"Ab gehts, los gehts, jipee, heey, come on!"

Aljoscha Harmsen

"Bitte einsteigen. So, gleich gehts los, neue Runde, wir starten, alles klar Leute, es geht los, ab gehts, heeeyyy!" Das ist die Stimme der Schaustellerin Anja Blum, die mit ihrem Fahrgeschäft "The Real Shake" auf der Freiburger Herbstmesse zu Gast ist. Eine Reportage aus der Sprecherkabine.



Ihre Stimme ist tief und cool. Eine Frauenstimme wie ein sanfter Kuss - und dann wieder wie ein Reibeisen. Sie will Vergnügen verkaufen, will animieren. "Super, whooow! Noch eine Stufe schneller! Yeeeaaahhh!", ruft sie. Und immer wieder "Sooo, letzte Runde! Und nochmal. Eine geht noch!" Bis die Fahrt wirklich vorbei ist, sagt sie das noch sechs Mal.


Wer neben ihr sitzt und ihre richtige Stimme hört, könnte glauben, die Animationsstimme gehöre nicht ihr, sondern käme vom Band. "Für die Ohren ist eine tiefe Stimme angenehmer, deswegen verstelle ich sie", sagt Anja. Die meisten ihrer Sprüche hat sie sich selbst angeeignet. "Ich gehe aber sparsam mit der Beschallung um. Man darf die Leute auch nicht zutexten."



Die 38-Jährige animiert seit acht Jahren die Kunden des "The Real Shake" auf Messen in ganz Deutschland. Ihr Mann Thomas ist in der dritten Generation Schausteller und hat vor zwölf Jahren das Karussell gekauft. Für etwa 1,1 Millionen Euro.

Während er das sagt, sitzt er an einem kleinen Tisch in der Ecke der vielleicht  vier Quadratmeter kleinen Kabine und spielt mit der gemeinsamen Tochter. "Ich bin mit Leib und Seele Schaustellerin. Die Freiheit, Eigenständigkeit und die Freude der Kunden machen diesen Beruf so schön", sagt Anja. Vor acht Jahren hat sie für ihren Mann ihren Job aufgegeben und wohnt jetzt in einem 13 Meter langen Wohnwagen.



"Wir arbeiten acht bis neun Monate durch, fahren von Messe zu Messe, und an freien Tagen reparieren und warten wir das Karussel und die Transporter. Trotzdem finde ich das Schaustellerleben nicht unbedingt entbehrungsreich. Ich mache den Beruf einfach sehr gerne." Fünf Transporter und eine Zugmaschine brauchen sie und ihre Mitarbeiter, um das Karussel zu bewegen.

Es vergehen meistens fünf bis 30 Sekunden, bis sie wieder etwas ins Mikrofon spricht. Parallel gibt sie die Fahrtchips heraus, kassiert, achtet darauf, ob die Fahrgäste sich wohl fühlen und schaut nach ihrer Tochter.

Besonders die jüngeren Messebesucher sind ängstlich. Ein Mädchen fragt: "Gehen alle Gondeln über Kopf?" "Nur eine", scherzt Thomas. "Ist das schlimm?", fragt sie verunsichert nach. "Nein. Bei uns dürfen Kinder ab 1,40 Meter mitfahren." Nachdem sich das Mädchen überzeugt hat, dass die Fahrt ungefährlich ist und sie von Anja und Thomas vertrauensvoll angelächelt wurde, fährt sie mit.

Kurz danach steht ein kleiner Junge vor ihr und schaut sie an. Er hat 50 Euro in der Hand und sagt keinen Ton. Anja beugt sich vor und lächelt: "Du musst mit mir sprechen. Eins? Zwei?" Der Junge hält seinen rechten Daumen hoch. Leise und schüchtern sagt er "Eins" und streckt Anja den Schein entgegen.



An der Wand hängt eine Urkunde aus Holland für das schönste und bestbetriebene Karussell der Weerter Kirmes. "Darüber haben wir uns sehr gefreut, es waren noch 15 andere Karussells auf dem Platz." Auf einmal springt Anja auf und läuft zu einer Gondel. Gerade sollte eine neue Runde anfangen. "Da vorne weinen zwei ganz arg und wollen raus", sagt Anja. "Wenn sowas passiert, halten wir sofort an." Dann beginnt wieder die neue Runde: "Ab gehts, los gehts, jipeee, heeey, come on!"



"Mit dem Sprechen ist es am Anfang wie mit Autofahren", sagt Anja. "Du denkst: alle gucken dich an und du traust dich kaum, etwas zu sagen. Aber irgendwann habe ich mir einen eigenen Stil angeeignet." Einen kurzen Moment kommt sie ins Grübeln: "Manchmal ist der Beruf nicht ohne. Du musst immer die Ruhe bewahren, auch bei den schlecht gelaunten Leuten und den Betrunkenen." Die Arbeitszeiten sind für sie manchmal schwer. "Hier geht es nur bis 22 oder 23 Uhr, aber auf anderen Messen ist die Schicht erst um 3 oder 4 Uhr nachts zu Ende und da geht man auf dem Zahnfleisch."

Ein rumänischer Arbeiter unterbricht uns. Mit Zeichensprache stellt Anja fest, dass er ein Handy sucht und gibt es ihm. Sie ist sowas wie die Mutter der Crew.  "Ich koche für meine Leute. Jeden Tag für sechs Mann", sagt Anja. "Wenn Männer was Gescheites im Bauch haben, fühlen sie sich wohler. Als ich früher noch Angestellte war, wollte ich ja auch gut behandelt werden. Ich achte sehr auf ein gutes Verhältnis."



Mittlerweile steht die Sonne tiefer, aber Anja ruft noch mit der gleichen Begeisterung ihre Animationen ins Mikrofon. Ich verabschiede mich. Im Gehen höre ich: "Come on, letzte Runde, eine geht noch, festhalten, wir geben nochmal richtig Gas! Finale!



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