Abi im Alleingang: "Wir wollen, dass unsere Idee geklaut wird"

Joana Jäschke

Wenn Schüler unzufrieden sind, ärgern sie ihre Lehrer, schwänzen die Schule, oder träumen davon, selbige abzufackeln. Zehn Waldorfschüler aus Freiburg fanden eine andere Lösung: Sie meldeten sich nach der 12. Klasse von der Schule ab und machten ihr Abi auf eigene Faust. Kein 45-Minuten-Takt, kein Pausengong mehr. Dafür aber Lehrer, die nach ihrer Pfeife tanzen und Unterricht, den sie selbst in die Hand nehmen konnten. Joana hat drei der Schüler aus dem Projekt "Methodos" getroffen. Ein Gespräch mit Lena Schindler, Lilian Neu und Paolo Lau über Verantwortung, Disziplin und Erfolg.



Das schriftliche Abi habt ihr hinter euch. Wie ist es denn gelaufen?


Lilian (Bild rechts): "Geschichte lief bei mir super. Da hab ich mich auch über die Fragen gefreut, die drankamen. Englisch war nicht so toll und Mathe auch eher nicht so. Aber das war schon immer mein Horrorfach. Da habe ich mir auch kein hohes Ziel gesteckt. Fünf Punkte wollte ich schaffen, und das müsste klappen, denk ich. Mehr hätte ich aber auch an einer anderen Schule nicht rausholen können."


Paolo: "Bei mir war es bis jetzt ganz okay. Aber ich wollte auch in erster Linie nur bestehen. Die Hürde nehm ich ganz sicher. Ich muss jetzt nicht in einem riesigen Bogen über die Latte hüpfen. Der dickste Brocken kommt aber noch: Wir haben noch acht mündliche Prüfungen vor uns. "

Wieso?

Lena: "Wir haben uns ja nach der 12. Klasse von der Schule abgemeldet und uns ein Jahr aus dem Schulgeschehen ausgeklinkt. Diese so genannte Schulfremdenprüfung ist eigentlich für Schulabbrecher und Berufstätige gedacht, die ihr Abi nachmachen wollen. Uns fehlen jetzt die Zensuren von den Klausuren aus der 12. und 13. Klasse, die eigentlich mit in die Abinote einfließen. Deshalb wird jedes der vier schriftlichen Fächer auch nochmal mündlich geprüft. Das heißt, wir müssen Ende Juni acht mündliche Prüfungen ablegen. Wir machen also mehr als doppelt so viele Abiprüfungen wie „normale“ Schüler. Die haben nur die vier schriftlichen und eine mündliche Prüfung."

Für euer Abi auf eigene Faust nehmt ihr also doppelt so viel Arbeit in Kauf. Warum? Was hat euch am normalen Schulunterricht nicht gepasst?

Lilian: "Es hat mich gestört, dass ich keine Verantwortung fürs Unterrichtsgeschehen habe. Ich bin morgens eigentlich nur aufgestanden, um danach innerlich wieder einzupennen. Als Schüler wird man in eine passive Rolle reingedrängt und kann sich bei dem, was vorn abläuft, nicht einbringen.

Lena: "Außerdem gibt es einfach keine Berührungspunkte mit der wirklichen Welt da draußen. Dank der Waldorfschule gab es die schon vereinzelt, zum Beispiel wenn ich mir ein Möbelstück gebaut hab. Da musste das Zeugs stimmen, was ich mir zusammengeschreinert habe. Vielleicht hat sich daraus dann auch unser Anspruch entwickelt, dass Schule auch anders sein kann."

Lilian: "
Als dann zwei Lehrer, die wir alle gern mochten, nach ihrer Probezeit nicht übernommen wurden, war der Punkt erreicht, wo wir was tun mussten. Das hat uns gezeigt, dass man da nichts verändern kann, in der Schule."



Veränderung war euch so wichtig, dass ihr sogar das Risiko eingegangen seid, euch zu verschulden?

Lilan: "Ja. Wir mussten Lehrer einstellen und den Raum im Gemeindehaus der Pauluskirche mieten. Insgesamt haben wir mit 50.000 Euro kalkuliert. Davon bekommen wir 15.000 Euro von unseren Eltern. Das entspricht etwa dem Schulgeld, das sie sonst für die Waldorfschule bezahlt hätten. Den Rest finanzieren wir über Spenden und Sponsorengelder."

Lena: "Im März hatten wir schon mehr als 20.000 Euro Spenden. Unser Mathelehrer ist unser größter Unterstützer. Er unterrichtet uns für umsonst. Die übrige Summe bekommen wir jetzt auch noch zusammen. Und sonst teilen wir die Schulden eben untereinander auf."

Paolo (Bild links): "Momentan sind das noch 800 Euro pro Person. Die können wir auch nach dem Abi abarbeiten."

Was macht ihr jetzt in eurer eigenen Schule anders als vorher?

Lilian: "Die ganze Organisation. In der Schule wird jedes Fach nach dem gleichen Schema unterrichtet. Immer steht der Lehrer vorne und erklärt. Wir haben ganz unterschiedliche Lernformen ausprobiert. In Mathe haben wir zum Beispiel viel in kleinen Gruppen gearbeitet: Es gibt drei Leistungsniveaus: die Guten, die Mittelguten und die Schlechten. Während die Mittleren etwas mit Lehrer zusammen lernen, erklären die Guten den Schlechteren was."

Welche Rolle haben die Lehrer bei euch?

Lena: "Wir versuchen, so gut es geht, uns den Stoff selbst beizubringen.  Trotzdem haben wir für jedes Fach einen Lehrer. Die verstehen sich als Helfer. Sie helfen dabei, sich selbst überflüssig zu machen."

Lilian: "Sie bringen uns nicht den Abistoff bei, sondern die Herangehensweise. Oft ist es eine Art Leistungskontrolle. So sehen wir dann, ob wir auf dem richtigen Weg sind."

Paolo: "Aber wenn wir irgendwo nicht weiterkommen, dann gibt’s auch bei uns mal Frontalunterricht. So ist das grad mit Bio. Wir würden den ganzen Inhalt bis zu den mündlichen Prüfungen sonst überhaupt nicht  schaffen."

Kein 45-Minuten-Takt, kein Pausengong, Lehrer, die nach eurer Pfeife tanzen – Wie sieht euer Schulalltag aus? Abhängen und Kaffetrinken oder eiserne Disziplin?

Lena: "Nee, nee, einfach rausrennen zum Kaffeetrinken geht nicht. Es gibt bei uns eine Anwesenheitspflicht. Wer fehlt, muss sich abmelden. Wir haben 8 Stunden Unterricht am Tag, immer von 9 bis 17 Uhr mit einer Stunde Mittagspause. Ansonsten: Pausen nach Bedarf, aber die sind nicht länger oder öfter als an anderen Schulen. Außerdem reservieren wir jeden Tag eine Stunde für den rhythmischen Teil: Tanzen, Musik machen, Fechten oder Theaterspielen. Das ist unser Ausgleich."

Paolo: "Und wir müssen auch samstags in die Schule."

Das heißt Parties am Wochenende finden ohne euch statt? Was ist mit Freizeit?

Lena (Bild rechts): "Freizeit, was ist das? Es ist ewig her, dass ich mal richtig feiern war. Ich gehe eigentlich nur noch „was trinken“. Wenn ich nach Mitternacht heimkomme, bin ich die ganze folgende Woche nicht zu gebrauchen. Das kann ich mir momentan nicht leisten."

Lohnt sich der Verzicht?

Lilian: "Jetzt grad haben wir echt ziemlich viel Arbeit. Das mit den mündlichen Prüfungen ist einfach blöd. Aber trotzdem: Wenn ich abwäge, was ich das Jahr über alles mitgenommen habe, steht das in keinem Verhältnis."

Paolo: "Stimmt. Wir müssen ganz schön reinhauen, aber es lohnt sich. Ich habe es geschafft, in allen Fächern ein Interesse zu entwickeln. Diese Hürde muss man erstmal nehmen, um den Stoff selbstständig zu erarbeiten."

Lena: "Den Preis, viel zu tun zu haben, finde ich eigentlich nicht besonders hoch. Wenn ich eine Beschäftigung habe, die mich erfüllt, und die Spaß macht, dann ist mir das hundertmal lieber als ganz viel Freizeit zu haben und nicht zu wissen, was ich mit mir anfangen soll."

Was habt ihr außer dem Prüfungsstoff gelernt?

Lena: "Ich hab jetzt viel mehr Selbstvertrauen. Wenn ich mir was beibringen will, dann klappt das auch. Und dann die ganze Organisation. Ich weiß jetzt, wie man einen offiziellen Brief schreibt, wie man sich mit Ämtern rumschlägt und wie man Geld zusammenbekommt, wenn man eine Idee hat."

Lilian:
"Ich habe eine gewisse Disziplin entwickelt. Ich habe gelernt, mir meine Zeit einzuteilen."

Paolo: "Und das Soziale. Wie gehe ich mit Menschen um? Wie löst man Konflikte in der Gruppe? Wir sind ja nicht nur Freunde oder Mitschüler, sondern richtige Arbeitskollegen. Das war nicht immer einfach."

Wenn im Zeugnis am Ende schlechte Noten stehen, oder sogar jemand durchfällt, wäre euer Experiment dann gescheitert?


Lena: "Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass jemand durchfallen wird. In der Öffentlichkeit ist die Auffassung: 'Wenn die Note nicht stimmt, dann stimmt das Projekt nicht.' Aber das ist einseitig. Die Note sagt so wenig darüber über das, was in dem Jahr passiert ist."

Paolo: "Wir sehen das Abi nicht als Selbstzweck. Es ist der Rahmen, der alles zusammenhält. Aber den Erfolg unseres Projektes kann man nicht an den Abinoten messen. "

Bis Ende Juni steckt ihr noch in den mündlichen Prüfungen. Wie geht’s danach für euch weiter?

Lena: "Ich brauche erstmal eine Orientierungsphase. Ich möchte reisen und mir Unis anschauen und so herausfinden, was ich später machen möchte."

Paolo: "Ich werde mir auch ein Jahr freinehmen um zu schauen, wie ich das, was ich in den letzten Monaten gelernt habe, mit meinen sonstigen Interessen verbinden kann. Vielleicht mach ich was Handwerkliches oder Künstlerisches. Und irgendwann Zivildienst – im Ausland."

Lilian: "Ich gehe nach Frankreich und mache in der Nähe von Lyon ein freiwilliges soziales Jahr. Viele reisen auch erstmal. Zwei wollen sich um eine schriftliche Dokumentation für unser Projekt kümmern. Wir hoffen, dass unsere Idee geklaut wird!"



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