Alles andere als dämlich

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, dass es auch bei dem Brettspiel Dame eine Weltmeisterschaft gibt? Wie bei vielen Denksportarten gab es einen Mann, der die Weltszene jahrzehntlang beherrschte: Er verlor kein einziges WM-Spiel. Bis er gegen ein Computerprogramm um den Weltmeistertitel spielte.

Marion Tinsley war 1955-1958 vier mal in Folge Dame-Weltmeister (Checkers World Champion) geworden. Danach nahm er nicht mehr an den Wettkämpfen teil, weil es ihm zu langweilig wurde. Als er 1975 wieder mal antrat, wurde er prompt Weltmeister mit den 12 Steinen auf dem Schachbrett. Und das jedes Jahr wieder. Bis 1991, als er abermals genug davon hatte, allerdings aus einem anderen Grund.


An der nächsten WM wollte er nicht teilnehmen. Über die US-Meisterschaft wäre er wie üblich als Erster qualifiziert gewesen, doch er weigerte sich, da der Zweitplatzierte nicht für die WM zugelassen wurde: Ein Computerprogramm namens Chinook. Den Machern dieses Programms wurde die Teilnahme an den US-Meisterschaften nur gestattet, nachdem sie im Voraus auf eventuelle Preisgelder und Pokale verzichtet hatten.

Diesem Programm traute Tinsley als einzigem zu, ihn zu schlagen. Doch nachdem Chinook nicht um die Weltmeisterschaft mitspielen durfte, zog sich auch Tinsley zurück. Da er nur gegen das Programm spielen wollte, wurde sobald wie möglich eine Extra-Weltmeisterschaft Mensch gegen Maschine anberaumt: Tinsley gewann dieses Match mit 4:2. Bei einer Revanche drei Jahre später schaffte der ewige Weltmeister noch 6 Unentschieden hintereinander gegen das inzwischen verbesserte und auf schnelleren Rechnern laufende Programm, bis er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Dadurch wurde Chinook Weltmeister, ohne je den besten Dame-Spieler aller Zeiten geschlagen zu haben.

1995 verstarb Marion Tinsley im Alter von 68 Jahren. In seinem ganzen Leben hatte er nur neun Dame-Spiele verloren. Zwei davon gegen Chinook bei besagtem Match. Und zwei gegen seine Mutter im Alter von vier Jahren.