn man ihn nach seiner Lieblingsmusik fragt, antwortet er: „Natürlich Metal!“ Wie ein Pianist sieht Jordan nicht aus, das weiß er. Und trotzdem liebt er das Tasteninstrument. Auf ihm spielt er seit seiner frühen Kindheit - am liebsten eben Filmmusik.

Jordan nimmt mir die Angst

Heute aber ist sein vermutlich schwerster Tag: Nicht selbst spielen soll er, sondern mir das Spielen beibringen, einem völlig Unbegabten. Die Musik und ich, wir sind nämlich keine Sandkastenfreunde. Zwar sind wir uns mal im Flötenunterricht begegnet - da aber auch nur, weil Mama das so wollte. „Gegen die Verrohung“, hat sie damals gesagt, und Papa hat verächtlich geschnaubt. Mit 16 bin ich aus dem Schulchor geflogen, meine Lehrerin meinte, ich solle beim Sport bleiben. Dementsprechend fühle ich mich, als ich mich an das Ungetüm mit den weißen und schwarzen Tasten setze: unbeholfen und überfordert, ganz so, also ob ich gleich Usain Bolt zu einem kleinen Sprintduell herausfordern würde.

Jordan aber ist da für mich, er nimmt die Angst und fängt bei den Basics an. Handhaltung - „immer schön locker lassen“, Fingerbewegungen – „immer leicht krümmen“. Dann geht’s los – immer drei Tasten muss ich mir merken, die spiele ich auf Jordans Kommando: drei Tasten auf die zwei, drei andere auf die vier. Zusammen mit Jordan soll so die Filmmusik zur „fabelhaften Welt der Amelie“ erklingen, eines von seinen Lieblingsstücken. Leicht ist das nicht: Meist bin ich zu ungeduldig, manchmal zu langsam. Den richtigen Ton zur richtigen Zeit treffe ich anfangs selten.



Bewusst verzichtet Jordan auf das, was ich eigentlich befürchtet hatte: Noten lernen. Er will mir den Spaß vermitteln, wir wollen schnell Fortschritte machen. Learning by doing wäre wohl die passende Phrase. Und siehe da: So langsam klappt es. Immer weiter kommen wir im Stück, immer mehr Dreierkombis kann ich mir merken. Jordan grinst jetzt, er merkt, dass sein Plan funktioniert – und ich habe so langsam Spaß an der Sache.

Ohne Fehler spiele ich mein erstes Stück, ganz langsam zwar, aber immerhin. Ich bin glücklich und wünschte, meine damalige Chorleiterin könnte mich sehen. Vielleicht wäre sie ein bisschen stolz auf mich.



Mehr dazu:

Detailliertere Informationen erhalten Interessierte von der Unterrichtsberatung der Jazz- und Rockschule:

Birgit Dittmar und Laura Kaufmann
Montag bis Freitag, 9 bis 13 Uhr, 14 bis 16.30 Uhr
Telefon: 0761.36888922
E-Mail: beratung@jrs.org [Fotos und Video: Iris König]