Alltag in der Freiburger Erstaufnahmestelle: Drei Flüchtlinge berichten

David Weigend

Wie leben die Menschen in Freiburgs größter Flüchtlingsunterkunft? Wie ist es um Hygiene, Essen, Nachtruhe und Sicherheit bestellt? Zwei Frauen und ein Mann berichten von ihrem Alltag.



In der Erstaufnahmestelle (EA) an der Lörracher Straße ist es derzeit vergleichsweise ruhig. Von 926 Plätzen sind nur 212 belegt – die meisten Flüchtlinge, die in Baden-Württemberg anreisen, bekommen dieser Tage in Heidelberg ihr erstes Zuhause. Das kann sich aber schnell wieder ändern. Die Verantwortlichen im Regierungspräsidium sprechen von einer „Verschnaufpause“.


Wir wollten von drei EA-Bewohnern wissen, wie die Lebensbedingungen hinter den Zäunen des Heims sind. Denn als Außenstehender bekommt man davon ja nichts mit. Wir bitten unsere Gesprächspartner darum, frank und frei darüber zu sprechen. Sie willigen ein – betonen jedoch auch, dass sie keine undankbaren Gäste sein wollen.

Ihnen ist bewusst, dass die EA kein Fünfsternhotel mit Zimmerservice ist, sondern eine erste, provisorische Unterbringung, an die man keine großen Ansprüche zu stellen hat. Dennoch stimmt einiges, was Narges (16), Nasrin (15) und Omar (25) von ihrem Alltag in der EA berichten, nachdenklich. Das Interview führten wir mit den Dreien größtenteils auf Englisch. Auch die Deutschlehrerin von Narges und Nasrin war als Vermittlerin dabei.

Wohnraum

fudder: Wieviel Platz habt Ihr für Euch?

Nasrin: In unserem Raum leben zwölf Personen: Fünf Frauen aus Afrika sowie unsere siebenköpfige Familie, bestehend aus Eltern plus fünf Geschwister zwischen sechs und 16 Jahren - vier Töchter und ein Sohn.  Privatsphäre gibt es da keine.

Yunis: Wir sind 16 Männer in unserem Raum, die meisten von ihnen kommen aus dem Irak. Manchmal geht die beengte Situation an die Substanz. Aber für sechs, sieben Monate ist das okay. Wenn mich die Enge besonders annervt, denke ich an meine Heimat und daran, wie die ISIS sieben meiner Verwandten umgebracht hat. Dann bin ich einfach nur dankbar, dass ich hier bin.


Kaum Privatsphäre: Ein Wohn- und Schlafraum in der Freiburger EA.

Nachtruhe

fudder: Kann man in der EA gut schlafen?

Narges: Nein. Es ist sehr laut, obwohl um 22 Uhr das Licht gelöscht wird. Aber dann fängt der Trubel erst richtig an. Im Aufenthaltsraum rauchen viele Leute und da unser Abteil keine richtigen Wände hat, dringt der Rauch direkt zu uns rein. Musik und allgemeines Palaver verstärken das Grundrauschen im Zelt. Das macht das Einschlafen ganz schön schwer.

fudder: Wann wird es leiser?

Narges: Am frühen Morgen. Da schlafen dann fast alle, bis mittags.

fudder: Schlafen Sie gut, Herr Yunis?

Yunis: Nein, leider auch nicht. Es gibt ja keine richtigen Wände, sondern nur Raumtrenner aus Stoff. Deshalb ist der Geräuschpegel so hoch. In der EA leben viele Familien mit Babys. Die wachen nachts oft auf und schreien, das ist ja normal. Aber man bekommt es eben mit. Manchmal wache ich auch auf, weil es irgendwo lautes Gelächter oder Streitereien gibt. Manche Leute telefonieren auch mit aufgeregter Stimme.

Hygiene

fudder: Wie ist es um die Hygiene im Heim bestellt?

Nasrin: Es ist sehr schmutzig und oft stinkt es. Zwar putzt das Reinigungspersonal regelmäßig die sanitären Anlagen. Doch weil viele EA-Bewohnerinnen nicht viel Wert auf Hygiene legen, reicht dies leider nicht. Es gibt nur fünf Duschen für dutzende von Frauen. Die Duschen sind praktisch in Dauerbetrieb. Gerne gehen wir nicht duschen im Heim, das ist schon eklig. Zumal es nicht immer warmes Wasser gibt. 

Yunis: Wenn ich die Toilette benutzen will, ist es da ziemlich dreckig. Ich warte dann lieber, bis das WC gereinigt wurde. Das Gleiche gilt fürs Bad. Ich desinfiziere zuerst das ganze Bad, bevor ich den Wasserhahn aufdrehe. Da rasiert sich einer drin und lässt einfach alle Haare im Waschbecken liegen. Das ist ekelerregend. Ich habe auch schon viele Heimbewohner mit Hautkrankheiten gesehen. Natürlich versucht man, sich davon fernzuhalten.

Mahlzeiten

fudder: Wie schmecken Euch die im Heim angebotenen Speisen?

Narges: Genießbar ist eigentlich nur das Frühstück. Das Mittagessen schmeckt uns nicht. Der Reis ist sehr hart. Abends gibt es meistens Wurst. Ich habe davon schon Bauchschmerzen bekommen. Immerhin enthält die Wurst kein Schweinefleisch. Eine Kochgelegenheit haben wir keine.

Omar: Das Essen im Heim ist schrecklich und wirklich ein Problem. Gerade wir aus dem arabischen Raum haben sehr spezielle Vorstellungen von der Zubereitung von Mahlzeiten. Wir haben die Heimleitung mehrmals darum gebeten, selbst kochen zu dürfen. Aber dies wurde immer abgelehnt.,Wenn es euch nicht schmeckt, ist das euer Problem’, hieß es dann. Ich habe wirklich nichts gegen deutsches Essen, im Gegenteil. Ich habe eine deutsche Bekannte, die mich hin und wieder zum Essen einlädt. Es schmeckt wunderbar. Aber das Essen in der EA ist einfach nur widerlich. Immerhin, das Frühstück ist okay. Es gibt Eier, Butter und Kaffee. Aber das Mittagessen ist furchtbar. Ich lasse es meist stehen und trinke nur. Da mir meine Eltern Geld überweisen, bin ich in der komfortablen Lage, mir woanders Essen zu besorgen. Aber die meisten von uns haben diesen Luxus nicht.


Schmeckt nicht jedem: das Essen in der EA.

Konflikte

fudder: Gibt es Vorbehalte unter bestimmten Heimbewohnern?

Nasrin: Afghanen, Syrer und Afrikaner mögen sich nicht besonders. Manche afrikanische Eltern sagen ihren Kindern, sie sollten nicht mit arabischen Kindern spielen, denn die seien schlecht. Umgekehrt genauso. Wir versuchen, bei unseren jüngeren Geschwistern keine Vorurteile gegenüber anderen Ethnien aufkommen zu lassen.

Yunis: Syrer und Iraker kommen in der Regel gut miteinander aus. Zwischen Arabern und Afrikanern ist es nicht immer so harmonisch.  Auch bei Afghanen und Irakern gibt es Ressentiments.

fudder: Gibt es in der EA einen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten?

Nasrin: Das Thema wird größtenteils tabuisiert, insofern gibt es auch keinen offenen Konflikt.

fudder: Habt Ihr gewaltsame Auseinandersetzungen im Heim miterlebt?

Narges: Einmal gab es eine große Schlägerei, nach der vier Personen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Ursache war ein Konflikt zwischen Syrern und Afghanen an der Handyladestation. Wir hatten große Angst.

Yunis: Ja, es gibt immer mal wieder kleinere und größere Keilereien. Ein syrisches Kind spielte einmal mit einem afghanischen Kind. Dieses fing plötzlich an zu brüllen und die Mutter dachte, das syrische Kind habe ihrem Sohn etwas angetan. Also schrie sie es an. Es entstand ein Handgemenge, eine afghanische und eine syrische Gruppe ging aufeinander los. Da wurde auch zugeschlagen, es floss Blut. Die Syrer und die Afghanen, die können nicht miteinander.

Nasrin: Unser Vater ist in Sorge, weil unsere jüngeren Geschwister in der EA viel Negatives mitbekommen. Sie sehen oft Streitigkeiten und erlernen den ruppigen Umgangston vieler Mitbewohner. Unter den Kindern und Jugendlichen regiert oft der Egoismus. Man nimmt sich, was man kriegen kann. Diese Ellenbogen-Mentalität will mein Vater von uns Kindern fernhalten. Das ist nicht einfach.

Alkohol

fudder: Wird im Heim getrunken?

Narges: Im Heim ist Alkohol verboten. Aber viele Leute holen sich Alkohol im Supermarkt, trinken ihn draußen und haben dann einen im Kanal, wenn sie wieder reinkommen. Einmal hat einer nachts im Rausch die Wand unseres Wohnabteils umgerissen. Das sind ja nur dünne Trennwände. Die kleinen Geschwister haben sich ganz schön erschrocken.

Omar: Ja, viele genehmigen sich ab und zu einen. Allerdings übertreibt es kaum einer, das ist die Ausnahme. Neulich hat ein algerischer Kumpel von mir einen über den Durst getrunken. Er brüllte dann durchs Zelt: „Isis ist cool!“ und so einen Mist. Ich nahm ihn beiseite und versuchte, ihn zu beruhigen. Ich musste ihm dann am Waschbecken den Kopf unters kalte Wasser halten, dann ging es wieder. Ich habe den Eindruck, dass viele Jungs in der EA einfach aus Langeweile trinken. Sie sind frustriert, weil die Bearbeitung ihrer Asylanträge so lange dauert und weil sie nicht arbeiten dürfen.

fudder:Was machen diese jungen Männer den ganzen Tag?

Yunis: Sie stumpfen ab, weil sie mit ihrer Zeit nichts anzufangen wissen. Sie dösen im Bett bis mittags, nehmen ein spätes Frühstück, legen sich wieder ins Bett und zocken Domino oder Shooter-Games auf dem Handy. Bei einigen spielt dann wie gesagt auch Alkohol eine Rolle.  

Sicherheit

fudder: Gerüchte besagen, dass im Heim oft gestohlen werde. Stimmt das?

Nasrin: Oh ja. Vor allem Handys werden geklaut. Wir haben nicht mal einen abschließbaren Schrank, in dem wir unsere Wertsachen verstauen können. Wir müssen eben gut darauf aufpassen.

Yunis: Es wird viel gestohlen im Heim. Man muss schon auf sein Zeug aufpassen. Ein Afghane hat auch schon versucht, mein Handy zu klauen. Es gibt eine zentrale Ladestation. Wenn du da nicht auf dein Handy aufpasst, krallt es sich schnell einer. Das kommt dauernd vor. Du musst den Leuten in deinem Raum vertrauen können. Wenn da einer dabei ist, den du nicht kennst, solltest du deine Wertgegenstände immer griffbereit haben. Die könnten sonst schnell weg sein. Da ist es dann auch egal, ob ein Muslim oder ein Christ über dir liegt. Du musst einschätzen können, ob du es mit einem anständigen Menschen zu tun hast. Religion spielt da keine Rolle mehr.

Zur Person


Die Familie Jalili wohnt zu siebt in der EA. Von links: Vater Abdulsamad mit seinen Töchtern Narges und Nasrin.

Narges (16) und Nasrin (15) Jalili
stammen aus der afghanischen Stadt Ghazni und gehören der Ethnie der Hazara an. Die schiitische Minderheit der Hazara wird in Afghanistan schon lange diskriminiert und verfolgt.  Auch der Schulbesuch ist Naiges und Nasrin in ihrer Heimat untersagt. 50 Tage war die Familie auf der Flucht, am 10. September zog sie in der EA ein. Im Mai 2016 wollen die Behörden über den Asylantrag der Familie Jalili entscheiden.



Omar Yunis (25) stammt aus Bagdad und ist Bauingenieur. Die Familie des sunnitischen Moslems wird vom IS verfolgt, Yunis sieht in seiner Heimat keine Perspektive mehr. Seine Flucht dauerte 20 Tage, am 6. September kam er in der Freiburger EA an. Diese Woche wird er in ein Heim in der Nähe von Stuttgart verlegt.

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[Fotos: privat, David Weigend]