Beispiel Gundelfingen

Alkoholexzesse von Jugendlichen an Fasnacht nehmen zu

Andrea Steinhart

Unschöner Nebeneffekt der Fasnacht: Immer mehr Jugendliche nutzen den Deckmantel des Brauchtums, um sich gnadenlos zu betrinken. Ausbaden müssen das Polizei und Rettungskräfte. Wie etwa jüngst in Gundelfingen.

Der Asphalt auf dem Gundelfinger Schulhof dürfte das Letzte sein, an das sich Ben* (*Namen geändert) nach dem Aufwachen erinnern wird. Dort sackte er nach einem ausgiebigen Trinkgelage zusammen. Zuvor schlug er noch den Polizeibeamten, der ihn kontrollieren wollte, mit seiner Plastikflasche. Man brachte Ben ins Schulhaus. Dort hatten der DRK und die Malteser mit 21 Helfern eine Krankenstation eingerichtet. Jetzt hängt der junge Mann mit den kurzen, blonden Haaren in stabiler Seitenlage auf einer Liege und bekommt nicht mehr viel mit.

Narri und Narro: Am Sonntag fand in Gundelfingen der große Fastnetsumzug (Fotos) statt. Doch allzu oft riefen auch hier wieder gerade Jugendliche: Prost! Für einige endete die Fröhlichkeit vorzeitig in der Trunkenheit. "Bereits bevor der Umzug los ging, hatten wir hier schon betrunkene Mädchen zu versorgen", sagte Claudius Stahl, Bereitschaftsarzt bei den Maltesern. Im zweistelligen Bereich lag am Ende die Behandlungsanzahl der besoffenen Jugendlichen.


Teils sind die Krankenhäuser ausgelastet

Was auffällig ist: Unter den Minderjährigen sind es fast ausschließlich Mädchen, die zu viel Schnaps getrunken haben und dann zusammengebrochen sind. Vier Jugendliche wurden am Ende mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Ben sollte zuerst in das Kinderkrankenhaus. Er ist erst 15 Jahre alt. Allerdings war noch nicht ganz klar, ob es dort überhaupt Platz gibt, denn am Sonntag gab es mehrere Veranstaltungen im Großraum Freiburg – und alle Krankenhäuser hatten daher gut zu tun.

Der Trend zum exzessiven Trinken bei Jugendlichen ist weiterhin ungebrochen – auch oder vor allem bei Fasnetsveranstaltungen. Der Alkoholmissbrauch beschäftigte daher immer wieder sehr intensiv die Polizei und die Rettungskräfte – auch in Gundelfingen. Daran änderte das Verkaufsverbot von hartem Alkohol an der Umzugsstrecke und in den beiden Narrendörfern nicht viel. Flatrate-Trinken in der Öffentlichkeit ist für viele junge Menschen "cool". Sie bringen ihre alkoholischen Getränke in Mengen mit. Kaum einer von ihnen scheint an die Auswirkungen und Schäden für die Gesundheit zu denken.

Wodka mit Orangensaft oder Eistee mit Rum werden konfisziert

Bei den Kontrollen fanden sie vor allem Wodka gemischt mit Orangensaft oder Eistee mit Rum, berichten die Jugendsachbearbeiter Gert Poleski vom Polizeiposten Gundelfingen und seine Kollegen aus Freiburg Andreas Dickerhof und Dirk Imkamp. In Scharen waren die Jugendlichen aus den ankommenden Zügen geströmt. Doch nicht nur am Bahnhof wurden die jugendlichen "Rucksacksäufer", die oft wenig Bezug zur Fasnet haben, kontrolliert. Auch an der Straßenbahnendhaltestelle standen Polizeibeamte, sowie an den Ortseingängen aus Vörstetten, Wildtal und Denzlingen kommend und kassierten bei Taschenkontrollen Alkohol sowie sonstige Drogen ein und stellten die Personalien fest.

"Wir wollten damit verhindern, dass es in Gundelfingen zu Randalen kommt, wie kürzlich bei den Fasnetsumzügen in der Umgebung", sagte Poleski.
"Oftmals unterschätzen die Eltern ihre Kinder" Polizist Dirk Imkamp
Auf dem Gundelfinger Polizeiposten herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Rund zwei Dutzend Bundes- und Landesbeamte waren am Sonntag im Einsatz. Die Präsenz der vielen uniformierten Polizisten auf der Straße ließ sicherlich manche Gewalt-Attacke im Keim ersticken. Dennoch gab es eine Schlägerei zwischen einer Gruppe abseits der Umzugstrecke. Auf dem Schulhof wurden zwei Jugendliche kontrolliert, einer wurde wegen dem Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz in Gewahrsam genommen.

Der 16-jährige Tommi* hatte Marihuana und eine Marihuana-Mühle dabei. Der smarte Junge musste warten, bis ihn seine Eltern auf dem Posten abholten. "Oftmals unterschätzen die Eltern ihre Kinder", berichtete Imkamp. Manchmal sind die Eltern total schockiert wenn sie auf dem Polizeiposten ankommen. Andere Mütter oder Väter kümmern sich weniger um die Eskapaden ihrer Kinder. "Man merkt schon, wenn Jugendliche aus nicht-intakten Familien kommen", so Imkamp.

Das Einstiegsalter für Alkohol liegt heute bedeutend unter der gesetzlich erlaubten Grenze. "Bereits 15-Jährige trinken alkoholische Getränke", weiß Poleski. Das Jugendschutzgesetz sagt aber klar, dass Spirituosen und auch branntweinhaltige Mischgetränke unter 18 Jahren verboten sind. Bier, Wein, Sekt ist für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten. Sind die Eltern dabei, sind diese Getränke auch für Kinder ab 14 Jahren erlaubt. Je geringer das Körpergewicht des Kindes oder Jugendlichen ist, umso mehr wirken die aufgenommenen Alkoholmengen. "Zudem nimmt die Gewaltbereitschaft zu", sagte Poleski.

Alkohol und Gewalt gehen oft Hand in Hand

Schläge oder Tritte, Widerstand, Beleidigungen – die Polizeibeamten haben schon einiges erlebt. Auch am Samstag war manche Situation heikel. Und selbstverständlich war dabei immer Alkohol im Spiel.

An der Bushaltestelle der Raiffeisenbank hielt sich eine ganze Gruppe junger Erwachsener aus dem Umland auf, die ihren völlig betrunkenen und aggressiven Freund nicht in den Griff bekam, aber jede Hilfe der Polizei ablehnten. Minutenlang beobachteten und wägten die drei Jugendsachbearbeiter die Szene ab – bis die Gruppe sich auf den Heimweg machte. "Da war viel Schau und Machogehabe dabei", sage Dickerhof.

Opfer der Betrunkenen sind auch die normalen Zuschauer und die Hausbesitzer. "Das wird immer schlimmer. Vor unserem Haus standen acht junge Leute, die Mädchen darunter haben nur noch die Augen verdreht und nichts mehr gecheckt. Eine konnte nicht mehr stehen und dann hat sie sich auch noch direkt vor unserem Garten übergeben", beschrieb eine Zuschauerin aus der Kirchstraße. Andere Vorgärten missbrauchten Wildpinkler als Toiletten oder entsorgten ihren Müll einfach hinter den Gartenzäunen.

Dennoch: Am Abend, Stunden nach dem Umzug, als sich die Plätze leerten, waren die Polizisten zufrieden. Für sie gab es keine größeren Vorkommnisse. "Der ganz normale Wahnsinn – aber sonst war es ruhig", fasste es Poleski zusammen. Für Ben, der den Polizeibeamten angegriffen und beleidigt hatte, gibt es jedoch ein Nachspiel. Poleski: "Schließlich haben wir ein neues Gesetz, das härtere Strafen, für Angriffe auf Polizisten, Retter und Feuerwehrleute vorsieht."

Mehr zum Thema: