"Ab acht Freundinnen gleichzeitig kriegst du einen Larry"

David Weigend

Bei Al Kapone denken Connaisseure der Freiburger Hip-Hop-Szene meist an Klischees: Posen, Prostituierte, Plattenpimp. Oliver Rath, Resident im Kagan und seit neustem Houseproduzent, gilt als potenter Lebemann in der badischen Halbwelt. Im großen Fudder-Interview zeigt sich der 28jährige auch von einer anderen Seite. Der ehemalige Pornrapper träumt von Familienglück und Grillabenden. Ein Gespräch über Karriere und die neu entdeckte Beschaulichkeit.



Oliver, einige kennen dich weniger als DJ, sondern in erster Linie als Prollrapper von deinem ersten Album “Al Kaporns Welt”. Wie stehst du heute zu deinem Pimp-Image?

Oliver: Ich habe damals von Royalbunker das Angebot bekommen, dieses Album zu machen. Und hatte genug Groupies und Frauen, um darüber zu rappen. Aber die Zeit damals, das war schon ziemlich wild sonst hätte ich auch keinen Bock gehabt, dieses Album zu machen.



Inwiefern?

Ich hatte damals Pimps, Dealer und Nutten im Studio. Zugleich hab ich da auch noch gewohnt und hätte auch mein Studio gleich als Club verwandeln können, so viel wie da nachts los war. Es war ne wilde Zeit. Aber um davon zu leben, dafür war's mir zuwenig Geld. Die Konzerte hier in der Region liefen zwar gut, aber Norddeutschland hat mir schon keinen Spaß mehr gemacht. Gummipuppe auf der Bühne, das war denen schon zu wild. Ich hab da meine Prolonummer abgezogen als Vorgruppe von Saian Super Crew und meine Show war auch nicht gerade das Gelbe vom Ei.

Ist dir deine Rapperkarriere im Nachhinein peinlich?

Nein. Ich hatte da Bock drauf, sonst hätte ich es nicht gemacht.
Wenn man die Möglichkeit hat, ein Album zu produzieren, in allen Plattenläden zu stehen, Video etc., dann wär ich doch blöd, wenn ich nein sagen würde. Ist doch ein riesiger Spaß...

Darf man dem biographischen Inhalt deiner frühen Texte Glauben schenken?

Ja, da ist nichts erfunden. Mein Vater ist gestorben, Alkoholiker. Meine Mutter hat mich rausgeschmissen, weil ich nur Frauen und Musik im Kopf hatte. Zuerst bin ich zu meinem Kumpel gezogen, und dann in ein winziges WG-Zimmer.

Hast du heute wieder Kontakt zu deiner Mutter?

Ja, sehr guten sogar. Darüber bin ich echt froh. Als ich auf eigenen Füßen stand, hat sie sich bei mir gemeldet und sich erstmal gewundert: "Nanu, der schafft's ja auch ohne mich." Im Nachhinein find' ich's gut, dass sie mich vor die Tür gesetzt hat. Das hat mir den Schub gegeben, etwas zu tun.

Wie hast du dich in dieser Situation über Wasser gehalten?

Ich habe in einem bayerischen Lokal hinter der Harmonie gearbeitet, Tellerwaschen in der Küche für Schwarzgeld. Der Chef war der größte Assi. Jeder, der neu in die Küche kam, wurde automatisch zusammengeschissen. Egal, ob du Salate machst oder Teller wäschst. Du wirst erstmal so runtergemacht, bist du flennst. Die meisten flennen am ersten Tag, und dann sagt man denen: "Hau wieder ab. Wixer, Arschloch, Nichtsnutz." Wenn ein Schwarzer kam, hat der Chef ihn "Nigger" genannt.



Netter erster Job.

Zeitgleich habe ich ein Jahr lang Praktikum bei einem Kindergarten gemacht, weil ich Kindergärtner werden wollte. Das war ungefähr 1998. Leben konnte ich davon auch nicht. Deshalb habe ich nebenher Mixtapes produziert und verkauft. Verkauft wie blöd. Damals bin ich auch mit nem gelben Sack voller Kassetten bis nach Hamburg gefahren, um sie dort zu verticken.

Warum hast du nach "Al Kaporns Welt" nicht weitergemacht als Rapper?

Ich hätte schon höher kommen müssen, um mich von Rappen zu ernähren. Ein Album - hallo, wo ist da die Gewinnspanne? Da ich ein Nummer-Sicher-Typ bin, ist mir das zu wenig. Mein zweites Album hat zwar viel bessere Texte: schneller, sauberer, geübter. Nur leider habe ich es nie veröffentlicht. Vielleicht auch, weil ich Abstand gebraucht habe von dem ganzen Trubel. Es war zwar nur ein kleines Pissalbum, aber fast jeder Spasti kam und wollte was von mir. Hat mich voll genervt. Ich bin ja keine Arbeiterwohlfahrt für Rapper. Und auch nicht für DJs.

Du hast selber mal klein angefangen als Aufleger.

Die meisten Veranstaltungen waren Jams in Jugendzentren. Die ganze Szene war noch viel undergroundiger. Das hatte was Mysteriöses. Keiner kannte so richtig die Lieder. Verrückte Partys. Es hat von den Decken getropft, Rocker waren auch da, Sprayer, Breaker. Ich habe angefangen, viel selber zu organisieren. In Emmendingen und im Crash. Konzerte von den Stieber Twins und Savas. Der war damals noch ein Noname und ist hier für lau aufgetreten. Man fragte mich: "Warum holst du so einen prolligen Penner nach Freiburg?"

Inzwischen bist du Resident DJ im Kagan. Fehlt dir die Anarchie der Anfangszeit?

Im Kagan geht es oft auch ziemlich wild zu. Ich bin Rock n' Roll, wenn ich da aufleg'. Sonst würde ich es auch nicht machen, sondern arbeiten gehen.

Machst du Kompromisse, wenn die Tanzfläche leer ist?

Manche Lieder sind so ein Grenzbereich. Da sage ich: "Okay, sauf dir einen an, spiel die Nummer." Aber dann ist die Grenze erreicht. Man muss eine Mischung finden aus Hits und Unbekanntem. Viel Funk, und Partysound. Denn ich leg' für Frauen auf und nicht für Männer. Im Gay-Club hab ich nichts verloren. Da wär ich fehl am Platz. Wenn die Frauen tanzen, kommen die Männer. Erstmal geht's um die Frauen.



Wie definierst du Erfolg?

Als ich von Emmendingen nach Freiburg kam, habe ich mir gesagt: Ich will hier an die Spitze. Ich will zu denen gehören, die jeder kennt und viel Geld bekommen.

Es geht dir also um Kohle?

Ich habe eine zeitlang gedacht, es wäre wichtig, für seinen BMW zu leben. Für die Chromfelgen. Die hab' ich zu Schrott gefahren, randvoll und mit vielen Leuten hinten drin. Der Airbag ging auf, was weiß ich. Nein, es geht mir in erster Linie um das Privileg, in Ruhe mein Leben genießen zu können. Ich liebe auch das Gegenteil vom Nachtleben. Die Ruhe, mal ans Meer fahren. Tennis, Mountainbike, Rumschrauben an der Vespa. Mein Nachbar hat sich grad nen Chopper geholt, da ist der Arsch 20cm überm Boden und das Ding ist zugelassen für Deutschland! Ich hab' enorm viele Kumpels, mit denen man gut Feiern kann. Im Grillclub bin ich ja auch. Zehn Männer, die gern grillen.

Sind da auch Frauen zugelassen?

Ich glaub' zwei, und die dürfen nur Salat machen. Ich glaub jeder Mann hat sowas irgendwann mal, wenn's aufs Alter zugeht.



Lebensabend mit 28?

Na ja, ich lass' es auf jeden Fall ruhiger angehen. Nicht mehr sieben Tage die Woche Party. Das ist mir zu krass. Ich habe eine wunderschöne Freundin und meine zwei größten Wünsche sind ein Sohn und eine Tochter - aber erst in ein paar Jahren. Wenn meine Frau damit klarkommt, dann könnte ich Familie auch mit Auflegen vereinbaren. Klar gibt es immer noch die Situationen, dass wildfremde Frauen zu mir kommen und ihre Titten oder den Arsch zeigen, sowas passiert halt.



Wie schrecklich. Kannst du dir das erklären?

Keine Ahnung. Ich bin keine Schönheit und mit Assi-Tattoos bestückt. Aber es zieht irgendwie an. Bei dem Album war das dann so krass, dass ich irgendwann keinen Bock mehr hatte. Ab acht Freundinnen gleichzeitig kriegst du nen Larry.

Was sagt deine Freundin zu deiner erotischen Vergangenheit?

Sie hat den ganzen Terz mitgemacht und ist mit mir durch die Hölle gegangen.

Wirst du in Freiburg bleiben?

Ja, ich mag die Stadt und habe mir "F I B" auch tätowieren lassen. Oft bin ich einfach zu faul, Gigs von außerhalb anzunehmen. Außerdem kann ich hier in zehn Bars gehen und kenne jeden Barkeeperchef. Hab ich was am Auto, kenn ich drei KfZ-Mechaniker.

Wie stark haben Connections eine Rolle gespielt bei deinem beruflichen Aufstieg?

Keine besonders große. Man kann es aus eigener Kraft schaffen. Man muss rackern wie eine Sau. Auch, um dich abzuheben von dem ganzen Dreck. Allein der DJ Name reicht da nicht.



Gibt's in Freiburg viel Dreck?

Ja. Leute, die sich an den Decks verhuren und nicht zu ihrem Set stehen. Andererseits haben wir sehr viele hervorragende DJs in Freiburg. Ich würde sogar sagen: Freiburg is ne DJ-Hochburg.



DJ Al Kapone legt ab dem 22. September jeden Freitag im F-Club auf.