Abschied von TV Südbaden: Wofür ich dem Sender dankbar bin

Daniel Laufer

TV Südbaden hat an diesem Freitag den Betrieb eingestellt. fudder-Redakteur Daniel Laufer hat dort sein Volontariat gemacht und drei Jahre für den Regionalfernsehsender gearbeitet. Sein persönlicher Nachruf:



Auf einmal fand ich mich im Vauban wieder, vor einer brennenden Straßenbarrikade. Es war ein Morgen im August, kurz nach 4 Uhr, die Nacht der Räumung der Wagenburg Kommando Rhino. Einige Stunden lang schleppte ich das Kamerastativ über das M1-Gelände, während hunderte Polizisten anrückten. Mit einem Bagger durchbrachen sie die Holzwand, stürmten dann die Wagenburg.


Draußen schimpften Demonstranten, drinnen interviewte der Redakteur den Polizeisprecher und unser Kameramann filmte auf dem Boden verstreute Spielkarten und umgefallene Tische - dort, wo Rhino einen Tag zuvor noch gewohnt hatte. Es war meine erste Praktikumswoche und ich war mittendrin gelandet, in etwas, was ich so zuvor noch nie gesehen hatte.

Zum ersten Mal hatte ich "Breaking News" erlebt. Das Gefühl, das ich empfand, hatte etwas Erhabenes - es lässt sich nur schwer beschreiben. Es war faszinierend, es war aufregend. Bei allem Pathos war es mir in diesem Moment wichtig, dass "die Welt da draußen" erfuhr, was hier geschah.

Einige Wochen zuvor hatte ich im Büro von Stefanie Werntgen gesessen, der Programmdirektorin von TV Südbaden. Ich wollte damals Filmregie studieren und brauchte Praxiserfahrung mit der Kamera, also hatte ich mich für ein Praktikum beim Fernsehen beworben. Ich war 21, hatte gerade meinen Zivildienst abgeschlossen und außer meinem Abitur nichts vorzuweisen. Trotzdem bekam ich meine Chance.

Vielleicht war das Programm deshalb nicht perfekt - weil man Kamerakindern wie mir eine Chance gab. Für meine ersten Fernsehbeiträge hatte ich noch viel Zeit: Japaner aus Fukushima besuchten die Green City, Muslime feierten das Fastenbrechen. Nachdem ich etwa einen Monat dabei war, war eines Morgens ein Kollege krank. Mitten in der Urlaubszeit gab es keinen Ersatz, also schickten sie mich mit einem Mikrofon und einem Kameramann nach Kirchzarten, um über die Pläne für die umstrittene Mountainbike-Arena am Giersberg zu berichten.

Ob wir nicht langsam mal zurück sollten, wollte der Kameramann, selbst schon Jahre lang dabei, irgendwann wissen. Es war nach 15 Uhr, in weniger als drei Stunden sollte der Beitrag in der Nachrichtensendung laufen - und ich hatte noch keinen Text geschrieben und nichts geschnitten. Was am Abend von mir in der Sendung lief, war nicht besonders gut. Aber man hatte mich ins kalte Wasser geworfen und ich war nicht untergegangen: Ich hatte meinen ersten tagesaktuellen Beitrag produziert. Das war ein Erfolgserlebnis und ein Anfang.

Pressekonferenz beim Regierungspräsidenten

Mein erstes Jahr bei TV Südbaden war eine Zeit des Umbruchs: Viele junge Kollegen stießen zum Team. Wie ich waren sie unerfahren, aber anstatt Kabel zu tragen, durften wir unsere eigenen Beiträge und irgendwann ganze Sendungen produzieren. Wir machten viel falsch, lernten dadurch aber, vieles beim nächsten Mal richtig zu machen. Und vor allem gewannen wir an Erfahrung. Anstatt alter Hasen berichtete nun ich über die politische Neuausrichtung der CDU, die Polizeireform oder die Ablösung des Regierungspräsidenten Julian Würtenberger.

Gemeinsam mit Journalisten von BZ, SWR und Radio Regenbogen saß ich in Würtenbergers Büro, als er die Nachricht erstmals kommentierte. Die Frage des 22-Jährigen wollte er zwar nicht beantworten, ich war aber sicher: Es war die richtige gewesen. Nach der Pressekonferenz ging ich in den Colombi-Park. Ich war dort mit Edith Sitzmann verabredet, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Landtag - als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Wir wussten alle, wo wir arbeiteten - dass es ein kleiner Sender war, mit begrenzten Möglichkeiten und Mitteln. Aber man schenkte uns Vertrauen - anfangs, weil man musste, später, weil man wollte. Wir bekamen eine Plattform und durften unsere eigenen Ideen ausprobieren. Oft diskutierten wir hitzig, auch mit denjenigen, die schon beim Sendestart 2001 Jahren dabei gewesen waren. Aber wir diskutierten, weil es eine persönliche Bedeutung für uns hatte, was am jeweiligen Abend gesendet würde. Für uns Jüngere war TV Südbaden manchmal wie ein großes Projekt und wir entwickelten es gemeinsam weiter.

Es ist jetzt 18 Uhr. Gestern um diese Zeit begann die letzte Ausgabe von "Südbaden Aktuell", live aus einem Fernsehstudio auf der Haid. Geht man heute auf den Kanal, steht da nur: "TV Südbaden stellt den Sendebetrieb ein." Das ist unglaublich schade, völlig überraschend kommt aber nur der Zeitpunkt. Denn der Sender war einer der letzten seiner Art - auf einem Markt, auf dem er keine Chance mehr hatte.



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[Fotos: Marius Buhl, BZ]