Aaah, Herr Dutt, so schmeckt die Meisterschaft!

Clemens Geißler

Hoffentlich hat der Trainer noch ein Shirt zum Wechseln dabei gehabt, gestern nach einem Spiel, das in mancher Hinsicht ein Vorgeschmack auf die erste Liga gewesen sein könnte: Ein brechend volles Stadion, ein ebensolcher und lautstarker Gästeblock, ein tolles Fußballspiel mit sieben sehenswerten Toren (4:3) – und die erste Meisterschale der Zweiten Liga.



Die überwiegend in weinroten Crunchips- oder ganz ohne Trikots angereiste Fanfront aus der Pfalz nimmt das Aufeinandertreffen sonderbar ernst. So kommt es früh zu Schmähgesang-Duellen mit der Nordkurve.


Letztere äußert zunächst Genugtuung darüber, dass es schön sei, Lautern („Zweeeiiiite Liga“) nie mehr zu sehen. Antwort: „Nur ein Jahr, dann seid ihr wieder da!“ In Ermangelung weiterer kreativer Schlachtrufe heißt es dann „Scheiß Kaiserslautern!“. Die Reaktion folgt ebenso prompt wie regional angehaucht: „Ihr seid so lescherlisch!“ Jetzt rüstet man auf Nord zur Rotzfahnen-Choreographie für die Gäste.



Ähnlich kontrovers geht es auch noch weit nach Spielende zu: Die Breisgau-Akteure bedanken sich bei ihren Fans, indem sie ihre getragene Wäsche über den Zaun werfen. Die original-nassgeschwitzte Simon-Pouplin-Trainingsjacke fängt der mächtig stolze 13jährige Fabian.

Eine in rot gekleidete Fan-Mutti freilich will sich damit nicht abfinden und steigt unvermittelt gegen den Jungen in den Ring: Minutenlang beobachten die fassungslosen Umstehenden den Textilkampf. Ein Tauziehen ganz eigener Art. Die Mittvierzigerin, die sich sogar dem Unmut ihres eigenen Sprösslings ausgesetzt sieht, zieht alle Register: „Komm, du kriegsch de Original-Aufstiegs-Schal“. Dann aber versucht sie es mit plötzlichen Richtungswechseln und abrupten Zerrbewegungen.



Schließlich wird es dem – ausgesprochen heldenhaften – Autor dieses Artikels zu bunt: Er ergreift Initiative zugunsten des rechtmäßigen Empfängers. Als Dank erntet er Beleidigungen und Verwünschungen, kann mit Mühe einem ansatzlosen Jab ausweichen und darf sich sein frisch erstandenes Radler im wahrsten Sinne des Wortes in die Haare schmieren.

Doch immerhin gibt die Dame nach: „Weisch was, ihr könnt mich mal, weisch was, haut doch ab!“ Machen wir, aber nicht ohne Siegerbild mit schwarzer Trainingsjacke, Butschers Laufschuh und signierter Meisterschale.



Weiter zum Reggae-Act hinter der Nordtribüne. Dort versucht der Frontmann für Stimmung zu sorgen: „Jetzt gebt nochmal alles, so, wie wenn ihr eure Mannschaft unterstützen wolltet!“

Die Reaktionen darauf reichen von Wachkoma bis Duracell: Einige ratzen einfach regungslos weiter, andere hüpfen ekstatisch in der Gegend rum.



Zwei andere sehen aus, als hätten sie sich mit den Pappmeisterschalen den Rücken gegeißelt.



Die tolle Stimmung des Spiels ist hier auf jeden Fall angekommen.



Über 90 Minuten standen abwechselnd Pfälzer und Badner und schwappten LaOlas durchs Rund. Der absolute Siedepunkt ist erreicht, als Richard „Richie“ Golz Kapitän Heiko Butscher die erste Zweitliga-Schale aller Zeiten überreicht.

Das Torwart-Urgestein sieht zwar aus, als befände er sich in einem aussichtslosen Rechtsstreit mit seinem Friseur, und auch klamottentechnisch changiert er zwischen Jagdverbandsfunktionär und Musiklehrer. Doch das kümmert niemanden angesichts der Tatsache, dass nun zwei Freiburger Vereine auf den beiden deutschen Meisterschalen verewigt sind. Ein Tag zum Geschichteschreiben.



Alle, inklusive der kompletten Presse, stehen auf. Gänsehaut pur an der Dreisam. Allein ein gesetzter Herr auf der Haupttribüne macht aus seinem Missfallen über das Polizeiaufgebot keinen Hehl. Mit dem Teint von Uli Hoeneß nach dem dritten Weißbier und bedrohlich geschwollener Halsschlagader keift er unschuldige Berichterstatter an. „Unmöglich do, mit de Schlagstöcke, do. Berichtet doch mal über sowas!“

Untermalt von zornigen Gesten fallen wilde Äußerungen, die sich anhören wie ein Sud aus "Röhm-Putsch, Knüppelbande und Liktoren, elendige."



Die Mannschaft feiert trotzdem. In unübersichtlicher Abfolge wird Gema-freier 80er Pop in die Menge geschleudert. Einige Akteure zeigen dabei ganz besonders, dass sie Rhythmus im Blut haben. Eke Uzoma etwa sprintet seinen Kollegen mit der Schale davon in seine eigene Ehrenrunde.

Und was mag Mo Idrissou über die Stimmung im Stadion denken? In seiner Heimat wäre bei einem ähnlichen Ereignis vermutlich der Rasen gestürmt worden.



Der Freiburger Ausnahmezustand verläuft da doch recht geordnet: Über den Rasen tuckern Traktoren mit Duravit-Badewannen, in denen sich haufenweise kleine Bälle befinden. Diese werden zum Dank in die händereckenden Ränge geschossen.

Leer ist nur der Gästeblock, denn dieser musste auf den Sonderzug um 16.27 Uhr. Voll dagegen die erhöhte VIP-Veranda am Geschäftsgebäude des Dreisamstadions.



Besonders Frau Banovic gefällt sich dort in der Rolle der badischen Paris Hilton. Immer wieder winkt die Glamourqueen gönnerhaft in die eher desinteressierte Fanmenge, die höchstens ihrem Gatten die Pappschale zum Signieren hinhält.

Und man muss kurz schmunzeln, als man sich daran erinnert, wie Bano einmal im fudder-Interview erklärt hat, seine Frau habe seine Lesegewohnheiten beeinflusst, indem sie ihm Schmöker wie "Die Macht des Unterbewusstseins" von Joseph Murphy auf den Nachttisch gelegt hat.



Der Breisgau-Express dagegen donnert mit Volldampf in Liga eins (leider ohne Daniel Schwaab, der mit standing ovations verabschiedet wurde). Bestimmt gibt es ab August trotzdem mal wieder so ein Fest wie gestern. Wir freuen uns darauf.