Abendmahl mit Freunden

Martin Kranz-Badri

Nicht nur bei der Jugendvigil fanden Samstagabend junge Katholiken zusammen. Auch in jenen Wohnungen, die Papstpilger aufgenommen hatten, wurde Gemeinschaft gepflegt. So etwa in der Schwabentor-WG von Fabian 'Cruel' Baur. Er aß mit für den Papstbesuch angereisten Freunden zu Abend. fudder-Autor Martin bekam auch einen Happen ab.



Gegen 20 Uhr, in einer WG in der Nähe des Schwabentors. Im Wohnzimmer spendet nur der Fernseher ein wenig Licht auf andächtig schauenden Gesichter. Es läuft die Vigil, die Liturgie ist bei den Fürbitten. Beim Kyrie wird leise mitgesummt. Eine Christ-Pop-Band beschließt den Gottesdienst, löst bei den Anwesenden jedoch Kopfschütteln aus. Die Fernsehmoderatorin spricht in das schmalzig gesungene Schlusslied hinein und reißt die Zuschauer jäh aus der Andacht.


In der Küche lassen Gastgeber Cruel und sein Besuch Alexander die Vigil Revue passieren: „So eine Musik ist unzeitgemäß, voll 80er! Aber die Predigt von Benedikt war großartig.“ Neben Alexanders Familie sitzt auch Bernard aus Straßburg am Tisch. „Wir haben uns auf dem Jakobsweg letztes Jahr kennen gelernt,“ erzählt Cruel, „er hat sich jedoch verletzt und konnte den Weg nicht zu Ende laufen“. Bernard ergänzt: „Wenn man den Weg geht, weiß man nie, wie weit man kommt. Ich habe ihn aber dieses Jahr beendet, bis Santiago de Compostela.“ Später wollen sie noch bei einem Glas Wein Bernards auf dem Weg geschossenen Fotos anschauen. Alexanders Sohn spricht ein Tischgebet.

Alexander ist mit seiner Familie zum Papstbesuch aus Bochum angereist; sie hatten für Erfurt keine Karten mehr bekommen. „Da hab ich sie nach Freiburg eingeladen,“ unterbricht Cruel.  'Freue mich auf Besuch von Freunden zum Papstbesuch' hatte der danach auf Facebook gepostet - und danach so heftige Anfeindungen als Reaktion bekommen, dass der netzaffine Katholik seit zwei Wochen nicht mehr online auftritt. „Ich bin seit 14 Tagen in Klausur,“ scherzt er, doch  man spürt seine Verbitterung. Verständnis für seinen Glauben erfahre er eher von muslimischen Kollegen.

Alexander und Cruel kennen sich übers Netz als Katholiken, beide leben ihren Glauben im Gottesdienst nach dem alten Ritus. Diese in der Kirchensprache Latein gefeierte Messform ist 2007 von Papst Benedikt als „außerordentliche Form der Liturgie der Kirche“ erlaubt worden, obwohl sie nach dem zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren aus den Gottesdiensten verbannt worden war.

Zum ersten persönlichen Treffen der Netzfreunde kam es auf dem Wave Gotik Treffen in Leipzig. „Leute, die wie wir nicht gewöhnlich sind, haben in der Kirche ihren Platz. Dort erfahren wir gelebte Toleranz. Doch natürlich müssen wir uns auch da erklären.“ In Freiburg stoßen sie an diesem Wochenende auf Gleichgesinnte. Am Samstagmittag haben sie auf offener Straße den Rosenkranz gebetet - und eine Nonne auf der anderen Straßenseite hat mitgemacht. „Das ist doch der richtige Weg für die katholische Kirche, zurück zur Tradition. Die der 1950er oder besser, die vor 2000 Jahren,“ ist sich Cruel sicher.

Cruel erklärt seine Sicht auf den Heiligen Vater: „Was ein Vater sagt, passt einem nicht immer, aber man hat Respekt und Liebe.“ Über diese Vergleich muß ich nachdenken, als ich die nächste Dreiviertelstunde darauf warte, über den Greifeneggring zum Schwabentor zu kommen. Die Polizei hat alles abgeriegelt, der Papst fährt auf dem Rückweg von der Vigil hier durch.

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