Als Azubi ins Ausland: Mit dem Leonardo da Vinci-Programm nach ganz Europa

Maren Windfelder

Nur drei Prozent aller Azubis gehen während ihrer Ausbildung ins Ausland - unter ihnen war 2009 auch die Europakauffrau Christiane Reich. Sie ging nach Barcelona, frischte ihr Spanisch auf und wohnte in einer internationalen WG. Geholfen hat der heute 25-Jährigen dabei das EU-Programm 'Leonardo da Vinci'. Der zweite Teil unserer Mini-Serie 'Als Azubi ins Ausland':



Spanien, Frankreich oder Großbritannien - die Entscheidung fiel der Europakauffrau Christiane Reich schwer. Während ihrer Ausbildung bei der Sick AG in Waldkirch durfte sie entscheiden, in welchem Land sie ihren dreimonatigen Auslandsaufenhalt verbringen sollte. Sie entschied sich für Barcelona. „Barcelona im Sommer, das war super“, sagt Christiane. "Mir ging es aber nicht nur um Strand und Sonne, sondern darum, mein Spanisch nicht zu verlernen.“


Die 25-Jährige studiert mittlerweile Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Offenburg, verbrachte aber während ihrer Ausbildung drei Monate in Barcelona und drei Wochen in Wales. Ihre Aufenthalte finanzierte sie mithilfe des Leonardo da Vinci-Programms.

So viel Zeit im Ausland verbringen allerdings die wenigstens Azubis. Während im letzten Jahr 126.600 der Studierenden für ein Semester ins Ausland gingen, verbrachten nur rund 23.000 Azubis einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland - so das Statistische Bundesamt und die Nationale Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung. Das sind gerade einmal drei Prozent aller Auszubildenden. Oftmals scheitert der mögliche Auslandsaufenthalt allerdings nicht an fehlenden Projektträgern, die die Azubis ins Ausland vermitteln - denn diese gibt es -, sondern daran, dass viele der Auszubildenden nicht über die Angebote informiert werden.



Eine der Möglichkeiten für Azubis, einen Teil der Ausbildung im Ausland zu verbringen, bietet das Leonardo da Vinci-Programm. Seit letztem Jahr setzt es sich insbesondere für Auszubildende ein und ermutigt diese, einen Teil ihrer Berufsausbildung im europäischem Ausland zu verbringen. Leonardo ist das größte deutsche Programm zur Förderung von Auslandsaufenthalten in der beruflichen Bildung. In Baden-Württemberg förderte Leonardo letztes Jahr 1441 Auszubildende.

Die Firma Sick schickt jedes Jahr 33 Azubis ins Ausland. Davon werden circa die Hälfte der Teilnehmer von Leonardo gefördert. „Spanien ist bei unseren Azubis momentan am beliebtesten“, sagt Benno Bohn, Ausbildungsleiter der Sick AG. "Das wird sich aber nächstes Jahr schlagartig ändern, wenn Australien mit zur Auswahl steht.“

Während ihres Barcelona Aufenthalts arbeitete Christiane bei einer Tochtergesellschaft der Sick AG und kümmerte sich um ein internes Projekt. Sie wohnte bei keiner Gastfamilie, sondern in einer gemischten Wohngemeinschaft. „Ich habe gezielt nach einer WG gesucht und wollte auch unbedingt mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenleben. Dann habe ich auf einer Website eine super internationale WG mit einer Italienerien, einem Spanier, und einem Franzose gefunden. Ich dachte mir: Das ist es. Da möchte ich wohnen“, sagt Christiane.

Auszubildende, die im Rahmen des Leonardo-Programms ins Ausland gehen, können zwischen drei Wochen und neun Monaten im Ausland verbringen. Leonardo unterscheidet zwischen Mobilitäts- und Pool-Projekten. Mobilitäts-Projekte werden von den Ausbildungsbetrieben selbst organisiert. Die Unternehmen suchen sich ein Partnerunternehmen im Ausland und bieten ihren Azubis Auslandaufenthalte im Partnerunternehmen an. Wenn die eigene Ausbildungseinrichtung kein Mobilitäts-Projekt anbietet, aber den Auslandsaufenthalt unterstützt, kann sich der Azubi für ein Pool-Projekt bewerben und selbständig ins Ausland gehen. Pool-Projekte werden zum Beispiel von Kammern, Gewerkschaften oder schulischen Einrichtungen organisiert.



Anfangs war es für Christiane ungewohnt, in einem fremdsprachigen Unternehmen zu arbeiten. „Trotzdem war es gut, ins kalte Wasser geworfen zu werden“, sagt sie. "Learning by Doing - das war mein Weg zum Ziel. Ich habe mich nicht davor gescheut Sprachfehler zu machen und habe auch meine Kollegen darauf hingewiesen, dass sie mich korrigieren sollen, wenn ich Fehler mache.“

Die kulturellen Unterschiede waren im privaten Leben am größten. „Im Geschäftlichen sind wir durch die Globalisierung doch alle sehr ähnlich geworden. Aber im Privaten gibt es Unterschiede“, sagt Christiane. „Ich musste mich erst langsam daran gewöhnen, dass Spanier zu Verabredungen auch gerne mal eine Stunde zu spät kommen. In Spanien heißt es immer: Tranquilo, tranquilo. Es läuft alles etwas entspannter ab.“

In Wales lernte Christiane, dass in der englischen Geschäftswelt viel Wert auf Smalltalk gelegt wird. Bei Besprechungen oder Telefongesprächen werde erst mal nachgefragt, wie es der Familie gehe und ob alles in Ordnung sei. „Die Deutschen kommen immer gleich zur Sache“, sagt sie. "Engländern ist es aber sehr wichtig, dass sie ein gutes Verhältnis zu ihren Gesprächspartnern haben."

Christiane empfiehlt jedem Azubi, einen Teil der Ausbildung im Ausland zu verbringen. „Da man durch das Leonardo-Programm die Möglichkeit dazu hat, sollte man sie auch nutzen." Wenn das eigene Unternehmen keine Mobilitäts-Projekte anbietet, solle man es durch die Pool-Projekte versuchen. Einen Tipp für Azubis, die kurz vor ihrem Auslandsaufenthalt stehen, hat Christiane auch: „Selbst wenn es nur für eine kurze Zeit sein sollte. Man muss sich voll und ganz auf das Land einlassen und darf keine Angst haben, Fehler zu machen.“

Das Leonardo da Vinci Programm

Das Leonardo da Vinci ist ein Programmbestandteil des EU-Bildungsprogramms 'Lebenslanges Lernen' mit dem Schwerpunkt Berufliche Bildung. Das Leonardo-Programm fördert Auszubildende, Studierende, junge Berufstätige und Ausbilderinnen und Ausbilder an berufsbildenden Einrichtungen und in Unternehmen. Das Programm unterscheidet zwischen Mobilitäts- und Pool-Projekten.

Mobilitäts-Projekte werden vom Ausbildungsbetrieb, der Berufsschule oder vom Arbeitgeber organisiert und basieren auf einer Partnerschaft mit einem Betrieb oder einer Schule im Ausland. Wenn die eigene Ausbildungseinrichtung kein Mobilitäts-Projekt anbietet, aber einen Auslandsaufenthalt unterstützt, kann sich der Auszubildende für ein Pool-Projekt bewerben. Die Organisatoren der Pool-Projekte vergeben Stipendien an Interessierte aus ganz Deutschland. Bewerberinnen und Bewerber sollen sich allerdings direkt an den jeweiligen Projektträger und nicht an das Leonardo-Programm wenden.

In der Regel werden vom Leonardo-Programm nicht die gesamten Kosten des Auslandsaufenthalts übernommen. Meist gibt es einen Zuschuss zu den Aufenthalts- und Fahrtkosten und zur Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt. Die Höhe des Stipendiums ist abhängig vom Zielland und der Länge des Aufenthaltes. Azubis können mit den Projekten zwischen drei Wochen und 9 Monaten ins Ausland gehen.

Nach dem Auslandsaufenthalt erhält der Azubi einen europass, in dem die im Ausland erworbenen Qualifikationen festgehalten sind. Der europass ist ein europaweit standartisiertes Dokument, in dem Abschlüsse und Lern- und Arbeitserfahrungen einheitlich dargestellt werden. Er kann sowohl für Bewerbungen im Ausland als auch im Inland verwendet werden. Teilnehmende Staaten am Leonardo-Projekt sind sowohl alle 27 EU-Mitgliedstaaten als auch Island, Liechtenstein, Türkei, Schweiz, Kroatien, Norwegen und Mazedonien (nur Entsendeland).

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[Bild: Privat]