Al Di Meola: Der Großfusionist im Jazzhaus

David Weigend

Al Di Meola gilt als einer der besten Jazz- und Fusiongitarristen der Welt. Gestern hat der Italoamerikaner im ausverkauften Jazzhaus bewiesen, dass diese Behauptung nicht zu vollmundig ist. Zweieinhalb Stunden Musik vom anderen Stern.



 Michael von Gee, Vorsitzender des Jazzhaus e.V., lässt es sich nicht nehmen, um 20.10 Uhr vors dichtgedrängte Auditorium zu treten und den Vollbartgott mit stolzem Lächeln anzukündigen.


Dann kommen sie auf die Bühne: Tony Escada (Schlagzeug), Mike Pope (Bass), Gumbi Ortiz (Percussion), Mario Parmisano (Keyboard) und Al di Meola (Gitarre).



Das erste, augenfälligste Phänomen besteht darin, dass es diese fünf Ausnahmekönner schaffen, ein stark heterogenes Publikum gleichermaßen zu begeistern.

Reih' an Reih' stehen da die mittelständischen Wiehremer Bioweinhedonisten, die zu "Friday Night in San Francisco" ihr erstes Kind gezeugt haben; außerdem die speedfingrigen Gittarenfreaks, die jedes Notenbuch von Di Meola im Schuber haben und die 82er-Shredderscheibe "Electric Rendezvous" zu ihren Favoriten zählen; nicht zu vergessen die verballerten Frauen, die selbst dann den gesamten Hinterraum des Jazzhauses als ihren Dancefloor beanspruchen, als Di Meola quasi untanzbare Polyrhythmik spielt, und dies ist nicht selten der Fall.



Al di Meola war, so heißt es, in den späten Siebzigern der schnellste Gitarrist der Welt, wobei diese Auszeichnung in etwa so ehrenhaft ist wie die Ernennung zum "gesündesten Redakteur der Apotheken-Umschau".

Klar kann di Meola schnell spielen, aber darauf kommt es nicht an. Es sind seine Ideen, sein Spielwitz, mit dem er überzeugt. Er braucht dazu allein seine Paul Reed Smith und einen Vollröhrenverstärker. Meist schaut er nicht mal aufs Griffbrett. Mit geschlossenen Augen hebt er wie ein verzückter Tänzer dann und wann die Schultern, der geniale Rest spielt sich in seinem Kopf ab.



In der ausgewogenen Setlist findet sich etwa das Songmonstrum "Innamorata" vom "Flesh On Flesh"- Album. Man müsste mal einen unterbeschäftigten Musikwissenschaftler damit beauftragen, ein vierachsiges Kurvenschaubild anzufertigen, das die Komplexität dieses verzwickten Werks darstellt. Potz Blut, das ist Fusionwahnsinn, sauber im Wechselschlag gepickt.

Di Meola, der Klangwuchter. Und wie er auf dieser Schwierigkeitsstufe den Rhythmus federnd umschaltet, als wärs ein simples Fünfganggetriebe, das ist eine Klasse für sich. Unter Di Meolas Fingern erfährt die konventionelle Harmonielehre eine nie gekannte Biegsamkeit.



Der Weltmusiker gibt sich bei seinem fast zweieinhalbstündigen Gig von der Körpersprache her betont rockig. Er hat Bock und Druck drauf. Etwa die Hälfte des Sets bestreitet er stehend, für seine Verhältnisse ist das relativ viel. Der Gittarrist macht im Jazzhaus die Vollabrechnung, zollt seinem Tangolehrmeister Astor Piazzolla Tribut und geht mit der obligatorischen Zugabe "Race with Devil on Spanish Highway" noch mal auf Schallgeschwindigkeit.



Wenn einer alles kann, besteht die Gefahr von Starallüren. Nicht mal damit könnte man Di Meola-Neider beglücken. Der Großfusionist, so erzählt ein Connaisseur, bestellt beim Italiener am liebsten eine einfache Minestrone.

"Als er mal in Hamburg einen Interviewmarathon hinter sich hatte, ist er am für ihn bestellten Taxi vorbeigegangen. Er wollte den Weg zum Restaurant lieber zu Fuß zurücklegen. Es war ihm egal, dass es in Strömen geregnet hat."