Alkoholverbotstalk: Saufen hinterm Martinstor

Helena Barop

Vorglühen, dann Flatratesaufen und Lady's Night, anschließend etwas Krawall und Remidemi im Bermudadreieck, vielleicht noch ein paar in die Fresse und um halb sechs mit dem ersten Zug heim in den Schwarzwald. Wer nicht mitmacht, ist ne Lusche, und das kommt bei den Mädchen gar nicht an. Sieht so das Nachtleben in Freiburg aus? Was bringt das Alkoholverbot? Bei einer Podiumsdiskussion, organisiert von den Grünen, wurde gestern heiß darüber diskutiert.



So oder so ähnlich wie oben beschrieben ist das Bild, das sich Polizei, Ordnungsamt und Stadtrat in den letzten Jahren von der Wochenendgestaltung der Breisgauer Jugend gemacht haben. Es ist Mittwochabend, in der Aula der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule sitzen geladene Vertreter verschiedener Positionen.


Es geht ums Alkoholverbot, das seit Jahresbeginn zwischen Martinstor, Bertoldsbrunnen und Werderring  gilt: Freitag-, Samstag- und Sonntagnachts sowie vor gesetzlichen Feiertagen zwischen 22 und 6 Uhr. Durchgesetzt wird das Verbot von der Polizei. Wer dagegen vestößt, ist sein Bier schnell los.





Was ist da los?

In den vom Alkoholverbot betroffenen Bereichen wurden zwischen dem 9. Mai und dem 31. Dezember 2007 1642 Menschen von der Polizei kontrolliert, weil sie aufgefallen waren. 864 davon wurden als „Gefährder“ eingestuft, 387 bekamen einen Platzverweis, weil sie gewalttätig geworden waren, ohne jedoch eine Straftat zu begehen, 173 machten sich einer Straftat schuldig und 87 wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen. Insgesamt nahm in diesem Zeitraum die Gewalt tendenziell zu.

Der Leiter der Polizei Freiburg Nord, Harry Hochuli referiert diese Polizeistatistik und präsentiert seine Analyse: Täter wie Opfer der Gewalttaten im Freiburger Nachtleben sind 18 bis 25 Jahre alt, kommen aus Freiburg und dem Umland und jeder zweite von ihnen ist alkoholisiert. „Ich bin froh, dass es die Alkoholsperre gibt“, schließt Hochuli seinen Lagebericht.



Bringt das was?

Ja, sagen Polizei und Ordnungsamt. Anders als im gesamten Land Baden-Württemberg stagniert die Entwicklung der Gewaltstatistik in Freiburg, seit es die Alkoholsperre gibt. Walter Rubsamen vom Ordnungsamt: „Ich persönlich bin überzeugt, dass die Sperre erfolgreich sein wird.“

Wir werden sehen
, sagt Maria Viethen, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat. Ihre Partei hat dem Beschluss zugestimmt, obwohl die Grünen bisher „nicht als Law-and-Order-Partei verschrien“ sind, wie Moderator Jens Kitzler bemerkt.



Maria Viethen steht hinter der Maßnahme, berichtet eindrucksvoll von den Erfahungen der Rettungsassistenten, die „blutüberströhmte“ Jugendliche behandeln müssen, die mit abgebrochenen Flaschen aufeinander losgehen. Sie hofft auf eine Verbesserung der Situation bis Juli. Dann wird im Stadtrat über die Ergebnisse der Sperre debattiert und entschieden, ob die bisher nur befristete Maßnahme langfristig angewendet werden soll.

Unabhängig, wie sich der Stadtrat entscheiden wird, wünscht sich Frau Viethen einen „Freiburger Ehrenkodex“, der Flatrates („all you can drink“ für einen festen Preis) und Lady's Nights (Frauen kommen kostenlos rein, dürfen kostenlos trinken, später werden die Männer „auf sie losgelassen“) verbieten soll.

Ein Verbot ist der falsche Ansatz, findet Jeanette Piram, Leiterin der Freiburger Drogenberatungsstelle „Drobs“. Statt an den Symptomen herumzudoktern, solle man lieber in Prävention und Drogenhilfe investieren und nicht nur in  Repressionsmaßnahmen.




Nein,
„ein Trinkverbot ist nicht der richtige Weg“, findet der Oberstufenschüler Nicolas Mielich. Er steht nicht auf besoffene Mädels und Schlägereien, aber er weiß auch: Wenn vor dem Martinstor nicht mehr getrunken wird, dann eben dahinter. Spielplätze, Straßenbahnhaltestellen, Wohnzimmer – man  kann sich fast überall treffen und sich besaufen. Was in der Stadt nicht mehr getrunken werden darf, das wird eben beim Vorglühen gekillt. Die größte der vielen StudiVZ-Gruppen „Ich glühe härter vor als du Party machst“ hat an diesem  Mittwochabend 124 231 Mitglieder.

Nicht nur die Regelung findet Nicolas daneben. Auch das Verhalten der Politik gegenüber den Jugendlichen kann er nicht verstehen. Da sollen sich also nun Experten aus Bund und Ländern treffen und in einem von Frau Viethen gelobten Fachgespräch über das Thema austauschen. Aber „was wissen die denn?“, fragt der Schüler. Die „Zielgruppe“, also die 18- bis 25-jährigen aus Herrn Hochulis Statistik, wurden nicht nach ihren Meinungen und Lösungsideen gefragt.



Dabei könnten die Betroffenen wohl ein realistischeres Bild von der Situation zeichnen, als Polizei und Ordnungsamt. Die Regeln des „Outlaw-Gehabes“ verbieten es den Jugendlichen, bei Schlägereien die Polizei zu rufen. Wer sich auf dem Spielplatz beim Vorglühen ein blaues Auge holt, erscheint nicht in der Statistik. Selbst wenn also die Statistiken der Polizei bis Juli einen Rückgang der Gewalttaten verzeichnen sollten, kann es sein, dass die Gewalt einfach nicht mehr aufgefallen ist.



Dürfen die das?


Nein,
sagt Professor Roland Hefendehl. Er ist Kriminologe an der Uni Freiburg und sitzt im knallblauen Zipper mit „DDR“-Schriftzug neben Harry Hochuli. Seinem Staatsverständnis nach sollte sich der Staat auf seine Aufgaben beschränken und nicht auf Verdacht in Bereiche des Privatlebens eingreifen, in denen er nichts zu suchen hat.

Alkoholkonsum, Konflikte und Gewalt sind seiner Auffassung nach städtische Phänomene, „wenn wir das nicht aushalten, dann müssen wir in den Schwarzwald ziehen“. Im Übrigen hält er die Freiburger Kriminalstatistik für wenig aufsehenerregend („wir haben kein zunehmendes Gewaltproblem“) und findet ein Alkoholverbot daher nicht angemessen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Alkohol und Gewalt sei außerdem kriminologisch nicht belegt.



Professor Hefendehl vermutet hinter der Alkoholsperre eine andere Motivation als den Schutz vor Gewalt: „Freiburg hat einen guten Ruf zu verteidigen“, da passten pöbelnde Betrunkene nicht ins Bild. Die Alkoholsperre als Schutzmaßnahme zu verkaufen bezeichnet er als „Heuchelei“.

Und jetzt?

Die Stimmung in der Aula ist geladen. Am Ende bleibt ein unbefriedigtes Gefühl, als nach fast zwei Stunden Frau Viethen die Bemerkung macht: „Für mich hat sich das Problem heute abend nicht gelöst“.

Im Juli werden all diese Argumente wieder ausgepackt werden. Vielleicht auch die der Schüler. Dann wird man sehen, ob es was gebracht hat, „oder ob man’s bleiben lässt", wie Jens Kitzler sagt, "weil’s sich als blödsinnig erwiesen hat.“