Aktivisten drangen zuerst in bewohntes Haus ein

Markus Hofmann & Alexandra Sillgitt

Sie treten die Tür seiner Wohnung ein – und der 63-Jährige flüchtet aus dem Haus: Mehr als 50 junge Menschen hatten bis vor kurzem noch ein Haus an der Johann-Sebastian-Bach-Straße besetzt. Zuerst waren sie aber in einem anderen Gebäude der Häuserzeile – das nicht so unbewohnt war, wie sie dachten.



Bei dem besetzten Haus handelte es sich um ein zweigeschossiges Gebäude mit Dachstuhl in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 30. Im April hatte die sogenannte "Freiraumkampagne Plätze. Häuser. Alles" das Haus in der Johann-Sebastian-Bach-Straße Nummer 36 besetzt. Die Polizei hatte die Besetzung damals nach vier Tagen beendet. Die Häuser der Freiburger Stadtbau sollen im Herbst für 12,5 Millionen Euro abgerissen werden und Neubauten weichen.


Psychisch labiler Bewohner muss in Notquartier

Zur wiederholten Besetzung hatte am Donnerstag ein Mensch in einem Affenkostüm bei der Vollversammlung der Studenten der Uni Freiburg aufgerufen. Die Aktion hatte um 19.30 Uhr begonnen; gegen 23 Uhr hielten sich noch mehr als 50 junge Leute vor dem Haus im Stadtteil Herdern auf. Es wurde musiziert, Kerzen und Teelichter brannten.

An der Hausfassade befestigten die Besetzer ein Transparent: "Besetzt – freies Wohnen für alle". Der Zufahrtsweg zum Haus wurde durch Absperrgitter versperrt. 30 Meter vor der Barrikade beobachtete die Polizei die Szenerie.

Ganz unproblematisch ging die Besetzung aber nicht von statten – denn die Häuserzeile an der Johann-Sebastian-Bach-Straße ist, anders als zuvor berichtet, nach wie vor bewohnt. Nach Informationen der Freiburger Stadtbau leben drei Personen dort. Einer von ihnen rief gegen 21.30 Uhr "panisch" die Polizei an und berichtete, vermummte Männer hätten seine Tür eingetreten, sagt Karl-Heinz Schmid, Pressesprecher der Freiburger Polizei. Ihm zufolge handelt es sich um einen psychisch labilen 63-Jährigen.

Besetzer wollen Abriss verhindern

Zwar hätten sich die Besetzer noch entschuldigt und versucht, die Tür zu reparieren – dennoch sei der ältere Herr derart verstört gewesen, dass er aus dem Haus geflüchtet sei und die Nacht auf dem Polizeirevier Nord verbracht habe. "Die Besetzer dachten wohl, das Haus stünde komplett leer", meint Schmid.

"Der Mann wird jetzt zusammen mit der Polizei in seine Wohnung zurückkehren, seine Sachen zusammenpacken und dann in einer von uns zur Verfügung gestellten Zwei-Zimmer-Wohnung vorläufig unterkommen", erklärt Stadtbau-Chef Ralf Klausmann. Zu der neuerlichen Besetzung will er sich derzeit nicht weiter äußern.

Protest gegen teure Mieten

Unter den Besetzern war in der Nacht auch ein Student, der sich mit dem Namen Florian vorstellt. Der 23-Jährige studiert Islamwissenschaften und VWL und wohnt gegenwärtig in der Notunterkunft des Studentenwerks in der Stusie im Matratzenlager. Ein anderer junger Mann, er nennt sich Tom, ist ebenfalls 23 Jahre alt und nach eigenen Angaben momentan obdachlos: "Ich finde keine Wohnung, weil ich mir die Miete nicht leisten kann."

Das bis vor kurzem besetzte Haus befindet sich in einem desolaten Zustand. Es gibt weder Wasser noch Licht, die sanitären Einrichtungen sind zerstört worden – einschließlich der Toiletten. Ziel sei es gewesen, so einer der Besetzer, den Abriss des Hauses zu verhindern und das Gebäude als Wohnraum zu nutzen. Mittlerweile - nach wenigen Stunden - wurde die Besetzung friedlich beendet.

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[Foto: Michael Bamberger]