Alles wie erwartet? Die Fantastischen Vier im ZMF-Zirkuszelt

Manuel Lorenz

Was machen, wenn man am Tag nach dem Konzert keine Zeit hat, eine Rezension zu schreiben? Man schreibt sie einfach im Vorhinein. Genau das hat fudder-Redakteur Manuel Lorenz mit dem Fanta-Vier-Konzert gemacht, das am Donnerstagabend im ZMF-Zirkuszelt gegeben wurde. Was er erwartet hatte und wie es dann tatsächlich kam:



Als ich Matze von meinem Plan erzähle, das ZMF-Konzert der Fantastischen Vier im Vorhinein zu rezensieren - weil unsere Redaktion am Tag nach dem Konzert umzieht und ich also weder Zeit noch Computer haben werde -, ist er begeistert. “Man weiß eh, was passieren wird”, sagt er - und er muss es wissen. Als die Fantas Anfang der 90er bei ihrer ersten Tour auch im Autonomen Zentrum Nürnberg auftreten, ist Matze einer von 30 Gästen - darunter auch ein Moderator von Radio Z, der die Jungs ein paar Stunden zuvor wegen rüpelhaften Verhaltens aus seiner Sendung geschmissen hat. Matze war auf allen Touren bis zur “Lauschgift” dabei, einmal sogar Backstage. Bis zur “MTV Unplugged” kaufte er sich alle Platten. Aber irgendwann war’s dann vorbei.

Bei mir war’s ähnlich: Fan erster Stunde, als 10-Jähriger ihr erstes Album “Jetzt geht’s ab” rauf und runter gehört, als 11-Jähriger “4 gewinnt”, als 12-Jähriger “Die 4. Dimension”, als 14-Jähriger “Lauschgift”. “4:99” hab’ ich zumindest noch wahrgenommen, aber dann nahm ich eine Ausfahrt, bog ich ab, verließ ich die Straße, die immer breiter wurde, erkundete Seitenwege und Trampelpfade, rannte ich über weite Felder und schlug mich durch dichtes Dickicht, landete in Sackgassen und auf Lichtungen und verlor mich irgendwann in der Pampa.

Heute Abend werden all jene da sein, die sich nicht verloren haben. All jene, die auf der großen Straße geblieben sind und sich noch Mitte der Nullerjahre Tour-Shirts der Fantastischen Vier gekauft haben. In ihrem Kleiderschrank liegen auch Tour-Shirts von Herbert Grönemeyer, den Toten Hosen und Pur. Sie sind strictly Ü30, können auch die späteren Alben wortgetreu mitsingen - “Viel”, “Fornika” und “Für dich immer noch Fanta Sie” -, sind überhaupt sehr aufs Mitmachen bedacht, aufs Mitklatschen, Mittanzen, Mitspringen, finden den “Arschficksong” scheiße und Laith Al-Deen okay, sagen, sie mögen Hiphop, wenn sie meinen, sie mögen die Fantas. Nach dem Konzert werden sie Dinge sagen wie “TTT - Total Tolles Theater”.

Von Anfang an auf Action gebürstet

Matze war damals noch Punk, und trotzdem hat er die Fantas abgefeiert. “Weil die musikalisch so gebildet waren”, sagt er, “im Gegensatz zu all den anderen Hiphop-Nasen.” Sie hätten Soul und Funk total intus gehabt, hätten Samples benutzt, deren Originale er gekannt habe - unter anderem dasjenige von Asha Puthli, das ihnen der Freiburger DJ Rainer Trüby 1992 vorspielte und das Grundlage ihres ersten Überhits “Die da!?” wurde. Und: Sie seien schon mit einer Band auf Tour gegangen, als andere Rapper sich noch damit begnügten hätten, ihre Instrumentals vom Band abzuspielen.

Matze sagt: “Das wird natürlich abgehen, heute Abend.” Ich sage: So wie die letzten 23 Jahre. Die Band wird super abgemischt sein, das Schlagzeug wird Wumms haben, die Percussions Zauber, der Bass wird in die Magenbrube gehen, die Gitarre in den Brustbereich, die Keys in die Seele. Die Fantas selbst werden bestens gelaunt sein, die Bühne stürmen, viermal so cool gekleidet wie jeder im Publikum, von Anfang an auf Action gebürstet, die komplette Gute-Laune-Abfahrt, der absolute Superpartywahnsinn, And.Ypsilon im Hintergrund, Thomas D, Michi Beck und Smudo im Vordergrund, immer schön am Rochieren, mit dem eisernen Willen, jeden Kubikmeter im Zirkuszelt mit ihrer fantastischen Präsenz auszufüllen.



Ich weiß nicht, zu welchem Song sie einmarschieren werden, aber das ist auch egal. Ich hab’ nicht nachgezählt, wie groß ihr Repertoire mittlerweile ist. Über 20 Jahre im Geschäft, acht Studioalben - da werden sie die anderthalb, zwei Stunden schon zu füllen wissen. Wahrscheinlich fangen sie mit neuem Kram an, mit Zeugs, das ich nicht kenne oder nur vom Hörensagen, streuen dann ältere Sachen dazwischen - “Troy”, “Bring It Back”, “MfG” - und arbeiten sich von vorne nach hinten durch. Ignorieren können sie nicht: “Populär” (Mitsingnummer), “Sie ist weg” (ebd.), “Was geht” (ebd.). Ob sie noch weiter zurückgehen, “Tag am Meer” bringen (Feuerzeugnummer) oder gar “4 gewinnt” (Mitsingnummer) oder “Die da” (ebd.) - keine Ahnung. Vielleicht können sie die Teile selbst nicht mehr hören, ganz zu schweigen singen. Aber, Mann, würde ich abgehen zu “4 gewinnt” …

Ab und zu werden sie Scherze erzählen, die sie konkret auf Freiburg beziehen. Sie werden rumsticheln, aber immer die Kurve kriegen. Sie werden dem Publikum das Gefühl geben wollen: Hey, die da oben sind ja ganz schön frech - typische Rapper halt!, wollen aber gleichzeitig, dass das Publikum mit einem guten Gefühl nachhause geht. Man wird ihnen nicht böse sein können. An einem der Höhepunkte des Abends wird Thomas D, wenn er gut drauf ist - und das ist er ja immer, glaube ich -, sein T-Shirt ausziehen und seinen grandios tätowierten und gut austrainierten Oberkörper entblößen. Spätestens dann wird das Publikum alle Smartphones in die Luft halten.

19 Uhr, noch zwei Stunden bis zum Konzert. Als Jan mitbekommt, dass ich gleich zu den Fantas gehe, gibt er mir auf Facebook den Rat: “Schreib einfach, dass die voll gegroovt haben und Witze gemacht zwischen den Songs.” Und Jan muss es wissen: Er kommt aus Stuttgart und macht Musik.

24 Uhr, zwei Stunden nach dem Konzert. Frage: Kam alles wie erwartet? Hatten Matze und Jan recht? Antwort: Ja. Es ist alles genau so gekommen. Und “Die da!?” haben sie nicht gespielt. Natürlich nicht.



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