Amoklauf an Schulen: Beklemmende Bedrohung

Vera Siebnich & Behnam Firozian

Amok. Das Wort wird vom malaiischen "amuk" abgeleitet, was so viel wie "wütend" oder "rasend" bedeutet. Mit Angst ist es verbunden und für Schüler sicherlich immer mit der Frage: Kann so etwas bei uns passieren? Für das Freiburger Schülermagazin f79 haben sich Vera Siebnich und Behnam Firozian mit dem Thema Amoklauf an Schulen ausführlich beschäftigt.



Saal VII des Freiburger Amtsgerichtes. Verhandelt wird der Fall des 21-jährigen Markus Volz*,der im Oktober 2009 an einer Freiburger Grafikschule, die er damals besuchte, gegenüber einer Dozentin gesagt haben soll: „Es kotzt mich alles an! Ich besorg mir eine Knarre und knall euch alle ab!“ Ein halbes Jahr nach Winnenden kann ein solcher Satz auf seine Mitschüler nur bedrohlich gewirkt haben. Die Klassenkameraden meldeten den Vorfall der Rektorin, woraufhin Volz am nächsten Morgen von der Polizei in seiner Schule verhaftet wurde.


Wie wenig bedacht ein solcher Satz auch ausgesprochen wird – Volz gibt an, von Winnenden nie etwas gehört zu haben –, ein Einzelfall ist er keineswegs. Der Freiburger Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier erklärt, solche Drohungen habe es hier im ersten Halbjahr nach Winnenden ungefähr drei bis vier Mal im Monat gegeben. Eine genaue Statistik, wie viele Amokdrohungen es in Freiburg bereits gab, wird nicht geführt. Nur wenige davon seien zwar ernst gemeint gewesen, ernst genommen wurden jedoch alle. „Auch wenn es sich dabei nur um Trittbrettfahrer handelt, so müssen wir doch jede Drohung ernst nehmen“, betont der Freiburger Polizeisprecher Ulrich Brecht.

So wurden in der Woche nach Winnenden die Richard-Fehrenbach- und die Walther-Rathenau-Gewerbeschule nach anonymen Ankündigungen unverzüglich geräumt. In einem Fall ging ein Anruf mit dem Wortlaut „Um 10 Uhr gehen zwei Bomben hoch“ ein, im anderen wurde auf der Toilette ein Zettel mit der Aufschrift „Amoklauf am Montag, 16. März“ gefunden. Dass eine solche Ankündigung längst kein Kavaliersdelikt ist, zeigt das Strafmaß: Im Gerichtsdeutsch spricht man in so einem Fall vom Straftatbestand der „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten“. Geahndet wird diese mit Geld- oder sogar Freiheitsstrafen, die sich auf bis zu drei Jahre belaufen können.

Für Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren sowie für Heranwachsende im Alter von 18 bis 21 Jahren gelten zwar Sonderregelungen, doch straffrei kommen auch sie nicht davon. Sie können in solchen Fällen mit Freiheitsstrafen von bis zu sechs Monaten bedacht werden. Da Volz zum Tatzeitpunkt noch 20 Jahre alt war, könnte er auch nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. „Entscheidend ist, ob der Täter eher einem Jugendlichen oder bereits einem Erwachsenen gleichzustellen ist“, klärt Maier auf, „in der Praxis wird ein Heranwachsender in 90 Prozent der Fälle einem Jugendlichen gleichgestellt.“

Der Fall zeigt: Die potentielle Gefahr eines Amoklaufs besteht immer und überall. Aber ist Freiburg auf den Ernstfall vorbereitet? Der Erste Polizei-Hauptkommissar Hans Joachim Zeller ist als Referent des Sachbereichs „Einsatz“ zuständig für die sensible Thematik. In den acht Jahren seit dem Amoklauf von Erfurt – dem ersten bekannt gewordenen Amoklauf an einer deutschen Schule – hat sich einiges getan, was die Planung der Polizei für einen solchen Fall angeht. „Wir besitzen Grundrisspläne aller Freiburger Schulen, auf denen die Klassenzimmer und Chemiesäle eingezeichnet sind“, erklärt der Polizist.



Mit ihrer Hilfe könnten sich die zuerst eintreffenden Polizisten – meist die diensthabende Streife – einen besseren Überblick über das Gebäude verschaffen und eventuell durch Aussagen von  chülern nachvollziehen, wo sich der Täter gerade befindet. „Außerdem bekommt jeder Beamte ein ‚Amok-Training‘“, berichtet Zeller weiter. Dieses bestehe aus zwei Komponenten: Einem  heoretischen Teil, der sich vorrangig mit der Täterpsyche beschäftigt, und einem praktischen Teil, in dem es vor allem darum geht, wie sich der einzelne Beamte in einer solchen Situation zu  erhalten hat. Dieses Training, das auch Freiburger Beamte durchlaufen, wird jährlich aufgefrischt,  die Schulung dauert meist mehrere Tage.

„Es gibt für Amokläufe ausgebildete Spezialkräfte der Polizei“, informiert Zeller, der aber auch weiß, dass diese Einheiten oft nicht schnell genug verfügbar sind: „Da man mittlerweile aus Erfahrung weiß, dass ein Amoklauf in etwa eine halbe Stunde lang dauert, hätte es meist keinen Sinn, das entsprechende Personal anzufordern.“ Zuständig ist also das jeweilige Revier, das seine Leute dann auch mit Spezialausrüstung versorgt, zu der Zeller jedoch keine näheren Angaben machen darf. In jedem Fall gehört aber eine Schutzweste dazu.

Doch was tut ein Polizist, wenn er dem Täter gegenübersteht? „Das ist sehr situationsabhängig“, meint der Referent, „da spielt es etwa eine Rolle, welche Waffen der Täter mit sich führt und was er bis zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich gebracht hat.“ Hat er zuvor viele Menschen getötet? Ist er schon lange auf der Flucht? All das sind Faktoren, die individuell und situationsbezogen bedacht werden müssen. Sollte der Täter keine Waffe (mehr) haben, kann der Beamte versuchen, ihn mit Pfefferspray kurzzeitig außer Gefecht zu setzen und vielleicht zu überwältigen. Wenn dies nicht der Fall ist und der Beamte sich bedroht fühlt, muss er von seiner Schusswaffe Gebrauch machen.

Auch beim Amt für Schule und Bildung hat man auf die jüngsten Amokläufe reagiert. Die stellvertretende Schulamtsleiterin Ingrid Geiß informiert, dass an immer mehr Freiburger Schulen Türknäufe angebracht werden, die das Betreten des Klassenzimmers von außen verhindern sollen. „Eine Ausstattung der Schulleitungen mit Pagern ist geplant“, so Geiß weiter. Mit diesen könnten sich die Schulen, so wie am 18. Februar dieses Jahres in Ludwigshafen geschehen, schnell verständigen und Kollegen warnen. „Dem Amt für Schule und Bildung fehlt jedoch die Befugnis, darüber zu entscheiden, wie sich die einzelnen Schulen im Ernstfall zu verhalten haben“, klärt Geiß auf, „dafür ist jede Institution selbst verantwortlich.“ Einen einheitlichen Masterplan gibt es also nicht.

Zurück im Saal VII zeigt Volz sich wenig einsichtig. Auch wenn er niemanden töten wollte – seine Klassenkameraden, die sein Benehmen als „auffällig“ und „unmöglich“ beschreiben, wird er mit einem solchen Satz in Angst versetzt haben. Er betont immer wieder, dass er die eingangs erwähnten Worte so nie benutzt habe. Volz wollte nach eigenen Angaben lediglich seinem Freund gegenüber eine „sarkastische“ Bemerkung gemacht haben. Sarkasmus ist ein Begriff, der bitteren Spott und Hohn beschreibt. Ob beim Thema Amoklauf Spott und Hohn angebracht sind, haben die Richter zu klären. Anfang September wurde über Volz geurteilt. Von der Schule geflogen ist der Trittbrettfahrer zu dem Zeitpunkt schon längst.

"Trittbrettfahrer haben Strafen verdient"


Doktor Joachim Kepplinger, Leiter der „Koordinierungsstelle für  Konflikthandhabung und Krisenmanagement“ der Polizei Baden- Württemberg an der Freiburger Polizeiakademie, war nach dem  Amoklauf in Winnenden als Diplom-Psychologe vor Ort. Er hat im Anschluss die Polizisten betreut, die beim Amoklauf im Einsatz waren. Vera und Benham haben ihm für f79 einige Fragen gestellt.

Welche emotionalen Reaktionen haben die Tage in Winnenden bei Ihnen und den dort eingesetzten Polizisten hervorgerufen?

Kepplinger: Ich war an diesem Tag selbst in Winnenden, habe aber weder Leichen gesehen noch mit dem Täter Kontakt gehabt. Dennoch hatte ich in der Folge für eine gewisse Zeit auch einige Symptome einer sogenannten „Akuten Belastungsstörung“. Ich habe miterlebt, was diese Ereignisse aus Menschen machen. Die Beamten, die bei solch einem Einsatz dabei waren, haben sehr mit den Dingen zu kämpfen, die sie erlebt haben. Einige können danach nicht mehr oder nicht mehr in gleicher Weise arbeiten. Diese Probleme können auch Beamte oder Kollegen haben, die mit dem Amoklauf selbst nicht unmittelbar zu tun hatten, denen aber etwa in Vernehmungen von Schülern davon berichtet wurde.

Was kann allein die Androhung eines Amoklaufes bei Schülern oder etwaigen Opfern auslösen?

Bei Menschen, die mit derartigen Gewaltsituationen bereits Erfahrung hatten, kann es zu einer Retraumatisierung kommen. In jedem Fall löst eine solche Ankündigung aber eine Schrecksekunde aus, war der Amoklauf von Winnenden doch eine kollektive Erfahrung für ganz Baden-Württemberg.

Wie kommentieren sie das Verhalten diverser Trittbrettfahrer, die solche Taten ankündigen, um etwa eine Klassenarbeit zu verschieben?

Die Strafen, die es dafür gibt, halte ich für absolut angemessen. Ich hatte selbst einmal ein Schreiben auf dem Tisch, bei dem mich die Polizei darum bat, zu bewerten, ob die Androhung ernst gemeint ist. So etwas ist immer schwer zu beurteilen, da es für das Zustandekommen eines Amoklaufs viele Faktoren gibt: Die Kränkung des Täters, Zeit zur inneren Eskalation und schließlich der Zugang zu Waffen. Schrecklich ist so eine Tat immer. Und wer meint, mit diesem Schrecken spielen zu müssen, hat entsprechende Strafen verdient.

Chronik der Amokläufe in Deutschland (1999–2010):

9. 11. 1999, Meissen:

Ein 15-jähriger Gymnasiast ersticht seine 44-jährige Lehrerin vor den Augen von 24 Klassenkameraden.

16. 3. 2000, Brannenburg:

Ein 16-jähriger Schüler schießt auf seinen Internatsleiter, der später an den Verletzungen stirbt, und unternimmt danach einen Selbstmordversuch.

19. 2. 2002, Eching:

Ein Amokläufer erschießt in einer Dekorationsfirma den Betriebsleiter und einen Vorarbeiter. Danach fährt der 22-Jährige ins nahe Freising und erschießt den Direktor der Wirtschaftsschule, von der er suspendiert worden war. Er verletzt einen weiteren Lehrer schwer und tötet sich schließlich selbst.

26. 4. 2002, Erfurt:

Beim Amoklauf in einem Gymnasium tötet ein 19-Jähriger binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist.

2. 7. 2003, Coburg:

In einer Realschule verletzt ein 16-jähriger Schüler eine Lehrerin mit einem Schuss aus einer Pistole und erschießt sich anschließend selbst.

20. 9. 2006, Emsdetten:

Ein 18-jähriger Amokläufer verletzt in seiner ehemaligen Schule 37 Menschen und nimmt sich danach selbst das Leben.

23. 7. 2008, Biberach:

Ein 15-Jähriger sticht aus Frust über seine Nicht-Versetzung auf einen Lehrer ein und verletzt ihn.
11. 3. 2009, Winnenden:

Ein 17-jähriger ehemaliger Schüler stürmt eine Realschule, tötet dort zehn Menschen und verletzt neun weitere. Auf seiner Flucht tötet er drei weitere, ehe er sich selbst das Leben nimmt.

17. 9. 2009, Ansbach:

Ein 18-Jähriger dringt in ein Gymnasium ein. Binnen weniger Minuten verletzt er zwei Schülerinnen schwer, sieben Schüler und Lehrer leicht. Er kann von der Polizei gestellt werden und wird später wegen des versuchten Mordes in 47 Fällen zu einer Jugendstrafe von neun
Jahren verurteilt.

18. 2. 2010, Ludwigshafen:

Ein 23-Jähriger ersticht an seiner ehemaligen Berufsschule einen Lehrer, zündet anschließend ein bengalisches Feuer und löst damit Feueralarm aus, die Schüler gelangen
unverletzt ins Freie.


Dieser Text ist die Aufmachergeschichte der neuesten Ausgabe von f79, dem Schülermagazin für Freiburg und Region. f79 ist kostenlos und liegt nicht nur in allen weiterführenden Schulen, sondern auch in den BZ-Geschäftsstellen, im Arbeitsamt, im Haus der Jugend und in weiteren Bildungseinrichtungen aus.

Die Autoren



Name: Vera Siebnich
Schule: Georg-Büchner-Gymnasium, Rheinfelden, Klasse 11
Alter: 16 Jahre
Über mich: "Außer, dass die Welt ehrlich geworden ist - Na dann steht ihr Untergang bevor!" (Shakespeare)



Name: Behnam Firozian
Schule: Uni Wien
Alter 22 Jahre
Über mich: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!"

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