Am kroatischen Zrce Beach - dem neuen Ibiza - feiern, saufen und tanzen tausende Schulabgänger

Martin Herceg

Turbo-Alkohol, viel nackte Haut und Party bis zum Sonnenaufgang: Der Zrce-Beach auf der kroatischen Insel Pag hat sich vom Familien-Badestrand zum Party-Mekka der Adria gemausert. Jährlich strömen während der Sommermonate zehntausende Feierwütige Schulabgänger aus ganz Europa auf die kleine Insel im Norden Dalmatiens. Der Tourismusboom hat jedoch seine Schattenseiten.



Es ist 17 Uhr, 36 Grad zeigt das Thermometer. Die Sonne prallt erbarmungslos vom Himmel. Hunderte nackte Oberkörper zappeln rhythmisch zu lauten Bässen – die feinen Kiesel am Strand vibrieren.

„Ein Jumbo Long Island“, schreit Maria einen Barkeeper zu, der inmitten der Tanzfläche hinter einem langen steinernen Tresen steht.  Sie kramt  aus ihrem Bikini-Höschen einen nassen  Geldschein hervor. Der Barkeeper schüttelt den Schein, lässt ihn in sein Portemonnaie wandern. Dann beginnt  er damit, eine zwei-Liter-Karaffe mit allerlei hochprozentigen Schnäpsen zu befüllen. „Mehr, mehr“, schreit das junge Mädchen. Am Ende bleibt kaum  Platz für Cola in der Karaffe. Maria ist zufrieden. Tanzend bewegt sie sich  in den mit feiernden Menschen überfüllten Pool.

Mit acht Freundinnen ist die 19-Jährige  nach Kroatien gereist. Ihr Ziel:  die  bestandenen Abiturprüfungen gebührend zu feiern. „Wir wollen hier einfach  Vollgas geben, die Sonne genießen und so viel von der Party mitnehmen, wie’s geht“, lautet das Credo der Mädchen aus Ulm. Von der Insel und dem Partystrand haben sie auf Facebook erfahren. „Ein Bekannter von uns hat dort Partybilder geteilt“, sagt Maria. Auf der Suche nach Anreise und Übernachtung spuckte ihr die Google-Suche die  Internetseite zrce.eu aus. „Da haben wir dann direkt ein Rundumsorglos-Partypaket  gebucht.“

Während sich die jungen Abiturientinnen dem Feiern widmen, sitzt der gebürtige Freiburger Tobias Willmann vor einem  Computerbildschirm in Berlin-Kreuzberg. Vor knapp drei Jahren hat er zusammen mit einem Partner die Firma Zrce.eu Tours UG gegründet und vermittelt seitdem Urlaubserlebnisse für feierwütige Teens aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Ich war 2007 durch Zufall zum ersten Mal an dem Strand und habe sofort gesehen, dass das Ganze Potential hat“, sagt der Wirtschaftsinformatiker, der im Hauptberuf als Suchmaschinenoptimierer  arbeitet. Kurze Zeit später schaltete er seine Website online –  und war einer der Ersten, der deutschsprachigen Content zum „Ibiza Kroatiens“ lieferte.

Während Anfang der Nullerjahre  hauptsächlich Kroaten und Slowenen am Zrce-Beach Urlaub machten, sind mittlerweile vor allem Deutsche, Italiener und Engländer die Zielgruppe, sagt Willmann. „Die Nachfrage hat stark zugenommen – mittlerweile ist es fast unmöglich, in der Hochsaison, wenn die Top-Festivals stattfinden, kurzfristig ein Hotelzimmer oder Appartement in erträglicher Distanz zum Strand zu bekommen“, sagt Willmann, der immer ein paar Zimmer in der Hinterhand hat. „Da regelt dann die Nachfrage den Preis.“

Alleine für die derzeit stattfindende Spring-Break hat Willmann über 500 Reisepakete verkauft –  Tendenz weiterhin steigend. Grund für den Boom ist laut Willmann die massive Dichte von Spitzenclubs und das gute Booking der Betreiber. „Auf Pag stehen drei der besten Clubs der Welt an einem einzigen Strand – so etwas haben weder Berlin  noch Ibiza zu bieten“, sagt der 29-Jährige. Mit Namen wie Sven Väth, Hardwell, Tiesto, Nicky Romero, Calvin Harris und Markus Schulz locken die Clubs nicht nur Abiturienten im Feierrausch an, sondern auch Kenner  elektronischer Musik. „Dort gibt es mittlerweile eine richtige Community“, sagt Willmann.



Das Ergebnis des Partybooms wird bei einem Blick auf die angrenzende Gemeinde Novalja sichtbar. Bis zum Ende der 1990er Jahre war Novalja noch ein kleines verschlafenes Fischerdorf. Neben einigen Geschäften und einem großen  Campingplatz wurde nicht viel geboten – Billigtourismus im Nachkriegs-Kroatien eben. Mittlerweile ist aus dem  Fischerdorf jedoch eine riesige bebaute Fläche geworden. Kilometerlang reihen sich hier Appartementhäuser aneinander. „Alles wurde mit einem Ziel gebaut: so viele Partygänger aufzunehmen, wie es nur geht“, sagt Willmann. Auf Infrastruktur,  Baurichtlinien und vor allem Ästhetik wurde verzichtet. Sehr zum Leidwesen derer, die auf Pag schon vor dem Partyboom vom Tourismus  lebten.

Einer von ihnen ist Ivan Vidic. Schon in den 1970er Jahren hat der 69-Jährige damit angefangen, in Metajna, einem kleinen Fischerdorf nur wenige Kilometer vom Zrce-Strand entfernt, Zimmer an Touristen zu vermieten. Jetzt kämpft er um seine Existenz. „Ich will  mein Haus nicht für diese besoffenen Jugendlichen öffnen, die die Nacht zum Tage machen“, sagt Vidic und beklagt, dass mittlerweile kaum mehr Familien oder Rentner die Insel aufsuchen. „Normale Touristen machen  einen Bogen um Pag – die wollen Erholung und Natur“, sagt er und fügt hinzu: „Zrce, das hat nichts mit Kroatien zu tun, dass ist einfach nur Müll.“ Vidic ist mit dieser Sichtweise nicht alleine. Auch andere Bewohner fürchten, dass ihre Insel durch die Feierwut der jugendlichen Gäste sukzessive zerstört wird.

Alle Versuche der Alteingesessenen, dem wilden Treiben am Strand ein Ende zu bereiten, scheiterten. Zur Eskalation kam es im Winter  2008. Damals verwüsteten Unbekannte die Clubs, zerstörten Musikanlagen und Einrichtung. Während die Clubbetreiber die vom Lärm geplagten Inselbewohner als Schuldige ausmachten, beschuldigten die Insulaner ihrerseits Mafia und Rockerbanden, die angeblich Konkurrenten das Licht ausknipsen wollten.

Seither wird der komplette Strand auch während der Wintermonate von einem Sicherheitsdienst bewacht. Von all dem bekommen Maria und ihre Freundinnen nichts mit. Nach der After-Beach-Party sind die Mädchen mit dem Busshuttle zurück in ihr Appartement gefahren. „Jetzt essen wir etwas und schlafen erst mal den Rausch aus“, sagt Maria. In der Nacht wollen sie dann wieder aufbrechen und die Clubs am Strand unsicher machen. „So um 3 Uhr beginnt dort eigentlich erst die richtig krasse Party, dann legen die Topstars auf.“

Die angesagtesten Clubs am Zrce Beach:

 

Papaya

Der Club Papaya Zrce ist einer der angesagtesten Clubs der Insel und gilt zudem seit Jahren als einer der besten Clubs der Welt. Etwa  5000 feiernde Menschen finden in dem  2002 eröffneten  Club Platz. Neben zwei großen Tanzflächen gibt es auch eine Vip-Lounge und zwei große Swimmingpools.  In der Top-100-Liste der angesagtesten Clubs der Welt des renommierten britischen DJ Magazin rangiert das Papaya derzeit auf Rang 20.

Aquarius

Das Aquarius ist der zweitgrößte Club am Zrce-Beach. Jeden Nachmittag finden im kniehohen Wasser der Pools die After-Beach-Feiern statt. Berüchtigt sind die Jumbo-Cocktails. Beim Abendprogramm stehen sowohl lokale DJs als auch internationale Top-DJs am Mischpult. Auch das Aquarius wird vom DJ Magazin derzeit unter den 100 besten Clubs der Welt geführt (Platz 53).

 

Noa Beach

Nach einem von den Insulanern erwirkten Baustopp am Party-Strand wurde der Noa Club 2012 auf dem Wasser erbaut. Er besteht aus einzelnen Inseln, die durch Stege miteinander verbunden sind. Auf den Inseln befinden sich Bars.  Der Club ist zirka 2000 Quadratmeter groß. Tagsüber kann man mit seinem Boot direkt am Club anlegen.   Außerdem gehört ein  Bungee-Jumping-Turm zum Club, der die ganze Nacht lang in Betrieb ist. Wie das Papaya und das Aquarius zählt auch das Noa laut DJ Magazin zu den besten 100 Clubs der Welt (Platz 37).

Kalypso

Kalypso ist einer der ältesten Clubs am Zrce Beach, angefangen hat alles vor 30 Jahren mit einer kleinen Strandbar. Seither trumpft das Kalypso mit Top Künstlern und Festivals auf und ist in stetigem Wandel. Da sich der Club bis in den Waldrand hineinstreckt, kann man hier eine einzigartige Party-Atmosphäre zwischen Wald, Strand und Meer genießen. Für die Saison 2015 wurde  ein neues  Design erarbeitet mit neuen Festivals, wie zum Beispiel dem Stereo Forest Festival, dem Garden of Art Festival oder dem Colour Festival. Die  Kapazität des Clubs: 3500.

Euphoria

Das Euphoria ist der kleinste Club am Strand von Zrce. Mit etwa 300 Quadratmetern und ohne Pool und sonstige Extras geht es im Euphoria bodenständig zu. Der Club ist nach allen Seiten offen und kostet keinen Eintritt. Auch die Preise im Club  können sich im Vergleich zu den anderen Clubs sehen lassen.

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