Ab wann hat man ein Alkoholproblem, Herr Suchtberater?

Marius Buhl

Einschlafhilfe, Sorgenkiller, Genussmittel: Alkohol macht Menschen lustig und eloquent, auf Dauer aber auch dumm und krank. Gefährlich ist Alkohol vor allem dann, wenn der Trinkende ihn als Breitband-Medikament einsetzt, sagt Thomas Hodel von der Suchtberatung Freiburg. Und verrät sein Lieblingsgetränk.


Angenommen ich trinke unter der Woche zum Essen Wein, dazu hin und wieder ein Bier und am Wochenende vier Gin Tonic, um zum Tanzen warm zu werden. Habe ich ein Problem?

Aus welchem Grund trinken Sie?

Weil es schmeckt und meine Freunde es auch tun.

Dann sind Sie vielleicht im Bereich der Gewöhnung. Gefährlich wird es erst dann, wenn sie nicht aus Genuss trinken, sondern weil sie Stress haben. Oder trinken um zu entspannen, einzuschlafen, Angst zu bannen. Dann haben sie bereits ein Problem und sind auf dem Weg in die Sucht.

Ausschlaggebend ist also nicht die Menge, sondern die Motivation?

Für die Bewertung, ob jemand suchtgefährdet ist, ja. Aber auch auf Nicht-Süchtige wirkt Alkohol schädlich. Das nennen wir Risiken. Zum Beispiel das Risiko, in eine Schlägerei zu geraten, selbst Gewalt anzuwenden oder sich in die Gefahr zu bringen, zu erfrieren. Und natürlich ist Alkohol ab einer gewissen Menge für den Körper schädlich.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen empfiehlt Männern nicht mehr als 20 Gramm reinen Alkohol am Tag, Frauen nicht mehr als 10. Umgerechnet sind das für den Mann nicht mehr als einen halben Liter Bier am Tag. Aber: Auch das könnten sie mal eine Zeitlang machen, wenn sie es aber über viele Jahre durchziehen, riskieren sie natürlich heftige, gesundheitliche Probleme.

Wie wirkt die Droge Alkohol?

Kurzfristig ist Alkohol ein Breitbandmedikament. Ich kann damit entspannen, locker werden, einschlafen, Langeweile überbrücken. Wenn ich das aber langfristig anwende, verlerne ich, meinen Gefühlshaushalt normal zu regulieren, meine Persönlichkeit wird schwächer.

Dann brauche ich den Alkohol, weil ich nicht im Training stehe, Frust auszuhalten, Gegenwind zu spüren, mich zu widersetzen. Das ist dann ein Teufelskreis, da kommt man nur schwer wieder raus.

Und was passiert mit meinem Körper?

Alkohol ist ein Zellgift.Wenn sie regelmäßige Abschussabende haben, zerstört Alkohol überall da Zellen, wo er mit der Blutbahn hinkommt – im Herz, im Gehirn, in der Leber. Alkohol schwächt das Immunsystem und kann auch manchen Krebs verursachen.

Also höre ich besser jetzt damit auf.

Naja, Alkohol ist auch ein Genussmittel, ein Stück Lebensqualität. Ein Glas Wein zum Essen, ein isotonisches Weizen nach dem Sport, ein Bier zum Grillen – das sind wirklich schöne Dinge. Wenn sie es nicht übertreiben, sehe ich keinen direkten Grund, aufzuhören. Allerdings ist es auch so: Wenn sie auf Alkohol verzichten, schlafen sie dauerhaft besser, sie sind deutlich fitter und schneller im Kopf.

Wie schafft man es, aufzuhören?

Suchtgefährdeten empfehlen wir, erstmal mäßiger zu trinken. Um das zu schaffen, gibt es Tricks. Ist man irgendwo eingeladen, ist es klug, erst mal etwas Nicht-Alkoholisches zu trinken, damit der Durst weg ist. Außerdem sollte man abwechseln: Alkoholisch, Nicht-Alkoholisch. Und man kann sich Regeln setzen: Kein Alkohol vor 22 Uhr. Oder: Nach einem Abschussabend erstmal mehrere Wochen zu pausieren.

Angenommen man beobachtet bei einem Freund, dass er zunehmend viel trinkt und eben auch mit der gewissen Motivation. Was kann man tun?

Nehmen sie ihn in einem nüchternen Moment zur Seite und reden mit ihm. Ganz wichtig: Keine Unterstellungen machen. Also nicht sagen: 'Ich hab's Gefühl, du bist ein Alki geworden'. Eher Fakten aufzählen: 'Ich habe beobachtet, dass du in letzter Zeit Sorgen in Alkohol ertränkst, dass du Probleme in der Schule oder im Studium hast, dass du zu spät zur Arbeit kommst, dass deine Freundin sich darüber aufregt.

Wenn man zeigt, dass man sich Sorgen macht, kann man im besten Fall rauskitzeln, dass der Gefährdete sich selbst auch Sorgen macht. Dann kann man eine Kosten/Nutzen-Rechnung mit ihm machen und Strategien erarbeiten, weniger zu trinken. Klappt das nicht, wäre es klug, einen Experten hinzuzuziehen.

Seit Jahren hält sich das Gerücht, die Jugend saufe immer hemmungsloser und früher. Stimmt das?

Meines Wissens nicht. Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, sinkt der generelle Alkoholkonsum unter Jugendlichen sogar. Es gibt aber Teilgruppen, die kräftig zulangen.

Die gab es früher nicht?

Doch. Was sich aber verändert hat, ist das Trinken in der Öffentlichkeit. Das gab es früher nicht. Da waren Jugendliche eher in ihren Dorfkellern und haben getrunken. Heute nimmt man sich ein Bier mit auf den Weg, trinkt draußen. Wenn dazu dann Schlägereien und Ruhestörungen kommen, wie im Bermudadreieck, dann verzerrt das auch die Wahrnehmeung. Man denkt: Mann, die Jugendlichen trinken generell mehr. Dabei trinken sie nur da, wo man sie sieht.

Was ist ihr Lieblingsgetränk?

Ich mag schottischen Westküsten-Whiskey.

Zur Person

Thomas Hodel, 59, ist seit 34 Jahren Suchtberater, seit 19 bei der Suchtberatung Freiburg (AGJ). Er hat Sozialarbeit in Heidelberg studiert.