Ameisen der Wegwerfgesellschaft

Aljoscha Harmsen

Mal eine Unterhose, mal ein Führerschein, oder auch einmal etwas Geld: All das entdeckt Kehrmaschinenfahrer Wolfgang Kern bei seiner Arbeit am Straßenrand. Dass er diese Dinge überhaupt bemerkt, liegt an der Arbeitsgeschwindigkeit: Die liegt nämlich bei 8 km/h, und das ist schon schnell. Aljoscha hat ihn einen Vormittag lang in der Kehrmaschine begleitet.



Die erste Überraschung gibt es schon an der Tür: Wolfgang Kern besteigt die Kehrmaschine von der Seite, auf der üblicherweise der Beifahrer einsteigt. Nach einem Blick in das Führerhaus wird klar warum: Das Lenkrad ist nicht links, sondern rechts. "Alle Kehrmaschinen sind Rechtslenker. Der Grund dafür ist einfach, dass auf der rechten Seite gefegt wird", erklärt Wolfgang.


"Es dauert ein bis zwei Monate, bis man sich auf die Rechtslenker umgestellt hat, aber man gewöhnt sich an alles", sagt Wolfgang während wir losfahren.
Seit über 23 Jahren fährt er schon Kehrmaschinen. "Für mich sind das Gefühlsmaschinen. Die Steuerung geht irgendwann ins Gefühl über, wird intuitiv."



Mittlerweile haben wir unsere erste Straße erreicht. Die Maschine wird langsam. Wir erreichen fast Schrittgeschwindigkeit. Die Besen unten rechts drehen sich jetzt. Ihre Metallborsten kratzen an der Bordsteinkante, während sie das Laub einkehren. Wir fahren acht km/h und ich bin gespannt, ob gleich eine Mutter ihren Kinderwagen an uns vorbeischiebt.

"Das Langsamfahren liegt nicht jedem", sagt Wolfgang, "deswegen sind viele Kollegen auch älter. Für diese Arbeit braucht man Berufserfahrung und eine gewisse Gelassenheit."

Dass er die nötige Gelassenheit hat, wird mir an der nächsten Kreuzung klar. Während wir vor der roten Ampel warten, erklärt er mir Besonderheiten des Fahrgestells. Mittlerweile ist die Ampel nicht mehr rot, aber das scheint ihn nicht nervös zu machen. Das grüne Licht scheint ihm eher ein Vorschlag, als eine Aufforderung zu sein. Weiter geht es, nachdem hinter uns eine Hupe erklingt.



Normalerweise ist Wolfgang allein unterwegs. Die einzige Unterhaltung, die es für einen Kehrmaschinenfahrer bei der Arbeit gibt, ist das Radio. Bei schwierigen Reinigungen kommen manchmal Zuschauer, ansonsten ist der Fahrer mit sich allein. "Wer viel Gesellschaft um sich braucht, ist für diese Arbeit nicht geeignet. Aber der Vorteil ist: Ich kann mir die Arbeit selbst einteilen, kann selbst entscheiden, was ich wann und wo reinige. Das ist das Schöne an diesem Beruf."

Gedankt wird die Arbeit selten: "In der Innenstadt sind wir manchmal am Wochenende mit drei Maschinen unterwegs. Die sind nach kurzer Zeit voll mit Flaschen, Pizzaschachteln und Verpackungen." Wenn er sonntagmorgens um 6 Uhr reinigt, fühlen sich häufig Anwohner vom Lärm belästigt. "Einmal sind wir auf die Beschwerden eingegangen und haben später angefangen. Das Ergebnis war, dass sich nun die Kirchgänger belästigt fühlten."



Es gibt aber auch Menschen, die sich über die Reinigungskräfte freuen: Ein Hausmeister (Bild oben) bläst grade Laub, das er eigentlich selbst beseitigen müsste, einfach der Kehrmaschine zu.

"Wenn es uns nicht gäbe, wäre jetzt im Herbst innerhalb von zwei Wochen alles voll mit Müll und Laub", sagt Wolfgang. "Zu viel Laub kann für den Straßenverkehr schnell gefährlich werden, wenn es niemand beseitigt. Besonders, wenn noch Nässe hinzukommt."
Wie oft Wolfgang einen Bezirk reinigt, hängt aber auch vom Stadtteil ab: "In Herdern müssen wir einmal pro Woche kehren. Wegen der Optik."

Manchmal finden sich im Laub am Straßenrand aber auch Besonderheiten: "Ich habe schon Slips und Unterhosen gefunden, Geld oder auch einen Führerschein", erzählt er. "Den Führerschein habe ich durch Zufall gesehen. Nachdem ich die Frau angerufen habe, kam ihr Vater den Führerschein abholen und erzählte mir, dass seine Tochter am selben Tag den Führerschein gemacht und bei der Übergabe verloren hat."



Eines der am meisten verschmutzten Gebiete zieht sich laut Wolfgang vom Cinemaxx über das UC bis zur Alten Post: "Wir nennen es Bermudadreieck. Manche Straßen dort wären ohne uns kaum begehbar."
Dafür gibt es dort manchmal Spannendes zu sehen: "Schnapsleichen, die um sechs Uhr morgens herumliegen, gehören dazu. Der ungewöhnlichste Anblick waren ein Mann und eine Frau, die im Gras Sex hatten. Um sie herum standen fünf Personen und haben geklatscht."



Die Zeit vergeht schnell, während Wolfgang erzählt. Einige Straßen später ist der Wagen voll. Jetzt fahren wir zur Eichelbuck-Deponie. Nachdem der Wagen dort gewogen wurde, leert er ihn aus. Es ist 10.30 Uhr und die Arbeit beinahe geschafft.

Mit Brauchwasser wäscht Wolfgang jetzt noch den Wagen ab, bevor er die Kehrmaschine wieder zurück zur Zentrale fährt. Mit nachdenklichen und scherzhaften Worten verabschiedet er sich von mir: "Eigentlich sind wir die Ameisen der Wegwerfgesellschaft. Wir leben davon, dass andere ihren Müll auf die Straße werfen."