Alle Jahre wieder: Was machst Du eigentlich an Silvester?

Fabienne Hurst

"Was machst Du eigentlich an Silvester?" Eine Angst einflößende Frage. Wer sich traut, sie zu stellen, hat entweder schon was vor, will von der eigenen Planlosigkeit ablenken oder noch genügend Zeit, etwas zu planen. Ich habe sie zum ersten Mal Ende August gehört – und zum letzten Mal gerade eben. Die Antwort ist immer noch die gleiche: Ich habe keine Ahnung. Ich habe Angst.

Jedes mal, wenn die Frage nach der Silvesterplanung kam, habe ich mich geweigert, mich festzulegen und eine konkrete Ansage zu machen. Ich habe mich für unendlich flexibel und atemberaubend spontan gehalten, für unspießig, kreativ und originell. Und jemand wie ich braucht doch keine Pläne.


Ein Freund postet auf Facebook: „Berlin oder Freiburg“, 19 Kommentare, Berlin gewinnt. Ich bin aber in Freiburg und habe keinen Zug gebucht, auch keinen Flug und ein Auto habe ich auch nicht. Alles was ich habe, ist eine Last-Minute-Einladung von Jens aus Umkirch, und Angst davor, dass ich darauf zurückgreifen muss. "Feuerzangenbowle im kleinen Kreis" hat Jens angekündigt, mit Bleigießen und "Dinner for one und so". Gesagt habe ich „Cool, ich komme“. Gedacht habe ich: „Hoffentlich finde ich etwas besseres.“ Aber so ein Backup entspannt schon mal, nur nicht in der Woche vor Silvester. Deshalb werde ich etwas dagegen unternehmen. Der erste Gedanke: Billigflüge checken. Istanbul, Barcelona, Rom, irgendwohin wo’s schön ist. Oder ein Haus in Dänemark mieten, eine Skihütte in Vorarlberg. Ich könnte auch selber eine Riesenparty schmeißen, ein Dinner bei mir in der WG veranstalten oder ganz schick essen gehen. Wieso bin ich nicht schon früher darauf gekommen?

Dumm nur, dass sich Billig-Flüge eine Woche vor Jahresende in Wucher-Flüge verwandeln, selbst die ranzigsten Wohnmöglichkeiten zwischen Alpen und Ostsee seit einem Jahr ausgebucht sind und alle potentiellen Partygäste „schon was vor“ haben.

Ich bin am Boden zerstört und sehe bereits mein Silvester-Schicksal vor mir: Ich werde mich im Dorf meiner Eltern irgendeiner Meute anschließen und im Clubheim des FC Pfaffenweiler landen. Ich werde Leute treffen, die ich nicht kenne und noch mehr Leute, die ich nicht kennen will. Ich werde kleine Plastikbecher mit seifig schmeckender Bowle („Die Dosenpfirsiche habe ich extra 24 Stunden in Tequila eingelegt“) füllen – so lange, bis ich nichts mehr schmecke. Ich werde bescheuerte Party-Musik ertragen und mit Leuten sprechen, die seit Jahren (aus gutem Grund) nicht gesehen habe. „Was machst du jetzt so?“ „Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen!“ „Hast Du noch meine Nummer?“

Irgendwann werden alle nach draußen gehen und die mitgebrachten Feuerwerksraketen in leere Weinflaschen stecken. Und aus lauter Frust und Verzweiflung werde ich mit dem hässlichen Mannschaftskapitän rumknutschen und um halb eins bereits beide meiner Vorsätze für das neue Jahr gebrochen, nämlich die zweite Kippe geraucht und die Nummer meines Exfreundes dreimal gewählt haben.

So wird es wohl kommen – und nur, weil ich die Silvester-Entscheidung so lange vor mit hergeschoben habe. Aber das Aufschieben scheint an Silvester Tradition zu haben: Der Papst Silvester I. ist am 31. Dezember 335 gestorben, 813 wurde sein Namenstag in den Kirchenkalender eingetragen und erst seit 1582 gibt es die Verbindung mit dem Jahresende. Da hat auch jemand ziemlich lange gewartet, ob vielleicht noch etwas Besseres kommt. Und am Ende feiern eben alle nur den 1675ten Todestag eines Papstes. Irgendwie tröstlich.

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