Abenteuer mit gespreizten Beinen

Dirk Philippi

Heftig. Drastisch. Intensiv. Das Abenteuer ist der zentrale Mythos der Moderne. Egal ob als Unterhaltungspille für abgeschlaffte Sesselfurzer, als snobistisches Ferienvergnügen oder radikales Existenzerleben - ein Abenteuer ist das Schattenprogramm im sozialversichterten Alltag. Doch Vieles, was nach Grenzerfahrung stinkt, ist in Wahrheit viel zu hübsch, um noch zu "kicken". Eine Anekdote über wahre Abenteurer.



Unser Leben ist so verdammt spannend - wenn man der Öffentlichkeit glauben mag. Der neue Tatort ist spannend, die Frage nach der Todesstrafe auch, Julia Jentsch hat so wahnsinnig spannende Augen und selbst die Frage, ob es Nutella oder Käptn Nuss aufs Brötchen gibt, ist so dogmatisch wie spannend. Eigentlich ist es heute gar nicht mehr so einfach noch etwas Außergewöhnliches, Unmittelbares oder vermeintlich Risikoreiches zu erleben, wo doch jeder Finanzbeamte schon mal durchs Ötztal geriverraftet ist. Ok, man kann auf den Fahrradhelm verzichten, den Autogurt verschmähen, seine 27 Versicherungen kündigen oder die Summe der ersten 12 Primzahlen im Kopf ausrechnen - doch wer bitte macht das schon.


"Das Abenteuer, mein Junge, ist die andere Seite der Langeweile", sagte mein Großvater einmal zu mir und hatte sich den richtigen Adressaten für seine Worte ausgesucht. Wenn nur derjenige das Zeug zum Abenteurer hat, der sich von Herzen langweilt, dann war ich jedenfalls dafür bestimmt Indiana Jones zu folgen. Helden dagegen haben mich schon seit je her furchtbar genervt. Ein Held weiß immer im Voraus, was möglich und richtig ist und was nicht. Alle Spinnenmänner, Löwenherzen oder Tafelrundensitzer waren so ganz arg vernünftig und toll oder kämpften für die gerechte Sache, waren so unglaublich ruhmreich und langweilten sich nie. Dabei kommt es mir im Nachhinein aber so vor als wären die meisten Abenteurer nur peinlich verkleidete Heldenattrappen. "In Wirklichkeit", so endete mein Großvater damals, "gibt es eigentlich gar kein Abenteuer. Man kann es nur erleben!" Wie Recht er doch hatte.



Heute erinnere ich mich nur an einen einziges Abenteuer noch ganz genau. Es war ein Augenblick, wo ich selbst entscheiden musste, wie und mit wem oder noch besser ob es weitergeht mit meinem Leben: der Zehnerturm im Freibad.

Die Jungs in meiner Clique, die mit den Top-10-Mädchen der Stadt knutschen durften, konnte man damals in exakt drei Gruppen einteilen: die Vespafahrer, die Skater und die, die vom Zehner sprangen. Pünktlich zum Beginn der Freibad-Saison wurden stets alte Bindungen gelöst und kartonweise Schlussmachbriefe verschickt und zugesteckt. Sowohl die Mädchen als auch die Jungs sahen das weniger emotional als vielmehr pragmatisch, schließlich mochte man ja dabei sein, wenn die Jagdsaison eröffnet wurde, man nächtens mit fremden Wesen über Schwimmbadzäune stieg und vom Badetuch-Schützengraben aus neue Angriffsstrategien ausgeheckte. So stand wiedermal der Sommer vor der Tür und ich hatte weder einen Roller noch konnte ich irgendeinen Ollie, Flip oder sonstigen Schmarrn auf dem Kaufhof-Brett, das ich zu Weihnachten bekommen hatte. Aber ich war wieder solo, dafür hatte Susan mit einer Kurznotiz auf einem Bierdeckel (!) rechtzeitig gesorgt.



Am Beckenrand saßen sie dann - alle. Aufgereiht wie das Preisrichterkomitee beim Neujahrsskispringen. Die Beine übereinander geschlagen mit sachlichem Blick und fordernder Erwartungshaltung. Lediglich den Notizblock hatten sie vergessen. Anne, Katja, Jule, Sandra, Melanie, Inga, Jennifer, Birte und zwei, mit denen ich schon was hatte. Alle blickten nach oben, als wir zu fünft über den Rasenberg zur Sprunganlage schlenderten und unsere Badehosen hinten länger wurden umso näher wir an die Betonplatten herantraten. Ich sah genau, dass die Oberstufenjungs, die vom Drei-Meter-Brett sprangen, nicht einmal einen Seitenblick einheimsen konnten. Nein, unsere Mädchen wollten Männer - Evil Knievels, die sich für sie in die Tiefe stürzten.

Thomas hatten wir als ersten ausgelost und dementsprechend nervös war er. Kurzzeitig hatte er sich überlegt, auf Stufe drei mit leidensvollem Blick eine Leistenzerrung, die er sich beim Klippenspringen zugezogen habe, vorzutäuschen, doch wir hatten das schon zuvor im basisdemokratischen Gruppenentscheid untersagt. Ich konnte gar nicht hinsehen und weiß nur noch, wie es krachte, als er sich beim selbst erfundenen "Bloody Marie Towards Hell" überdrehte und beim Eintauchen eine unschöne Schulterlandung präsentierte. Die Mädchen grinsten und leider sah ich Thomas feuerroten Rücken noch bevor er aus meinem Sichtfeld verschwand. Als Zweiter stieg ich konzentriert von Stufe zu Stufe und Plattform zu Plattform. Ich dachte an meinen Opa, meine Mutter und musste an die Konfirmation denken. "So hübsch wie er aussieht", hatten mich meine Tanten gegängelt, "so ein vernünftiger, toller Junge!"



Ich stand oben und hörte meinen Namen. "Jetzt oder nie", feuerte ich mich selbst an. Mann oder Mädchen. Knutschen oder Langeweile. Ich lief an. Schon im Frühjahr hatte ich begonnen, mir Bewegungsabläufe auszudenken und meinem Sprung einen Namen zu geben. Nicht zu klassisch sollte es sein, Drehung und Beine spreizen waren Pflicht und irgendein Gag musste spielerisch anmutende Leichtigkeit vorgaukeln. Der Name dagegen sollte stylische Coolness vermitteln und Souveränität: "The Bademeister" war geboren. Heimlich übte ich fortan in der Nachbargemeinde vom Dreier, was angesichts der nun längeren Flugzeit ziemlich gefährlich war -Thomas konnte schon ein Lied davon singen. Doch nun war alles vergessen - alles, inklusive dem, was in den folgenden Sekunden geschah. Geblutet hat es jedenfalls nicht.

Je inflationärer der Begriff, desto weniger Abenteuer gibt es. Das weiß ich heute so sicher wie, dass Mädchen auch springen - auf Jungs nämlich, die sich vom Zehner stürzen.

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