"Abwarten und Biertrinken": Der Ex-Freiburger Felix Dachsel hat ein Buch über Frau E. und seine Faulheit geschrieben

Laura Maria Drzymalla

"Wenn ich Frau E. als Teufel bezeichne, laufe ich Gefahr, dass sich der Teufel bei mir beschwert, dass ich ihn mit Frau E. vergleiche." Abgekürzt disste Felix Dachsel so einst die ungeliebte Frau auf dem Freiburger Prüfungsamt auf Spiegel Online. Nun hat der selbsternannte Leistungsverweigerer ein Buch geschrieben - über Frau E., seine unendliche Trägheit und die Diktatur der Volvicmädchen. Laura Dzymalla hat sich ein Bier aufgemacht, sich in die hängematte gefläzt - und es gelesen:



Es ist ein lauwarmer früher Mai-Abend, ich liege in der Hängematte meines Balkons, über mir die tiefhängende Abendsonne. Für meine Lektüre habe ich zusätzliche Dinge vorbereitet: Zwei Biere und dazu mein weiches, plüschiges Müdigkeits-Kissen. Ich versuche den Titel des Buches zum Programm zu machen, versuche die vom Autor geforderte Trägheit in mir Platz finden zu lassen. Ich klinke mich für eine kurze Zeit aus der Leistungsgesellschaft aus, um eine Kampfansage an diese zu lesen.


Ich blicke über die Dächer des Innenhofes und überlege: Was weiß ich über Felix Dachsel? Er verfasste einst seine Freiburger Erlebnisse in einer Polemik in der Badischen Zeitung. Auf Spiegel Online zückte er seinen anklagenden Zeigefinger und richtete die Schuld für sein Scheitern ironisch, aber dramatisch zugleich, auf eine gewisse Frau E. von der Freiburger Prüfungskommission. Er hat in München studiert und ist gescheitert. Er hat in Freiburg studiert und ist gescheitert. Beide Male war es höhere Gewalt, die Schirmherrin der Prokrastination, die überrollende, alles bezwingende Trägheit, die ihn daran hinderte, die universitäre Karriereleiter zu besteigen.

Jetzt studiert er in Hamburg, an der renommierten Henri-Nannen-Schule für Journalisten und ich halte sein gedrucktes Erstlingswerk in der Hand. Scheint mir wie ein Paradoxon, wie etwas, das mit seiner propagierten Trägheit nicht zusammenpasst. Vielleicht eine Art Meta-Trägheit?

Ein letzter sinnierender Blick, ein tiefer Schluck vom Bier und auf zum Vorwort. Da steht aber nur:

"Ich bin meistens zu faul, das Vorwort zu lesen. Es ist anstrengend genug, ein Buch zu lesen. Sie haben doch auch keinen Bock auf ein Vorwort, mal ehrlich."

Ja, na toll. Meine innere Literaturliebhaberin verdreht die Augen, möchte das Buch weglegen und etwas Gemeines sagen. Und doch fühle mich auch ein bisschen ertappt - denn ja - die meisten Vorworte lese ich auch gar nicht mal so gerne. Aber ich will mich ja darauf einlassen und lasse mir geistig den roten Trägheitsfaden des Buches in die Hand geben. Der Faden führt mich in die Geschichte des Werdegangs des Autors, der wohl schon im Kindergarten ein jähes Ende fand.

Zu faul, um zu spielen, saß Felix Dachsel schon damals träge am Boden der Spielecke, zwischen den kleinen Beinen die bunten Bauklötze und sah das Leben an sich vorbeiziehen. So zieht es an den überbegabten Kindern vorbei, die schon im jungen Alter römische Aquädukte aus Lego herstellten, weiter zu den emsigen Kommilitonen und vor allem überbegabten Juristen der Universitäten, die in ledernen Segelschuhen und gestreiften Polo-Hemden eine vermeintlich sonnenbebrillte Weltherrschaft mit glänzenden Zähnen an sich reißen wollen.



Felix Dachsel, ständiger Anti-Held mit Lidl-Tüte statt Rucksack, gefüllt mit Laptop und Powerriegeln für langanhaltende Energie, ist passiv widerständig. Passiv im Sinne von exzessivem Mittagsschlaf, Hamstervideos statt Hausarbeitsrecherche und stundenlangem Seminar-Schwadronierens mit intellektuell interessierten Gesichtsausdrücken.

Auf der ständigen Flucht vor den Fleißigen, den Strebsamen und den heuchlerischen Power-Nappern, nimmt er mich aus meiner Hängematte mit in von ihm schlecht vorbereitete Referate, in von ihm schlecht vorbereitete Vorstellungsgespräche und immer wieder in kafkaesk dramatische Situationen in der Freiburger Uni-Bibliothek.

Ich baue zusammen mit dem Autor mit der wahllos aus dem Regal gezogen Hausarbeitsliteratur einen schiefen Turm der Weisheit, um ihn dahinter zu verstecken und seine Farce aufrecht zu erhalten. Nämlich eben jene, dass er ein Hochstapler ist, ein schlechter noch dazu, der "Till Schweiger unter den Studentendarstellern". Jemand, der in ständiger Angst lebt, von üblen studentischen Machenschaften entdeckt und als Uni-Loser entlarvt zu werden.  

"Aber eines hatte ich schon gelernt: Wenn man von seinen aktuellen Hausarbeiten spricht, dann setzt man dabei einen ebenso ernsten wie geheimnisvollen Gesichtsausdruck auf. Dann schiebt man sich mit dem Zeigefinger die Hornbrille zurecht und sagt Sätze wie: "Naja, was ich gerade versuche, ist halt – aus einer Perspektive der der kritischen Theorie – Heidegger als Folie über die Poststrukturalisten zu legen und da einfach mal einen Kurzschluss zu versuchen."  

Ich muss kurz innehalten. Meine anfängliche Skepsis ist ein bisschen verflogen, ich bemerke wie ich mehrmals laut in mein Bier hineingekichert habe. Das mag vielleicht am Bier liegen, aber vielleicht auch an der ironischen und gnadenlos überspitzten Situationskomik. Ich möchte mein Gefühl schnell überprüfen und rufe meinen Mitbewohner.

Mit dramatischer Stimme rezitiere ich eine Passage des Kapitels "Heinrich Heine war ein schlechter Praktikant", mein Mitbewohner hält sich am Türrahmen fest und biegt den Oberkörper vor Lachen. Nun gut, der Kampf des faulen Taugenichts gegen das Übel der Fleißarbeit hat offensichtlich Witz. Ich lese weiter:

"In den Regalen reihten sich Zeugnisse und von Disziplin und Durchhaltevermögen. Jede Fußnote war ein Beweis für Akribie und Ernsthaftigkeit. Und ich schlief ein beim Versuch, die ersten Wörter meiner ersten Hausarbeit zu schreiben. Mir ist langweilig. Ich habe Hunger. Ich bin müde. Fußnote: Ich bin sehr müde."

Frau E. und der Teufel

Dachsel berichtet über die hohe Affinität des Bösen zu Textmarkern, Post-its und Lochrandverstärkern, es lauert auf die Trägen und Faulen in Form von terroristischen Lerngruppen, Vorzeige-Intellektuellen, Volvicmädchen und MitarbeiterInnen des Bacherlor-Amtes. Oh ja, viele Freiburger erinnern sich an das berühmte Dachsel-Zitat auf Spiegel Online:

"Frau E. saß im Prüfungsamt, und wenn ich sie hier als Teufel bezeichne, laufe ich Gefahr, dass sich der Teufel bei mir beschwert, dass ich ihn mit Frau E. vergleiche."

Der Artikel hat Dachsels Trauma anscheinend nicht kurieren können, denn die mehrfachen Begegnungen mit der berüchtigte Frau E. werden auch hier wieder gnadenlos und leicht pathetisch ausgeschlachtet. Doch klug wie der Dachsel ist, umschifft er die Problematik der Namensnennung und beleidigt Frau E. zugleich, indem er die werte Dame einfach Frau Anger nennt. "Anger" lautlich sehr ähnlich zum tatsächlichen Nachnamen, aber wahrscheinlich mehr so wie " the anger – der Zorn".

Das ist witzig, wenn man schon mal Kontakt zu der Dame hatte, aber auch ein bisschen platt, da mir der Witz allmählich etwas ausgereizt scheint. Ich werde müde, drehe mein Gesicht zur untergehenden Sonne und blättere weiter vor. Der Autor berichtet darüber, dass er zu faul ist, seine Badehose zu suchen, um mit Freunden an den See zu fahren. Er bleibt lieber zu Hause.

Wo man an manchen Stellen eine Anklage gegen den leistungsorientierten, gesellschaftlichen Optimierungsdruck der heutigen Zeit und die Demaskierung der Studentenschaft herauslesen könnte, möchte man auch manchmal sagen: "Mensch Felix, komm' mal klar. Du hast vielleicht den Witz und das Schreibtalent eines junges Horst Evers, aber so ganz glaub‘ ich dir die Trägheitsnummer nicht."

Ich blättere zu einem Test, der mir sagt, ob ich ein Leistungsverweigerer bin. Ich bin zu müde, um den Test zu machen, zu erschöpft von dem Schaukeln der Hängematte, um das Buch zu Ende zu lesen und zu faul, um weiter in diese wirklich amüsante, aber polemische Streitschrift über Faulheit einzutauchen. Ein letzter Schluck von meinem Bier - ich gehe ins Bett. Ich glaube, Felix fände das ok.

Mehr dazu:

Felix Dachsel
Abwarten und Bier trinken
Piper, 2015
€ 9,99
ISBN: 978-3-492-30661-4 [Fotos: Artur Krutsch/Piper/Promo]