Adrian Geiges: Kurswechsel eines Revoluzzers

David Harnasch

Adrian Geiges beschreibt im neuen Buch "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann" seinen Weg vom Staufener Jungkommunisten zum Stern-Korrespondenten in Peking. Stationen: DDR-Kaderschule, "Quotennutte" fürs Privatfernsehen in Moskau und China-Repräsentant eines deutschen Großverlags. Geiges im fudder-Gespräch zum Hören:



Als Adrian Geiges (Foto: Sebastian Hartz) noch ein schüchterner, unstylisher Jugendlicher in Staufen war, riet man ihm und seinen Freunden von der "Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend": "Geht doch nach drüben!" Genau das tat er: Um eine Karriere als Berufsrevolutionär anzutreten, geht er für ein Jahr konspirativ in die DDR und besucht die "Kaderschule Wilhelm Pieck". Das Kontaktverbot mit den Ost-Genossinnen von der FDJ wird nicht sonderlich ernstgenommen (von 150 FDJlerinnen sind nach dem Jahr 75 schwanger), dafür geht die Partei um so gnadenloser gegen den "Teddy-Club" vor, ein Trinkspiel, das man besser anders genannt hätte. "Teddy" stand für Ernst Thälmann und war damit harmlos, aber "Club" implizierte, dass hier ein Spaltpilz die internationale sozialistische Jugend auseinandertrieb.




Der realexistierende Sozialismus scheiterte kurz darauf an anderen Widrigkeiten, was die Zukunftsperspektiven für Berufsrevolutionäre dramatisch verschlechterte. Geiges nutzte seine Russischkenntnisse und die journalistischen Erfahrungen, die er bei der Parteizeitschrift sammeln konnte; er geht für das neue und noch sehr krawallige Privatfernsehen nach Moskau. Von dort aus soll er Rotlichtreportagen liefern.Als er das satt hat, nimmt er eine Auszeit, um Chinesisch zu lernen. Unerwartet findet er eine Anstellung bei einem deutschen Mediengiganten, für den er den chinesischen Markt aufrollen soll - und ist nun plötzlich Handlanger des Großkapitals.Im Interview sagt Geiges, die Geschichten seien zwar literarisch verdichtet, im Kern aber wahr - und man ist geneigt, ihm zu glauben. Denn im Buch erfährt man auch, welche Motivation jemanden durch ein so turbulentes Leben treibt: Eigentlich ging es mehr um die bezaubernde Sandy als um den Sozialismus und um die exotische Cindy als um chinesische Anzeigenkunden.

David Harnasch hat mit Adrian Geiges telefoniert.