Abi-Alleingänger: "Emotional war's schon hart"

Joana Jäschke

Acht Freiburger Schüler verwirklichten ihren Traum von der schulexternen Abivorbereitung: Kein Frontalunterricht, kein Pausengong, kein 45-Minutentakt. Jetzt haben sie das Abitur hinter sich, das Kultusministerium rät indes vor Nachahmung ab. Zwei Abi-Alleingänger von Methodos ziehen im fudder-Interview Bilanz.



Die Individual-Abiturienten haben großes Medieninteresse ausgelöst, nachdem sie das Projekt Methodos gegründet hatten. Jetzt ist das pädagogische Experiment beendet. Wie es ausging, berichten Lena Schindler und Milena Minuth im fudder-Interview.


Nach den schriftlichen musstet ihr euch zusätzlich durch acht mündliche Prüfungen kämpfen. Jetzt ist alles vorbei. Wie fühlt ihr euch?

Milena: Total super. Es ist zwar immer noch nicht bei mir angekommen, dass es jetzt vorbei ist, aber es fühlt sich auf jeden Fall gut an.

Wie liefen denn die mündlichen Prüfungen?

Lena: Die waren eine ganz schöne Berg- und Talfahrt. Es kam deutlich zum Tragen, dass die Prüfer uns nicht gekannt haben. In 20 Minuten Prüfung kann man ja kaum sichtbar machen, was der einzelne wirklich kann. Bei mir war es deshalb ziemlich willkürlich. In Mathe war ich eigentlich ein Einserkandidat und da habe ich eine 5 geredet. Danach war ich völlig gefrustet. Aber ich habe das dann in andern Fächern wieder rausgeholt und das Gesamtergebnis war dann doch ganz in Ordnung.

Milena: Ich war von Anfang an eine Wackelkandidatin, und ich habe mein Abi geschafft, mit einem Schnitt von 3,6. Bestehen war mein Hauptziel, daher lief es für mich ganz gut.



Wie fielen die Ergebnisse aus? Haben alle bestanden?

Lena: Insgesamt sehr gemischt. Von den acht Leuten, die bis zum Ende dabei waren, sind alle durchgekommen. Einer sogar mit 1,0. Wir haben insgesamt einen Schnitt von 2,3, das liegt in dem Bereich, den andere Schulen auch haben. Ich habe eine 1,9, und das ist gut. Ich wollte unbedingt eine eins vor dem Komma haben und das passt so.

Zwei Schüler sind aus eurem Projekt ausgestiegen. Warum?

Milena: Eine Schülerin ist schon nach den schriftlichen Prüfungen ausgestiegen. Sie hatte viele familiäre Probleme und hat sich dann gegen das Projekt entschieden. Wir haben aber bei ihr schon lange gezweifelt, ob sie ihr Abi schafft, weil sie mit dem Lernstoff sehr hintendran war.

Lena: Die andere Schülerin ist durchgefallen bei den mündlichen Prüfungen. Zuerst wurden ja die schriftlichen Abifächer nochmal mündlich nachgeprüft. Nur wer dort eine gewisse Punktzahl erreicht hatte, konnte zu den rein mündlichen Prüfungen antreten. Diese Hürde hat sie leider nicht geschafft. Sie war aber, gerade vor den Prüfungen, auch nur sehr selten da.

Milena: Eigentlich hatte sie sich schon vor einer Weile abgeseilt und deshalb zählen wir das auch nicht mehr zum Projekt dazu, weil wir sie ja nicht vorbereitet haben. Es ging ja darum, dass wir es am Ende mit unseren Lernmethoden schaffen. Von denen, die bis zum Ende bei Methodos dabei waren, haben es alle acht geschafft.

Habt ihr irgendwann daran gezweifelt, dass euer Weg der richtige war?

Milena: Eigentlich nicht. Die mündlichen Prüfungen waren zwar fies, aber das war es mir wert, weil ich fast jeden Tag gern in die Schule gegangen bin. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu schwänzen. Man macht das ja für sich. Da konnte sich auch keiner über die Lehrer beschweren, weil wir sie ja selbst engagiert haben.

Lena: Aber emotional war‘s schon hart. Gerade nach den Schriftlichen, als die anderen Schüler fertig waren und schon gefeiert haben, haben wir uns gefragt: „Warum müssen wir es uns jetzt eigentlich so schwer machen?“ Aber es stand nie in einem Verhältnis zu dem, was wir mitnehmen konnten. Das war uns der ganze Stress absolut wert. Für existenzielle Zweifel hatten wir auch gar keine Zeit.



Was lief gut und wo gab es Probleme?

Lena: Das schlimmste war der ungeheure Zeitdruck: In einem dreiviertel Jahr einen Lehrplan durchzukriegen, der für zwei Jahre angelegt ist, das ist schon Wahnsinn. Und das in Kombination mit den riesigen Niveauunterschieden innerhalb der Gruppe. Wir hatten Leute, die schon im September ein Einserabi gemacht hätten und Leute, die die vergangenen zwei Jahre in der Schule komplett verschlafen hatten. Das war heftig.

Milena: Gut gelaufen ist die Tatsache,  dass wir nicht aufgegeben haben. Wir haben wirklich für jedes Fach eine eigene Unterrichtsmethode entwickelt und haben gelernt zu lernen.

Welche Erfahrung war für euch wichtig?

Milena: Wir konnten uns richtig gut kennenlernen. Außerdem war die Zusammenarbeit wichtig. Ich fand es toll, zu sehen, wie die guten Schüler sich für die schlechteren eingesetzt haben. Sie haben sich nicht nur – die 1,0 im Visier – mit Ellenbogen durchgeboxt, sondern haben die schlechten mitgetragen.

Kritiker, vor allem das Kultusministerium, haben das externe Abi nicht zur Nachahmung empfohlen. Würdet ihr es trotzdem wieder machen?

Lena: Auf jeden Fall!  Aber ich würde mir dafür zwei Jahre Zeit nehmen. Es ist absoluter Blödsinn, das in einem Dreivierteljahr zu machen. Für uns Externe war das einfach sauviel Pauken. Man muss eine ungeheure Menge an Stoff gleichzeitig parat haben. Aber vielleicht hat das Kultusministerium schon Recht, weil die externen Prüfungen nicht gerade pädagogisch wertvoll sind und sicher nicht der leichtere Weg. Das war einfach nichts Schönes. Aber uns kam es ja schon immer eher auf den Weg an.

Milena: Ich würde es auch auf jeden Fall nochmal machen. Viele haben ja gesagt, das externe Abi könnten nur Überflieger machen.  Aber ich war alles andere als ein Superschüler und habe es trotzdem geschafft.



Warum seid ihr jetzt besser aufs Leben vorbereitet als andere Schüler?

Milena: Wir haben gelernt, mit der Bürokratie umzugehen. Hinter dem Jahr steckt eine Wahnsinnsorganisation. Allein die Gründung des Vereins Methodos hat uns viele Nerven gekostet. Wir haben Sponsoren aufgetrieben und gelernt mit der Presse umzugehen. Das hätte mir sonst niemand beigebracht. Insgesamt habe ich viel mehr Selbstverantwortung gelernt.

Wird es einen Nachfolgejahrgang geben?

Lena: Es gibt schon einige Interessenten, aber noch nichts Konkretes. Wir bekommen nicht nur Anfragen aus Freiburg, sondern auch von weiter weg. München zum Beispiel. Es hängt jetzt davon ab, ob sich genügend Mitstreiter finden. Es müssten schon etwa zehn Leute sein, damit es sich auch finanziell lohnt.

Milena: Auch die Lehrer sind daran interessiert, weiterzumachen. Einige Schüler aus unserer Gruppe werden auch über das Jahr noch da sein, um die Nachfolger zu beraten. Deshalb arbeiten wir auch an einer Dokumentation über unsere Erfahrungen, die wir als Buch veröffentlichen werden. Aber es soll natürlich wieder viel aus Eigeninitiative entstehen.

Wie geht es für euch persönlich weiter?

Milena: Viele gehen ins Ausland. Ich werde wahrscheinlich ein Jahr nach Ghana gehen und dort als Entwicklungshelferin arbeiten. Generell möchte ich gerne Musik machen. Da habe ich aber jetzt noch keine konkreten Pläne.

Lena: Ich bleibe erstmal noch in Freiburg, um mich zu orientieren. Es gibt so viele Möglichkeiten. Nächstes Jahr will ich anfangen zu studieren. Jeder geht seinen Weg, wie in einer ganz normalen Abiturklasse.

Mehr dazu: