Acroyoga in Freiburg: Endlich fliegen lernen!

Theresa Leisgang

In Freiburg boomt die Acroyoga-Szene. Grund genug, sich die Kombination aus Akrobatik und Yoga einmal genau anzugucken. Dabei haben wir festgestellt: Der Trendsport für Höhenflüge hat ganz viel Tiefgang.

Eigentlich gibt es nur zwei Orte, um Acroyoga zu entdecken: im Park oder im Internet. Denn in Tausenden Youtube-Videos kann man sehen, wie meist gutaussehende Männer meist gutaussehende Frauen vor meist malerischer Kulisse zu Elektro-Musik mit Händen und Füßen in beeindruckende Yogapositionen bringen.




Acroyoga sieht aber nicht nur gut aus: Die Mischung aus Akrobatik und Yoga macht riesig Spaß, führt an Grenzen und schafft Selbstbewusstsein.

Der Seepark, der Stadtgarten und das Dreisamufer sind Acroyoga-Hotspots

Grazil recken sich knallbunte Beine in den Himmel, der an diesem Sonntag in seinem tiefen Blau fast farblos wirkt gegen die Muster der Leggins. Jenny wirbelt durch die Luft und landet Sekunden später neben ihrem Partner auf der Wiese. "Wow, ich wusste gar nicht, dass mein Körper sowas kann," ruft die 27-Jährige und klatscht in die Hände. Ein Dutzend junger Paare turnt im Seepark herum, ihr Gelächter ist bis zum anderen Ufer zu hören. Am Hügel darüber setzen sich Seniorinnen aus dem nahegelegenen Altersheim auf eine Bank, um dem bunten Treiben zuzusehen.

Überall in Freiburg kann man sie inzwischen bei schönem Wetter treffen: Acroyogis. Sie kommen spontan zusammen oder verabreden sich über Facebook, um sich unter freiem Himmel zu Körperkunstwerken zu verbinden. Ihre beliebtesten Treffpunkte sind der Stadtgarten, der Seepark und das Dreisamufer, aber auch im Lorettobad sollen sie schon gesichtet worden sein. Knapp 600 Mitglieder hat die lokale Facebookgruppe – damit ist Freiburg ein Acroyoga-Hotspot in Deutschland. Selbst in der hippen Hauptstadt Berlin sind es pro Einwohner nur halb so viele Acroyogis.



"Acroyoga ist wie ein Blumenstrauß", sagt Julia Deka. "Es ist für jeden etwas dabei, ein sportliches Workout genauso wie eine sanfte Massage zum Schluss." Die 34-jährige Freiburgerin unterrichtet seit drei Jahren im eigenen Studio Acroyoga. Dabei werden Yogaposen mit akrobatischen Elementen und Thai Massage verbunden. Nach einigen Yoga-Übungen zum Aufwärmen folgt der Nervenkitzel eines wackeligen Kopfstands auf den Füßen des unteren Partners. Normalerweise klingt eine Stunde mit dem sogenannten therapeutischen Fliegen aus, wodurch alle Spannung abfällt. "Ich habe noch nie einen Sport gefunden, der so viel bietet. Tänzerische Aspekte, Improvisation, man bewegt sich krass und hat diesen achtsamen Ansatz", sagt Jenny, die nach Capoeira und Yoga die Liebe zu Acroyoga entdeckt hat.

Viel wichtiger als Fitness ist die Lust auf etwas Neues – und Mut

Wer Acroyogi oder -yogini werden will, sollte keine Berührungsängste haben: Bei einigen Übungen kommen sich die Partner ziemlich nah. Andere körperliche Voraussetzungen gibt es laut Julia Deka nicht: "Ich höre oft Zweifel wie: ’Ich bin zu groß, zu dick, zu ungelenk’, aber es geht eigentlich nur darum, wie viel man sich zutraut". Zugegeben, nicht jeder fühlt sich bei dem Gedanken wohl, auf zwei Fußsohlen zu thronen. "Aber eine der beiden Positionen kann jeder lernen".

Einer der ersten Acroyogis war der US-Amerikaner Jason Nemer, der vor zehn Jahren akrobatische Übungen abwandelte. Deshalb kommen "Flyers" zu "Jams" in den öffentlichen Raum: Diese Treffen sind ungezwungen und kostenlos. Hier verwandeln sie sich "von Bird zu Bat" – der fliegende Vogel wird zur hängenden Fledermaus. Längere Abfolgen heißen "Washingmachine", die auch die untere "Base" ganz schön ins Schwitzen bringen. Dieser Slang verweist nicht nur auf die US-amerikanischen Ursprünge der Praxis, sondern erleichtert auch die Kommunikation in der internationalen Szene. "Egal wo du auf der Welt hinkommst, es sind schon Acroyogis dort", sagt Julia Deka, die auch außerhalb Deutschlands Workshops veranstaltet. Eine echte Subkultur braucht nicht nur ihre eigene Sprache, sondern auch Rituale, die sie von anderen Gruppen unterscheidet. Obwohl Acroyoga auf den ersten Blick an Zirkusakrobatik erinnert, ist die Community der des Yoga näher als den Akrobaten. So beginnen Acroyogis ihr Training mit Mantras und beenden es mit einem tiefen "Om". "Bei uns geht es nicht darum, ob man etwas kann oder schafft, sondern um die Verbindung zum Partner – und zu sich selbst", sagt Deka. Es geht ihr um innere und äußere Flexibilität.


Deka begleitet eine ihrer Schülerinnen nun schon seit drei Jahren. "Mich fasziniert, wie viel sie sich inzwischen zutraut und welches Körperbewusstsein sie entwickelt hat", sagt sie anerkennend. Die Praxis kann also auch das Auftreten im Alltag verändern. Wichtiger als die Leistung ist die Kommunikation zwischen den Acroyogis: Körpersprache spielt hier, ähnlich wie beim Paartanz, eine wichtige Rolle. Viele Übungen funktionieren erst, wenn beide Partner gleichzeitig in die Drehung gehen, Druck auf die Hände geben, die "Base" den "Flyer" genau im richtigen Moment an der Hüfte stützt

Die Partner brauchen Vertrauen

Für Julia Deka liegt die Schönheit von Acroyoga unter anderem im Zusammenspiel von Partnern, die sich oft erst seit wenigen Minuten kennen. Da man als fliegende "Meerjungfrau" schon mal die Balance verlieren kann, können Kursteilnehmer in ihrem Studio Schritt für Schritt auch Hilfestellungen lernen, damit niemand unsanft auf dem Boden landet. Max fühlt sich hier sicherer als beim spielerischen Ausprobieren im Park. Aber wichtiger als der Lerneffekt sind dem Sozialwissenschaftler die intensiven Begegnungen in den Kursstunden. "Es ist echt verrückt, wie stark das Vertrauen in einer Gruppe von Wildfremden wachsen kann – in nur einer Stunde", sagt der 25-Jährige. Beim Acroyoga öffne man sich fremden Menschen so schnell wie sonst selten im Alltag. Dieser intensive Zusammenhalt zwischen ständig wechselnden Partnern ist etwas Besonderes.

Die Seniorinnen im Seepark nähern sich nach einer halben Stunde interessiert der Gruppe: "Jetzt müssen wir doch einmal fragen: Zu welchem Verein gehört ihr?" Dass sie kein herkömmlicher Verein sind, darüber sind sich alle Acroyogis einig. Ihre Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie jeden Tag wächst – innerlich und äußerlich.
Mehr Infos und Kontakt zu Acroyogis in Freiburg und Südbaden gibt’s in der Facebookgruppe Acroyoga Freiburg.