Abgeschleppt, betäubt und ausgeraubt: Das Urteil

David Weigend

Gestern ist der Angeklagte im sogenannten Beischlafraub-Prozess verurteilt worden: zu zwei Jahren und neun Monaten Haft wegen schweren Raubs in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung. Was sich am letzten Verhandlungstag abspielte, haben wir beobachtet.



13.15 Uhr: Der Zeuge Batur

Batur*, der vom Zeugen Enver* zuvor als „Monster“ tituliert wurde, wirkt weniger furchteinflößend als erwartet. Was auch daran liegen mag, dass er in Handschellen in den Zeugenstand geführt wird, da er sich wegen einer anderen Sache in Untersuchungshaft befindet. Batur: 28, blass, bulliger Oberkörper, schwarze Turnschuhe mit Silberapplikation im Fersenbereich. Während seiner Vernehmung zuckt er nervös mit dem rechten Fuß. Der Mann hat momentan ganz andere Probleme. Hier eine Zusammenfassung seiner Aussage:

„Den Angeklagten Abdallah* kenne ich seit Kindesbeinen. Wir haben früher im selben Verein gekickt, in der D- und C-Jugend. Den Harun*, der ja im Hotel betäubt und ausgeraubt worden ist, habe ich im Knast kennengelernt. Von der ganzen Geschichte erfuhr ich, als mich Harun an diesem Wochenende im Dezember anrief und mir erzählte, was ihm passiert ist. Ich hab das zuerst für Quatsch gehalten. ,Dass man sich von nem Mädchen abfüllen lässt und danach nix mehr weiß, das gibt’s doch gar nicht.’

Aber anscheinend war da doch was dran. Harun war ziemlich aufgebracht. Er hat ein Foto von diesem Mädchen organisiert und überall rumgefragt, ob jemand die kennt. Einer wusste es, so ein Typ aus dem Spielland. Der hat die sogar mal heimgefahren. Der Harun hat mich gebeten, dass wir da zusammen hinfahren und dieses Mädel fragen, was sie mit der Sache im Hotel zu tun hat.



Also sind wir nach Zähringen gefahren. Wir haben das Klingelschild gecheckt und ja, der Name war dabei. Aber es war niemand da. Also haben wir eine gute Stunde gewartet. Dann kam sie, zusammen mit ihrem Vater. Harun wollte das Mädel zur Rede stellen, aber der Vater hat sie beschützt. Ich sagte zu Harun: „Du bist frisch entlassen, Mann. Bau' keinen Scheiß. Lass uns lieber die Polizei rufen.“ Also kam die Polizei, und die haben dann bei der Nina* auch 400 Euro Bargeld gefunden und sie konnte nicht sagen, wo sie das herhat.

Irgendwann später hat mich Harun wieder angerufen und gesagt: „Ich weiß jetzt, wo dieser Albaner ist, der Enver, der Freund von Nina. Lass’ uns da mal hingehen und ein bisschen Druck machen. Ich will endlich wissen, wer hinter der ganzen Geschichte steckt.“

Wir sind also zu so 'nem kurdischen Café in den Stühlinger gefahren. Erst ist Harun da allein rein. Nach ner bestimmten Zeit kam ich dazu. Der Enver, dieser Albaner, hat nur wirres Zeug gefaselt. Erst war er es, dann wieder nicht, dann war es seine Freundin, dann wieder nicht, dann war es eine andere Freundin, bla bla bla. Am Schluss wusste er gar nichts mehr. Ich hab’ dann ein bisschen geblufft, so wie Harun und ich das besprochen hatten. Ich hab’ gesagt: „Enver, die Polizei ermittelt hier wegen versuchten Mordes. Entweder, du sagst uns jetzt die Wahrheit oder du bist dran!“

Na ja, dann sind wir ins Baltino und Enver hat ausgepackt. Er hat erzählt, dass Abdallah hinter der ganzen Sache steckt. Der Harun hätte den Abdallah irgendwie abgezogen und jetzt will Abdallah sein Geld zurück.

Später dann habe ich mit Harun noch mal diese Nina getroffen. Ich muss sagen, sie ist echt in Ordnung und wurde übelst ausgenutzt. Sie hat uns die gleiche Geschichte erzählt wie Enver. Sie war halt der Lockvogel. Aber ich war dann ganz schön sauer auf Enver und Abdallah, dass sie die Nina da eingespannt haben. Deshalb habe ich auch gesagt: „Wenn einer von denen der Nina auch nur ein Haar krümmen sollte, dann breche ich dem alle Knochen. Wenn ich in dieser Nacht im Karma gewesen wäre und nicht der Harun, dann wären die anderen Bastarde platt gewesen.

Ich muss dazu sagen, dass ich damals mit Abdallah ziemlich zerstritten war. Und es wäre mir nur recht gewesen, wenn er in Haft gegangen wäre.“



14.20 Uhr: Verhandlungspause

Der Angeklagte Abdallah geht im Treppenhaus des Amtsgerichts herum und spricht auch Prozesszuschauer an: „Der Enver ist ein großes Kind. Der weiß nicht, was er macht.“

14.30 Uhr: Verteidiger stellt Beweisantrag

Obwohl der Richter die Beweisaufnahme eigentlich schon geschlossen hat, melden sich Abdallah und sein Verteidiger wieder zu Wort, um einen unkoordinierten Beweisantrag zu formulieren, in dem es um eine rätselhafte Tonbandaufnahme und einen Entlastungszeugen geht. Der Richter unterbricht abermals die Verhandlung, damit der Verteidiger seinen Beweisantrag ordentlich aufschreiben kann.

In der Pause sagt Abdallah zum Anwalt des Nebenklägers: „Sie kennen den Batur, oder? Ja, ich auch. Das vergisst du nicht, wenn dir einer die Nase bricht.“



15 Uhr: Beweisantrag wird abgelehnt


15.20 Uhr: Der Antrag des Staatsanwalts

Der Staatsanwalt beantragt drei Jahre und drei Monate Haft für Abdallah, wegen schweren Raubes. Die Strafe bezieht sich überdies auf Abdallahs Fahren ohne Fahrerlaubnis, auch wenn dieses Vergehen nur am Rande den Strafantrag beeinflusst.

Der Staatsanwalt beurteilt das Verhalten Abdallahs im Prozess als negativ. Hätte der Angeklagte ein Geständnis abgelegt, so hätte er Nina die Pein erspart, in der öffentlichen Verhandlung nochmals den für sie sehr unangenehmen Tathergang nachzuerzählen. Stattdessen griff Abdallah Nina während der Verhandlung verbal an: „Warum lügen Sie?“ Nina wird vom Staatsanwalt als das eigentliche Opfer der ganzen Geschichte eingestuft.

Die beiden anderen Tatbeteiligten Nina und Enver treten in dieser Verhandlung nur als Zeugen auf. Sie wurden bereits im März 2009 verurteilt (Dank für diesen Hinweis an fudder-User TomTee!): Nina bekam eine Jugendstrafe, sechs Monate auf Bewährung; Enver wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt, ebenfalls auf Bewährung.



15.30 Uhr: Der Verteidiger bemüht sich redlich

In einer Mischung von Thomas Bernhardschen Wiederholungen und ans Stumpfe grenzender Beharrlichkeit versucht der Verteidiger, die Zeugenaussagen von Nina und Enver als „völlig unglaubwürdig“ hinzustellen. Der Richter runzelt die Stirn, die Gerichtsschreiberin kann sich ein Grinsen nicht verkneifen: Immer wieder umkreist der leicht derangiert wirkende Verteidiger die Szenen im Hotel, die Nina widersprüchlich wiedergegeben haben soll; immer wieder weist er auf Enver hin, der das Gericht zuerst angelogen habe; des Verteidigers ermüdende Rede mündet in der Forderung, seinen Mandanten frei zu sprechen.



17.10 Uhr: Das Urteil

Abdallah wird zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, wegen schweren Raubs in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung.

Bei der Urteilsverkündung kommt nochmals die Motivation des Täters zur Sprache. Abdallah wollte von Harun Geld, „wegen irgendwelchen dubiosen Geschichten, die wohl eher im illegalen Bereich anzusiedeln sind“, wie der Richter sagt.

Tatsächlich ist im Laufe der Verhandlung herausgekommen, dass der Geschädigte Harun über einiges Know-How im Ausräumen von Glücksspielautomaten verfügt. Und es könnte sein, dass Abdallah Harun (oder umgekehrt, es waren ja mal „Kollegen“) dabei fotografierte, wie dieser mit einem präparierten Geldschein einen Automaten manipulierte und daraus ein Konflikt oder eine Erpressungssituation entstanden ist.

Der Richter räumt ein, dass Abdallah in der Tatnacht am Tatort zwar von niemandem gesehen wurde, aber dass es „der Zufälle zuviele“ sind, die für Abdallah als Täter sprechen. Allein die Nachverfolgung der Handygespräche zwischen Abdallah und Nina in der Tatnacht seien höchst belastend. Das Partyfoto von Nina und Harun sei für ihn „der Anfang vom Untergang“ gewesen. Abdallah ist als Initiator und Beherrscher des Tatplans einzustufen, obendrein als Hauptprofiteur des Raubs. Nicht zu vergessen sei auch, dass Abdallah zum Tatzeitpunkt auf Bewährung stand, wegen Körperverletzung und Bedrohung im selben Jahr.



Doch auch der ausgeraubte Harun habe sich leichtsinnig verhalten, weil er mit solch einer großen Barschaft herumgelaufen sei. Harun sei „ad hoc-sexuellen Spontanbegegnungen nicht abgeneigt“ gewesen, was Abdallah gewusst und eiskalt ausgenutzt hätte.

Epilog: Der Verurteilte

Bis zur Urteilsverkündung lässt der Eisenbieger Abdallah keine Gelegenheit aus, allein schon durch sein Mienenspiel Verachtung und Zweifel gegenüber den Zeugen zum Ausdruck zu bringen. Im schwarzen Pullover, den grünen Hemdkragen gestärkt, lauscht er den Zeugenaussagen mit einem Gesichtsausdruck, als leide er an einem mittelschweren Migräneanfall. Dann wieder grinst er zynisch und betrachtet seine Fingernägel. Hin und wieder kritzelt er mit seiner linken Hand Muster auf ein Papier.

Nur selten streift sein Blick den geschädigten Harun und dessen cremefarbene Lederjacke, etwa dann, als dieser sagt: „Abdallah hat Enver 400 Euro geboten, wenn er vor Gericht sagt, dass Abdallah gar nicht im Karma gewesen sei.“

Dafür begutachtet der Angeklagte gern mit Argwohn den Zuschauerraum. Oft meldet er sich zu Wort, spricht von einer „Verschwörungstheorie“ und „einem großen Theater“.

Eine Minute nach Urteilsverkündung zeigt Abdallah zum ersten Mal in der gesamten Verhandlung sein wahres Gesicht: Es wirkt wie versteinert und ja, Abdallah blickt zu Boden. Kein Zupfen mehr am Pullisaum, keine Handbewegungen, die zeigen sollen: „Die anderen lügen doch alle.“

Für einen Moment meint der Beobachter etwas anderes in Abdallahs Gesicht erkennen zu können: Scham.

*[Alle Namen von der Redaktion geändert]

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