Adrian, der Aussteiger

Adrian Hoffmann

"Einfach leben, das ist das komplizierteste überhaupt." Aber genau das versucht Ex-fudder-Mitarbeiter Adrian. Zusammen mit seiner Frau Nina hat er sich für ein Jahr auf eine Südseeinsel abgsetzt. Hier ein Lebenszeichen.



Das Paradies hat einen Türsteher. Wer hinein will, muss an ihm vorbei. Er trägt einen Sulu, den traditionellen Wickelrock in Fidschi, und mustert mich, bevor er meine Hand zerdrückt. Weiße sind selten zu Besuch im Dorf. Ich stehe barfuß vor ihm und wäre spätestens jetzt von jedem anderen Türsteher der Welt verscheucht worden, aber hier gilt ein anderer Dresscode. Barfuß ist Pflicht. Außerdem trage auch ich einen Sulu, so wie es sein muss. Damit habe ich alle Vorkehrungen getroffen, um Einlass ins Paradies zu bekommen. In meiner Hand halte ich ein Bündel trockener Wurzeln, eingewickelt in eine Seite der Fiji Times. Das Geschenk für ihn, den Chef des Dorfes, genannt Ratu. „Setzt euch“, sagt er.

Es ist Sonntagmorgen und ein bisschen früh für ein offizielles Treffen wie dieses. Aber meine Frau Nina und ich sind überglücklich, empfangen zu werden. Jetzt beginnt für uns das richtige Abenteuer.

Der Ratu greift sich das Bündel Wurzeln, das ich vor ihm auf die geflochtene Matte gelegt habe, und widmet sich ganz einer Zeremonie, mit der Neulinge im Dorf willkommen geheißen werden. Sevusevu heißt sie. Der Respekt gebietet es, dass ein Fremder auf diese Art und mit einem dicken Bündel Wurzeln sein Anliegen vorbringt. Zwei junge Männer, in Sulus gekleidet, Sohn und Enkel, haben sich dazugesetzt. Der Ratu spricht eine mysteriöse Formel, gegen die schnelles Chinesisch leicht zu verstehen ist, und die Sitznachbarn klatschen danach in die Hände, von einem ebenso mysteriösen Stöhnen begleitet.

Der Ratu blickt auf, sieht uns an und sagt: „Ihr habt eine gute Entscheidung getroffen. Ihr geht ins Paradies. Das ist es wirklich.“ Dann lächelt er, lässt Tee mit Milch und süße Kuchenquadrate servieren, und endlich kann ich mich entspannen. Wir machen das jetzt zum vierten Mal, mit Wurzeln in ein Dorf gehen und uns vorstellen. Aber jedes Mal bin ich von Neuem nervös. Der Sulu rutscht, weil ich ihn nicht richtig zugeknotet habe, und das hellbraune Mitbringsel finde ich nach wie vor merkwürdig.



Der Pfefferstrauch, von dem es stammt, wächst im gebirgigen Inselhochland auf halbschattigen Plantagen zwischen Urwaldbäumen. Die Wurzeln der Sträucher gelten als hoch angesehenes Gastgeschenk. Die Insulaner stampfen die getrockneten Wurzeln, Yaqona genannt, in einem hohlen Baumstumpf zu Pulver, das sie anschließend mit einem Tuch in einer wassergefüllten Holzschale auswaschen und auspressen. Der Pfefferstrauch schmeckt scharf, hat aber sonst nichts mit dem uns bekannten Würzpfeffer gemein. Übrig bleibt ein Getränk namens Kava. Es ist in der Südsee verbreitet und wurde ursprünglich nur zu rituellen Anlässen konsumiert. Heutzutage sitzen die Männer nächtelang im Kreis und schöpfen Kava, das ungefähr so aussieht wie in Wasser aufgelöste Erde, mit Kokosnussschalen aus einer Schüssel. Kava bitzelt auf Zunge und Lippen – und es macht gute Träume. Oft habe ich in den vergangenen Monaten mitgetrunken und den tiefen Schlaf genossen, den das Getränk begünstigt.

Die ersten sechs Monate unserer Auszeit haben Nina und ich, nach ausgiebiger Suche nach dem richtigen Platz, auf der Insel Qamea im Nordosten der Fidschis gelebt, deren Hügel gerne die Wolken aufspießen und auf der sieben kleine Dörfer verteilt sind. Wir hatten unseren eigenen Garten, wir hatten Nachbarn, die uns mit Kassavawurzeln und in Kokosnussöl und Knoblauch angebratenen Auberginen umsorgt haben, wir waren auf einer Hochzeit unterm Wellblechdach eingeladen und hatten nach starken Regengüssen einen Wasserfall hinterm Haus. Ein exotisches Leben in einer entlegenen Bucht, das wir eigentlich noch länger führen wollten. Aber dann kam der Zufall in Gestalt von Bootsmann Jonny und wir entdeckten eine Insel, die es bisher nur in unserem Träumen gegeben hat. „Sie ist eine Art Geheimnis“, sagt Jonny.

Ein Stück Sand, das auf den meisten Karten nicht einmal verzeichnet ist. Und auf jenen, wo es verzeichnet ist, ist es nur ein kleiner Punkt inmitten einer riesigen Lagune. Fidschi besteht aus mehr als 300 Inseln, und diese gehört definitiv zu den kleinsten. Es dauert knappe zehn Minuten, bis wir um sie herumgelaufen sind. Sie ist zwei Bootsstunden von der nächsten Insel entfernt, deren Umriss wir bei sonnigem Wetter nur schwach sehen können, an manchen Tagen gar nicht. Sonst sehen wir nur den Horizont.

Unser Platz für die nächsten Monate ist also im absoluten Nichts: türkisfarbenes Meer, weißer Sand, Palmen – voll das Klischee. Dazu kommt, dass neben der Insel eine weitere kleine Insel liegt, die wirklich nur aus feinstem Sand besteht. Nicht einmal eine Palme wächst dort. Das Einzige, was etwas in die Höhe ragt, sind rastende Vögel und ein weiß leuchtendes Schiffswrack.

Nina und ich haben seit unserem Abitur mit dem Gedanken gespielt, irgendwann mal ein Jahr Pause einzulegen. Ein Jahr lang den Südseetraum ausprobieren und herausfinden, wie er sich wirklich anfühlt. Experiment „Geh mir aus der Sonne“. Seit wir 2006 einen Urlaub in Fidschi verbracht haben, ließ uns der Gedanke nicht mehr los. 40 Jahre Erwerbsarbeit stehen uns noch bevor – und wir haben uns immer wieder gefragt: Akzeptieren wir das? Soll das alles sein? Und dann die nächste Frage: Wann brechen wir auf, wenn nicht jetzt? Wir hatten schon fast das Gefühl, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen.

Bis wir beschlossen: Nein. Wir wollen ein Jahr lang unseren Traum leben. Eine neue Gelassenheit finden. Das Wort Alltag schöner klingen lassen. Die Zeit genießen, Datum und Uhrzeit vergessen. Und das geht nun mal nirgendwo sonst so gut wie auf einer Südseeinsel. Noch besser, auf einer einsamen Südseeinsel. Die Fidschianer verwenden für diese Lebensart einen speziellen Begriff: Fijtime. Niemand scheint zu wissen oder sich im Geringsten dafür zu interessieren, was Terminstress ist.

In den ersten Tagen am neuen Platz habe ich befürchtet, dass unser Robinson-Crusoe-Erlebnis in Softversion schneller zu Ende sein könnte, als mir lieb ist. Unser Leben ist kärglich, und wir wussten anfangs nicht, ob wir das so überhaupt können und mehrere Monate wollen. Wir haben eine Komposttoilette, die leider nicht immer gut riecht. Wir duschen mit einer alten Blechschale, wir spülen unser Geschirr am Regentank, wir kochen mehrmals am Tag Wasser ab, damit wir es trinken können, und wir essen aus Dosen und Tüten, die wir in einer Menge auf die Insel gebracht haben, dass Jonnys Boot auf dem Weg fast untergegangen wäre. Das Brot ist nach einer Woche verbraucht, Gemüse und Eier halten sich höchstens wenige Wochen. Und Nachschub kommt frühestens nach jeder sechsten Woche.

Was wir an westlichem Luxus haben, ist ein Gasherd und Solarenergie, die wir für Licht in der Küche und für einen Kühlschrank, groß wie ein Zimmertresor, nutzen. Wenn wir den Kühlschrank nicht hätten, würden wir wahrscheinlich verzweifeln. Es gibt nichts Besseres als ein kühles Fidschibier am Abend.

Das Haus auf der Insel hat uns der neuseeländische Besitzer vermietet, ein junger Mann mit auffallend langen, blonden Rastalocken. Er ist verwundert gewesen, dass wir ihn gefunden haben. Normalerweise vermiete er die Insel nicht, sagte er. Nur Freunde lebten hier. Aber die Idee gefiel ihm. Als wir ihm erzählten, dass wir schon ein halbes Jahr lang auf der Insel Qamea zugebracht haben, war er beruhigt: Wir werden auch auf der einsamen Insel überleben. Nur vor den starken Strömungen hat er uns gewarnt.

Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, auf westlichen Luxus zu verzichten. Es macht sogar Spaß, sich eine Blechschale voll Wasser überzukippen. Es ist erfrischend – und sowieso viel zu heiß zum Warmduschen. Als wir Anfang Februar vier Tage nach Neuseeland ausreisen mussten, um ein neues Touristenvisum für Fidschi zu bekommen, hatten wir nicht mal geschlossene Schuhe an. Wir haben keine mehr. Durch Auckland mit Flipflops.

Die fünf T-Shirts, die ich besitze, trage ich inzwischen auf links, wie es die meisten Fidschianer machen. Und ein Sulu um die Beine kann irgendwie bequem sein. Nina hat ihn mir gekürzt, was auf einer einsamen Insel zulässig sein dürfte. So kann ich besser jagen.



Jagen und Sammeln
. Zu Beginn unseres Abenteuers habe ich das kaum gemacht. Im Nachhinein denke ich, wir haben in den ersten Monaten viel zu wenig von dem umgesetzt, was wir uns ursprünglich vorgenommen hatten. Wir wollten den Tag und die Sonne genießen, stattdessen haben wir geputzt, gehämmert, gestrichen, gepflanzt. Sogar den Strand haben wir aufgeräumt und mit dem Rechen bearbeitet. Einfach leben war zuerst doch nicht so einfach für uns wie erwartet, es war sogar mehr als kompliziert. Oder wie unser Bootsmann Jonny sagt – er ist Auswanderer aus Südafrika und wie meisten Ausländer hier auf der Suche nach dem Glück: „Ich versuche es. Aber einfach zu leben ist das Komplizierteste überhaupt.“

Wir wollten dem vorbeugen, was uns daheim in Deutschland von vielen prophezeit wurde: „Ein Jahr auf der Insel, das wird aber langweilig.“ Tatsächlich hatten wir das Gefühl von Langweile noch keinen Moment. Die Welt hier ist zwar sehr klein, aber spannend. Zum Beispiel hat mir unser fidschianischer Nachbar auf der Insel Qamea vor dem Umzug auf die einsame Insel einen Bambusspeer gefertigt, mit dem ich jetzt seit Wochen unterwegs bin. Erfolglos. Dabei hat mir der 70-jährige Josepo, ein hagerer Jäger mit Kamikaze-Stirnband, lang und breit erklärt, wie ich einen Fisch fange. Er hat nur vergessen zu erwähnen, dass es auch beim Speerfischen einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis gibt. Es müsste eigentlich klappen, die Speerspitzen sind äußert groß und scharf, und der Speer ist immerhin zwei Meter lang. Das Problem könnte darin bestehen, dass ich meine bisherigen Fische immer von Josepos Frau serviert bekommen habe. Frittiert.

Große Fische sind ohne Zweifel da, ich habe den Speer schon oft nach ihnen geworfen – aber eben nie getroffen. Am besten soll es bei Ebbe gehen, wenn das Wasser seicht und klar ist. Vielleicht erschwert die Lichtbrechung den ersten Treffer, oder die schnelle Reaktion der Fische. Sie sehen mich, bevor ich mich überhaupt anpirschen kann. Weil es so nicht weitergehen kann, habe ich vor wenigen Tagen beschlossen, das Glück mit der Handleine herauszufordern. Das ist die fidschianische Variante des Angelns. So gut wie kein Mensch benutzt richtige Angeln.

Ich habe mir Haken in verschiedenen Größen gekauft und probiere alle nacheinander aus. Mit den kleinen klappt es besonders gut. Nach einem halben Jahr habe ich so meinen ersten Fisch gefangen. Unglaublich. Wir hatten auch in Qamea das Korallenriff vor der Tür, aber ich habe Gartenarbeit vorgezogen. Wie deutsch. Diese Lektion wäre gelernt: Im Nachhinein war alle Mühe auf unserer ersten Insel umsonst. Denn jetzt sind wir weg und haben das meiste Gemüse im Garten nicht ernten können. Deshalb haben wir beschlossen: Ab sofort denken wir nicht an morgen. Das Einzige, wobei ich in den vergangenen Wochen geschwitzt habe, war der Bau eines Palmwedeldachs. Wir haben dicke Astgabeln in den Sand gebohrt, ein paar dicke Äste zum Halt quergelegt und alles mit Winden aus dem Busch zusammengebunden. Nina baumelt seitdem in der Hängematte und trinkt Pina Colada mit selbst geraspelter Kokosnusscreme, und ich werfe den Angelhaken.



Meinen ersten – ziemlich kleinen – Fisch habe ich in Stücke geschnitten und als Köder für einen größeren Fisch verwendet. Die Leine lässt sich besser und weiter schleudern, wenn ein schweres Stück Fisch am Haken hängt. Es ist der schönste Augenblick im neuen Jahr, als sich die Leine zum ersten Mal so spannt, dass ich weiß: Jetzt ist ein leckerer Brocken dran. Laut Bestimmungsbuch für Fische im Korallenriff ist es eine Blauflossenmakrele. Ziemlich groß, geht mir von den Fingerspitzen bis zum Ellenbogen. Für Fidschianer gibt es nur drei Größen von Fischen, an die auch ich mich halten werde. Bis zum Ellenbogen ist groß, bis zur Schulter ist sehr groß. Ist der Fisch sehr, sehr groß, breiten sie die Arme aus. Kleiner als bis zum Ellenbogen ist praktisch nichts, aber die Blauflossenmakrele war wirklich so groß. Es ist erstaunlich, wie viele Riffhaie in der Lagune unterwegs sind, die meisten sind Weißspitzen-Riffhaie. Oft schwimmen sie nah am Strand entlang, auf der Suche nach Beute. Ich habe mir lange überlegt, wie ich reagiere, wenn ich einen von ihnen an der Angelleine haben sollte, aber ich habe nicht wirklich daran geglaubt, dass das jemals so sein wird. Deshalb war ich umso überraschter, als es tatsächlich passiert ist.

Es ging sehr schnell. Der Hai war alles andere als amüsiert und riss mir fast die Leine aus der Hand. In den wenigen Sekunden, die ich hatte, wollte ich mich auf einen Kampf einstellen und versuchen, ihn auf den Sand zu zerren. Doch dann biss der Hai die Leine durch und verschwand mitsamt Angelhaken im Maul. Irgendwie war ich erleichtert und enttäuscht zugleich. Ich hätte keine Idee, wie ich den Hai töten könnte. Und außerdem erinnerte ich mich sofort an die Geschichte, die mir Fidschianer erzählt haben: Wer einen Hai tötet, wird eines Tages selbst einem Hai zum Opfer fallen.

Die Tierwelt auf unserer kleinen Insel ist faszinierend. In der Abenddämmerung sind unzählige Flughunde auf Futtersuche, besonders Papayas mögen sie gerne, und viele Arten von Seevögeln kreisen über uns. Ganz oben sind immer Fregattvögel, weiter unten Tölpel. Im Inselinnern sind den ganzen Tag über Krebse und Krabben unterwegs, manchmal stoßen wir auch auf sogenannte Palmendiebe – Krebse, die so groß wie Welpen werden und sich von Kokosnüssen ernähren. Im Januar haben Meeresschildkröten ihre Eier am Strand gelegt. Sie ziehen Spuren nach sich, die aussehen wie der Abdruck eines Traktorreifens. Demnächst werden die Babyschildkröten schlüpfen und den Weg zum Meer suchen.

Selten verirren sich Menschen in unsere Gegend. Deshalb schätzt der Ratu die Insel so sehr. Auch er hat vor einiger Zeit für ein halbes Jahr hier gelebt und die Einsamkeit genossen. Wenn ein Boot am Horizont auftaucht, können wir sicher sein: Es hält auf uns zu. Als es das letzte Mal passiert ist, haben wir feststellen müssen, dass wir ungewöhnlich reagiert haben. Wir sind aufgesprungen und wie wild hin und her gelaufen. Dann haben wir das Fernglas geholt und beobachtet, wer kommen könnte. Eigentlich hatten wir überhaupt keine Lust, dass jemand unsere Einsamkeit stört. Ich hätte fast Buschmesser und Bambusspeer ergriffen, dabei wollten die Leute im Boot nur fischen. Sie blieben außerhalb des Riffes.

Vielleicht haben sie mich am Strand gesehen und erkannt, dass das Paradies einen neuen Türsteher hat.



[Dieser Artikel erschien ebenfalls im Magazin der Badischen Zeitung.]

Mehr dazu:


Web:
Das Fidji-Blog

Die Fidschi-Inseln liegen mehr als 2000 Kilometer nördlich von Neuseeland im Südpazifik verstreut. Adrian Hoffmann, 26, ehemaliger fudder-Mitarbeiter, und seine Frau Nina, 25, Grundschullehrerin, verbringen dort eine einjährige Auszeit.
Die einsame Insel, auf der sie momentan leben, grenzt im Nordosten des Inselstaates an die Lau-Gruppe an, die abgelegenste Gegend Fidschis. Über ihre Abenteuer zwischen Kokosnüssen und Korallenriff schreiben sie im Fidji-Blog.


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