Der Sonntag

Lochkamera

Am Samstag findet im Stühlinger ein spannendes Camera-obscura-Projekt statt

Jule Arwinski

Was Digitalkameras in Sekundenschnelle schaffen, dazu brauchen sie Tage: Lochkameras. Solch ein Camera-obscura-Projekt will nun den Freiburger Stühlinger in ein anderes Licht rücken.

Was Digitalkameras in Sekundenschnelle schaffen, dazu brauchen sie Tage: Lochkameras. Mit dieser ursprünglichsten Kameraart dauert es bis zu drei Wochen, um ein Motiv auf einer Fotografie abzubilden. Im Rahmen der im Stühlinger stattfindenden Kunstaktion "Camera obscura" sollen die Lochkameras einen neuen Blick auf die Fotografie ermöglichen – und auf den Stadtteil.

"Das ist ein bisschen die Entdeckung der Langsamkeit", sagt Peter Kammerer, der das Projekt organisiert. Kommenden Samstag wird der Künstler in seinem Atelier im Stühlinger 50 Lochkameras an Interessierte ausgeben. Diese können die Teilnehmer an ihren Lieblingsorten im Viertel aufhängen. Die entstandenen Fotos sollen danach in Geschäften ausgestellt werden.


"Der Stühlinger ist ein spannendes Stadtviertel. Es gibt viele Probleme, die Drogendealerei oder Kündigungen von Mietwohnungen zum Beispiel. Aber auch viele interessante Menschen", sagt Kammerer. Er hofft, dass sich diese Vielfältigkeit auf den Fotos einfangen lässt. Als Peter Kammerer vor drei Monaten mit seinem Atelier nach Freiburg gezogen ist, kam er auf die Idee, ein Projekt rund um die Camera obscura zu starten.

Für ihn ist das die ideale Möglichkeit, seine Nachbarschaft besser kennenzulernen. Die Aktion ist Teil des weltweiten Projekts "The 7th day". Schon 2012 hat Kammerer deren Initiator Patrick Zajfert kennengelernt.

Die Lochkameras sind Gehäuse mit einem kleinen Loch auf der Vorderseite, durch das Licht auf die mit einem lichtempfindlichen Papier ausgekleidete Rückseite fällt. Das Papier reagiert langsam, deshalb ist eine Belichtung von mindestens zwei, besser sogar drei Wochen notwendig. Auf dem fertigen Foto sind Gegenstände scharf zu sehen, die sich nicht bewegen – Bäume oder Häuser zum Beispiel. Objekte, die sich langsam auf die gleiche Weise bewegen, werden in ihrer Bewegung abgebildet. So kann durch die untergehende Sonne ein Lichtschweif auf der Fotografie entstehen. Menschen und andere nur kurz im Bereich der Kamera auftretende Erscheinungen sind später nicht mehr zu sehen. Die Fotos wird Zajfert später entwickeln, digitalisieren und auf seiner Homepage veröffentlichen.

Drei Tipps hat Kammerer für das perfekte Foto: "Die Kamera muss gut fixiert werden. Mit Klebeband oder Draht zum Beispiel. Außerdem ist es besser, die Kamera an einem trockenen Ort aufzuhängen. Die Kamera verträgt zwar Regen, aber die Qualität des Bildes wird schlechter. Und: Je mehr Licht, desto besser. Also besser ein Foto in der Natur als irgendwo im Geschlossenen."

Zu viele Vorschriften will Kammerer aber nicht machen. Vielleicht kann er am Samstag schon gleich ein erstes Foto präsentieren. Denn er hat im Dachstuhl der Herz-Jesu-Kirche eine Camera obscura aufgehängt, deren Foto er im Laufe der Woche entwickeln lassen will.

Die Fotos werden im Stadtteil ausgestellt. "Ich habe bei einigen Geschäften und Cafés nachgefragt und es kam viel positive Resonanz", sagt Kammerer. Auch das Kulturamt der Stadt beteiligt sich mit 1 000 Euro am Projekt. Kammerer hofft, dass der Stühlinger so von einer anderen Seite gezeigt wird und die Menschen über die Aufnahmen ins Gespräch kommen. Wenn er merkt, dass auch nach der ersten Runde Interesse besteht, kann er sich eine Fortsetzung vorstellen. Dann vielleicht in ganz Freiburg: "Ich freue mich auf Samstag", sagt er, "vor allem auf den Kontakt mit den Anwohnern und die Rückmeldungen zu den Fotos."
Info: Interessierte können am Samstag um 10 Uhr im Atelier von Peter Kammerer in der Klarastraße 57 eine der Lochkameras abholen. Eingeladen sind vor allem Anwohner des Stühlingers, aber auch andere, die eine Verbindung zum Stadtteil haben.