Als Lagerarbeiter bei Amazon: Nachtschicht als Picker

Fabienne Hurst

Der französische Journalist Jean-Baptiste Malet schleuste sich beim Internetversandhaus Amazon ein. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch "En Amazonie" festgehalten. Über seine Zeit als büchersuchender Roboter hat er mit fudder-Mitarbeiterin Fabienne Hurst gesprochen.



Herr Malet, Sie haben sich für eine drastische Recherchemethode entschieden. Warum?


Jean-Baptiste Malet:
Zuerst habe ich versucht, die Angestellten an der Pforte des Versandlagers in Montélimar anzusprechen. Doch die Leute waren total verängstigt. Sie sagten zu mir: Ich darf nicht mit Ihnen reden, ich könnte meinen Job verlieren. Die Hausordnung von Amazon enthält eine Klausel, die ihnen verbietet, mit der Presse zu sprechen. Als der französische Industrieminister Arnaud Montebourg vergangenes Jahr ein neues Versandlager einweihte, durften nicht einmal die örtlichen Lokaljournalisten die Arbeitshallen besichtigen. Das ist unzulässig!

In einer Demokratie ist es die Rolle der Presse, die Bürger über versteckte Orte zu informieren – wie etwa Firmen, in denen neue Arbeitsbedingungen herrschen und womöglich die Gesetze missachtet werden. Deshalb habe mich selbst dort anstellen lassen, im November 2012, über eine Zeitarbeitsagentur.

Und dort hat man Sie einfach so eingestellt?

Bereits während des Gesprächs mit der Agentur hat man mich die Verschwiegenheitsklausel unterschreiben lassen. In meinem Arbeitsvertrag stand, dass ich mit niemandem darüber sprechen durfte, was an meinem Arbeitsplatz geschehen würde –  nicht einmal mit meiner Familie. Dabei haben die Aushilfen keinerlei Zugang zu irgendwelchen Firmengeheimnissen. Was verschwiegen werden soll, ist die Härte der Arbeit dort.

Wie sieht die Arbeit im Versandlager aus?

Als Nachtarbeiter hatte ich die Schicht zwischen 21.30 Uhr und 4.50 Uhr, mit zwei Pausen von 20 Minuten, die man meistens nicht nehmen kann. Die Woche begann sonntags, fünf Nächte am Stück, immer im selben Team. Als Weihnachten immer näher kam, wurden es sechs Nächte pro Woche. Mein Lohn lag bei 9,725 Euro brutto pro Stunde. Vor jeder Schicht kündigten die Manager die Produktivitätsziele an, die erreicht werden mussten.

Was genau war  Ihre Aufgabe?

Es gibt dort zwei Arten von Jobs: Die Picker sammeln die verschiedenen Produkte ein, die die Packers dann einpacken. Ich war Picker und lief jede Nacht rund 20 Kilometer durch die gigantischen Lagerhallen. In der Hand hatte ich einen kleinen Scan-Computer, der mir anzeigte, wo ich suchen musste. Per Software überwachten die Manager in Echtzeit, wie effizient ich war. Ich sollte 120 bis 130 Artikeln pro Stunde erreichen.

Wenn mein Arbeitsrhythmus unregelmäßig wurde, konnten sie mich vorladen. Ich habe viele deutsche Amazon-Arbeiter interviewt: In Ihrem Land gibt es genau dieselben Regeln.

Dann gibt es spezielle Amazon-Regeln?

Enorm viele, im Detail stelle ich sie in meinem Buch vor. Zusammenfassend könnte man sagen, dass das System Amazon sehr dem Kollektivismus der ehemaligen Sowjetunion ähnelt: einem System, in dem der Einzelne keine Rechte und Freiheiten hat.

Haben Sie ein Beispiel?

Amazon fordert von seinen Angestellten, dem effizientesten Arbeiter, dem sogenannten Top-Performer, zu applaudieren. Amazon ist nicht einfach irgendein Logistik-Unternehmen, es ist vor allem eine Ideologie. Amazon hat ein heimtückisches und regelrecht totalitäres Denunziationssystem unter den Arbeitern aufgebaut. Sie sollen wenig produktive Arbeiter bei ihren Vorgesetzten anschwärzen. Viele meiner Kollegen haben so etwas schon erlebt, und einmal war ich bei einer solchen Szene dabei. Sie nennen es „auf eine Anomalie hinweisen“.

Wer arbeitet bei Amazon?

Vor allem junge Leute, meistens aus ärmeren Verhältnissen, die wegen der hohen Arbeitslosigkeit froh sind um jeden Job. Es gibt auch ein paar wenige Senioren, die keine anderen Jobs finden. Amazon siedelt seine Versandlager ausschließlich in Gegenden an, die von einer hohen Arbeitslosenrate betroffen sind.

Wie ist das Verhältnis der Arbeiter untereinander?

Es gibt keins. Bei der Arbeit ist Reden strengstens verboten. Bei Amazon löst sich der Einzelne in der Masse auf, nur durch sie existiert er. Der einzige Austausch findet in den Momenten künstlicher guter Laune statt, die Amazon organisiert. Das „Have fun“, im Amazon-Slogan „Work hard, have fun, make history“.

Was hat Sie während der Recherche am meisten schockiert?

Dass mir die Arbeiter gesagt haben: „Ich bin bereit, für einen Hungerlohn zu arbeiten, aber ich lasse es nicht zu, dass man mir meine Würde nimmt.“ Viele von ihnen wehren sich nicht gegen die schlechte Bezahlung, sondern dagegen, wie Hühner in Legebatterien behandelt zu werden. Wie menschliche Roboter.

Viele werden sagen: Immerhin schafft Amazon jede Menge Arbeitsplätze.

Falsch. Kurzfristig bekommen die Arbeiter in den von Arbeitslosigkeit betroffenen Städten vielleicht eine Stelle. Aber meine Studien zeigen, dass Amazon für die gleiche Anzahl an verkauften Büchern 18 mal weniger Arbeiter braucht, als ein unabhängiges Buchgeschäft. Die Konkurrenz durch Amazon macht den Einzelhandel von kulturellen Produkten vor Ort unmöglich. In zwei Monaten gab es in Frankreich mehr Entlassungen in dieser Branche als es im nächsten Jahr Amazon-Mitarbeiter geben wird. Wenn man nichts dagegen unternimmt, werden immer mehr Läden schließen.

Wer sollte etwas dagegen unternehmen?

Ich glaube, dass die Gewerkschaften eine Art Gegenmacht bilden könnten. Aber es ist kein Zufall, dass Amazon den Gewerkschaften in Frankreich extrem feindlich gegenübersteht.

Haben Sie Amazon über ihr Buch informiert?

Als ich das Buch schrieb, habe ich eine lange Liste mit Fragen an Amazon geschickt, damit das Unternehmen zu den kritischen Punkten Stellung nehmen kann. Sie haben mir geantwortet, dass sie sich lieber nicht äußern wollen.

Man kann Ihr Buch bei Amazon bestellen. Wie finden Sie das?

Ich habe dieses Buch für alle geschrieben, auch für den treuen Amazon-Kunden. Es ist ein Angebot zur kritischen Betrachtung, ein Zugang zu diesem absurden, abgesperrten Ort. Außerdem ist das nicht Amazons erste widersprüchliche Handlung: Sie verkaufen auch Bücher über französisches Arbeitsrecht. Ich habe neulich zwei Briefe bekommen von Lesern, die das Buch im Netz gekauft hatten. Sie gaben monatlich zwischen 50 und 200 Euro für bei Amazon bestellte Artikel aus. Mein Buch war ihr letzter.



Zur Person

 
Jean-Baptiste Malet
, geboren 1987, ist Journalist im südfranzösischen Toulon. Er arbeitet als Reporter für verschiedene Magazine und Zeitungen, unter anderem für das kontroverse Satireblatt „Charlie Hebdo“. Auf der Suche nach der Ursache des Buchladensterbens in seinem Heimatland recherchierte er wochenlang beim Internetgiganten Amazon – und fing schließlich selbst im Versandhaus von Montélimar als Packer an.„En Amazonie“ (In Amazonien) erschien im Mai 2013 beim Pariser Verlag Fayard (168 Seiten, 15 Euro.).

Es ist Malets zweites Buch: Vor zwei Jahren veröffentlichte er seine investigativen Recherchen über die rechtsextreme Partei Front National in einem Sachbuch.

Mehr dazu:

[Bild 1: dpa; Bild 2: Latour]