"Am häufigsten sind Kaffee und Energydrinks": Matthias Liechti vom Unispital Basel über Hirndoping

Felix Held

Lernt man bekifft besser als nüchtern? Hilft Alkohol vor Prüfungen? Welche Risiken birgt Ritalin? Diese und andere Fragen hat uns Professor Matthias Liechti beantwortet. Er ist Spezialist für Medikamente an der Abteilung für Klinische Pharmakologie am Unispital Basel und forscht zum Thema Hirndoping oder "Neuroenhancement". Im Moment läuft eine Umfrage dazu an der Uni Basel.



Herr Liechti, Kiffer gelten gemeinhin nicht als besonders intelligent. Dennoch rauchen Schüler angeblich Marihuana, um besser durch Prüfungen zu kommen. Wie passt das zusammen?

Matthias Liechti: THC scheint zur "Entspannung" nach dem Lernen Verwendung zu finden also als "indirektes Neuroenhancement". Ob es hilft, ist nicht bekannt. Besser lernen kann man damit wohl kaum.

Beim Begriff Doping denkt man an übertrainierte Radfahrer. Stimmt dieses Bild?

Der Vergleich mit dem Doping hinkt. Wir nennen das zwar Hirndoping. Das ist aber nicht ganz korrekt. Ein Beispiel: Jemand stellt eine Aufmerksamkeitsstörung bei sich fest, lässt diese aber nicht von einem Arzt diagnostizieren. Wenn so eine Person nun Ritalin nimmt, um besser lernen zu können, ist ja die Frage, ob sie dann etwas Unfaires macht. Denn wenn derjenige nun zum Arzt ginge und Ritalin verschrieben bekäme, wäre er ja wieder gleich weit. Wenn er aber durch Ritalin besser lernt, dadurch einen Abschluss machen kann, dann ist das ja zum Wohle der Gesellschaft. Beim Sport kann man das nicht behaupten.

Gibt es Substanzen, die besonders oft zum Hirndoping verwendet werden?

Ja. Am häufigsten Kaffee und Energydrinks, welche aber als softenhance bezeichnet werden könnten. Als richtiges Hirndoping oder Neuroenhancement gilt die Verwendung von Ritalin (Methylphenidat) und so weiter. Von den Medikamenten wird Ritalin am häufigsten verwendet. Etwa vier Prozent der Studenten haben das schon mal probiert. Andere Stimulanzien wie Modafinil sind selten. Indirektes Neuroenhancement wäre die Verwendung von Schlafmitteln, um vor Prüfungen und in der Lernzeit abends schlafen zu können. Das haben etwa zwei bis drei Prozent der Studenten gemacht (ohne Rezept vom Arzt). Häufiger ist Alkohol zur Entspannung und zwar explizit als Hirndoping in der Lernphase und nicht zum Feiern. Das haben mehr als fünf Prozent schon gemacht.

Wer im Leistungssport beim Doping erwischt wird, muss mit einer Sperre rechnen. Wie ist das bei Schülern oder Studierenden, die sich durch Hirndoping Vorteile bei einer Prüfung verschaffen. Können sie bestraft werden?

Zunächst ist fraglich, ob man wirklich Vorteile hat. Dann müsste man erwischt werden. Aktuell ist das von Seiten der Unis nicht geregelt. Gemäß den Disziplinarordnungen der Universitäten ist Neuroenhancement wohl meistens nicht explizit unerlaubt. Es ist auch nicht eine Behinderung anderer oder eine Schädigung öffentlicher Güter direkt erkennbar.

Welche Risiken birgt Hirndoping?

Ritalin kann den Blutdruck und Puls erhöhen und Kopfschmerzen auslösen. Das Medikament ist schon lange bekannt und gut untersucht. Allerdings gilt dies für die tägliche Einnahme als Arzneimittel. Wir wissen, dass Ritalin die Verarbeitung von Gefühlen und damit die soziale Wahrnehmung verändern kann. Allerdings sind diese Wirkungen nicht a priori negativ. Man erkennt zum Beispiel Gesichtsemotionen besser. Höhere Dosierungen von Ritalin können aber gefährlich werden und zu einer Überstimulation führen. Zudem kann sich eine Abhängigkeit entwickeln.

Warum wird zu Medikamenten gegriffen, um die Denkleistung zu verbessern?

Es gibt heute einen gesellschaftlichen Druck, dass man sich konzentrieren können muss. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft. Die Fähigkeit, sich konzentrieren zu können, ist etwas Essenzielles. Im Beruf braucht man heute meist nicht viel Muskelkraft, sondern viel Aufmerksamkeitsleistung. Die Gesellschaft verlangt also etwas, das nicht jeder bieten kann. Gewisse Medikamente können da vielleicht eine Unterstützung sein. Wir wissen von der Umfrage, dass Leute, die finden, sie haben viel Stress – vielleicht weil sie neben dem Studium noch arbeiten –, eher dazu neigen, zu Medikamenten zu greifen.

Welche Alternativen gibt es zu Medikamenten, um die Lernleistung zu verbessern?

Man weiß ja gar nicht genau, ob diese Medikamente wirklich etwas bringen. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, das Ganze sei nur ein Hype. Ich bin da noch nicht entschieden. Es fehlen uns noch Daten. Wenn jemand stark übermüdet ist, wirken Muntermacher – ob man dadurch leistungsfähiger wird, weiß ich nicht. Bei einfachen Konzentrationstests ist das so. Wenn ich mich nicht komplett übermüde, brauche ich aber auch kein Medikament, was mich wieder wach macht. Irgendwann muss man dafür bezahlen. Man hat eine gewisse Zeit am Tag, an der man arbeiten kann. Die kann man kurzzeitig ausdehnen, aber nicht auf Dauer. Das A und O ist eine gute Organisation. Lange Zeit nichts machen und dann vor der Prüfung mit Ritalin Tag und Nacht durch lernen – das ist nicht weise.

Zur Person



Professor Matthias Liechti ist Arzt und Spezialist für Medikamente an der Abteilung für Klinische Pharmakologie am Universitätsspital Basel. Seine Forschungsgruppe untersucht vor allem die Wirkung von psychoaktiven Substanzen bei gesunden Personen. Die Umfrage zu Hirndoping bei Studenten erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung.

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[Bild 1: Ingo Schneider; Bild 2: ZVG]