Alexander Weiß und Daniel Weiß: Berliner Weiße mit Puck

Paul Linke

Das sind die Brüder Alexander (links) und Daniel Weiß. Aufgewachsen in Vöhrenbach im Schwarzwald, zählen sie inzwischen zu den hoffnungsvollsten Nachwuchsspielern der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Auf fudder sprechen die beiden Jungprofis der Eisbären Berlin über ihre Karriere, Heimat und Entbehrungen.



Kurz nach neun Uhr morgens erhält Daniel Weiß einen überraschenden Anruf. „Vielleicht spielst du heute Abend “, sagt die Stimme am Telefon. In einer halben Stunde, so der konkretere Hinweis, finde die Mannschaftssitzung statt.


Als Daniel den vereinbarten Treffpunkt im Sportforum des Berliner Randbezirks Hohenschönhausen pünktlich erreicht und zwei Stunden später wieder verlässt, steht sein Einsatz aber immer noch nicht fest. Erst auf dem Rückweg kommt die entscheidende Nachricht per SMS: „Danny, you’re playing tonight.“ Absender: Don Jackson, Trainer der Eisbären Berlin. Daniel grinst und reicht das Handy an seinen Bruder weiter. Jetzt ist es amtlich: Daniel (18), eigentlich im Nachwuchsteam aktiv, und Alexander (21), Nationalspieler und Stürmer bei den Eisbären, werden heute gemeinsam aufs Eis gehen. Bei den Profis.

Dass die Brüder zu den hoffnungsvollsten Nachwuchsspielern der Deutschen Eishockey Liga (DEL) zählen, hat ihr Vater als erster geahnt. „Wenn Jungs auf die Welt kommen“, prophezeite Markus Weiß vor vielen Jahren, „dann werden sie bestimmt Eishockeyspieler.“



Die Erfolgsgeschichte beginnt mit der Geburt der Brüder in Titisee-Neustadt. Aufgewachsen sind sie dann in Vöhrenbach im Bregtal. „Sehr idyllisch“, sind sich Alexander und Daniel Weiß einig, „aber nach zehn Uhr abends ist dort nichts mehr los.“ Schlittschuhlaufen war im Winter ihr liebster Zeitvertreib; bald drehten sie ihre Kreise auch mit Stock, Puck und vergittertem Schutzhelm, oft unter väterlicher Anleitung auf einem gefrorenen See in der Nähe des großelterlichen Hauses.

Später spielten beide in den Jugendmannschaften der Schwenninger Wild Wings und besuchten gleichzeitig ein Internat in Weiden, an das sich Daniel ungern erinnert. „Die Zeit war echt hart“, sagt er, „ich musste viel lernen, die Hausregeln waren sehr streng und ich hatte Heimweh.“ Alexander nickt mitfühlend.



Der erhoffte Tapetenwechsel sollte jedoch nicht lange auf sich warten lassen. Der inzwischen verstorbene Jugendbuchautor Hans-Georg Noack setzte dem tristen Internatsleben im Jahre 2000 ein Ende und öffnete die Karrieretür. Dank seiner Kontakte zu den Eisbären Berlin erhielten Daniel und Alexander die Chance, sich in der Hauptstadt zu beweisen. Mit Erfolg.

Und das Heimweh? „Klar, Berlin war eine noch größere Umstellung“, sagt Alexander abgeklärt, „aber wir haben im Laufe der Zeit gelernt, selbstverantwortlich und diszipliniert zu sein.“ Wer Profi werden will, muss sich eben auf häufige Ortswechsel einstellen. Zur Verkürzung der Eingewöhnungszeit gründete der Vater mit seinen Söhnen zunächst eine Männer-WG. Mittlerweile lebt Alexander allein, in einer vom Verein eingerichteten Wohnung in Hohenschönhausen, nur wenige Meter von der alten Wohnung entfernt.



„Wir waren gestern im Kino und haben danach chinesisch gegessen“, erklärt der Hausherr das Chaos im Wohnzimmer und schiebt die Pappschachteln bei Seite. Wenn es die Trainingszeiten zulassen, verbringen Daniel und Alexander viel Zeit miteinander, dabei reden sie auch über Themen wie die Entbehrungen eines Jungprofis.

Während Daniel beteuert, dass es absolut okay sei, auf Diskobesuche und andere Nachtaktivitäten zu verzichten, bringt der ältere Bruder eine andere Sicht ins Spiel. „Ehrlich gesagt fragt man sich schon manchmal, warum wir zu Hause bleiben müssen, wenn Freunde ausgehen können“, sagt er. „Aber im Endeffekt arbeiten andere acht Stunden am Tag, wir trainieren dafür nur zwei oder drei.“ Das sei doch ein fairer Ausgleich, bilanziert Alexander, sich seiner Vorbildfunktion durchaus bewusst. Von seiner Erfahrung soll Daniel profitieren. „Ich bin halt der beste Bruder der Welt“, sagt er.

Beim Thema Heimatverbundenheit kommen sich beide indes nicht in die Quere. „Im Schwarzwald haben wir mehr Ruhe und können besser entspannen“, sagt Daniel. Die Menschen sind höflicher, finden beide, man grüßt sich auf der Straße, ja, und dann diese traumhafte Landschaft. Der einzige grüne Fleck in ihrer Berliner Umgebung ist der Friedhof auf halber Strecke zur Eishalle.

Nur verständlich, dass beide ihre Kinder lieber wohlbehütet im Schwarzwald erziehen würden – eines fernen Tages. Das Großstadtleben erscheint ihnen dafür nicht geeignet, zu groß sei die Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten. „Wir hatten damals ein großes Grundstück, einen Garten, Hunde, Katzen und Hasen“, sagt Alexander, „und einmal in der Stunde fuhr ein Auto vorbei.“ Was soll da schon passieren.



Also doch Sehnsucht nach der Heimat? Nein, dieses Kapitel scheint erstmal abgehakt. Trotzdem verbringen Daniel und Alexander Weiß in der Eishockey-Sommerpause zwei oder drei Wochen im Schwarzwald.

Im Laufe der Saison erhalten sie Gegenbesuch von der Mutter und der jüngeren Schwester, mit der sie in den Berliner Zoo gehen müssen. Sie kommen natürlich nicht umhin, dort auch den kleinen Eisbären Knut zu besuchen. „Ach“, sagt Alexander, „die täglichen Berichte gingen uns auf die Nerven.“ Knut ist doch kein Eisbär. Zumindest keiner, der Eishockey spielt.