9 Momente, an die wir uns aus dem Jahr 2015 immer erinnern werden

fudder-Redaktion

In Paris attackieren Terroristen die Werte des Westens, Millionen Syrer fliehen vor eben diesen Terroristen nach Europa - und nebenbei wird ein Südbadener zum Facebook-Phänomen. Können diese Geschichten nebeneinander stehen? Vielleicht ja. Denn sie zeigen, wie dieses Jahr 2015 war: turbulent, traurig, trivial. 9 Fudder-Autoren blicken zurück:

Bernhard Amelung: So erlebte ein fudder-Mitarbeiter die Nacht im Pariser Stadion



"I am fine", schreibt Benedikt Nabben am Samstag, 14. November, kurz nach Mitternacht auf seiner Facebookseite. Es gehe ihm gut. An anderen Tagen überliest man so eine Statusmeldung, gibt beiläufig ein "Like". Wenn überhaupt. Doch in dieser Nacht verdichten sich in diesem schlichten Satz Ohnmacht und Erleichterung. Ohnmacht gegenüber den Anschlägen in Paris. Erleichterung, dass man vor Schlimmerem bewahrt blieb. Benedikt Nabben, Communications-Student an der Universität SciencesPo in Paris, war am 13. November im Stade de France in Paris. Auch er hätte ein Opfer der Anschlagsserie sein können.


Vor zweieinhalb Jahren war der 25-Jährige Praktikant bei fudder.de. In dieser Zeit hat er auch meine standesamtliche Hochzeit fotografiert. Das vertieft ein freundschaftliches Kollegenverhältnis. Ich rufe ihn an, spreche mit ihm über das Ereignis. Ich bin erstaunt, wie ruhig und gelassen er wirkt. Das Protokoll des Gesprächs gebe ich an meine Kollegen weiter, die in dieser Nacht im Newsroom der Badischen Zeitung Dienst haben. Bis 3:30 Uhr erfassen wir alle bei uns eintreffenden Informationen. Dann gehe ich schlafen. Um 6:30 Uhr wache ich auf. Ich hoffe, wünsche, dass das alles nur ein großer Mindfuck war. Ein böser Streich, der mir mein Gehirn gespielt hat. Die Push-Nachrichten mehrerer Nachrichtendienste belehren mich eines Anderen.
Konstantin Görlich: Ein Flüchtling und sein Smartphone



"Flüchtlinge" ist das Wort des Jahres 2015 - und war eines der bestimmenden Themen. Geflüchtete Menschen wurden als Welle, Schwemme, Krise oder sogar Lawine diffamiert - als bedrohliche, anonyme Masse. Dabei hat jeder und jede Einzelne von ihnen eine Geschichte im Gepäck, die ein eigenes Portrait wert wäre.

Aber es gibt einige wenige Menschen, die das nicht sehen wollen, die Angstmachern hinterherlaufen, als wären sie eine relevante Mehrheit oder hätten gar irgendwie Recht. Bis zu 10.000 Pegida-Follower in Dresden auf der Straße? Ficht Freiburg nicht an: Leon Dobbratz erstellt ein Facebook-Event, es kommen 20.000. Die wahrscheinlich größte Demo in der Geschichte der Stadt. Irre.

Aber der Hass bleibt präsent, taucht immer wieder auf, an Stammtischen und ihren Online-Verlängerungen. Scheinargumente. Eines davon ging ungefähr so: “Die haben ja alle Smartphones, dann kann es denen ja so schlecht gar nicht gehen!” Also fragte ich einen Geflüchteten, Mannan Jawish, warum sein Smartphone so wichtig für ihn ist. Er erzählt mir von den Apps, die er auf der Flucht benutzt hat, wie der Internetzugang im zerstörten Aleppo ist, wo seine Familie lebt, und was er auf der Flucht erlebt hat. Und wie überlebt.

Das Gespräch mit ihm, auf der Terasse des Eichhofs in Obersimonswald ist mein fudder-Moment des Jahres 2015: Gegen Ende will ich von ihm wissen, ob er sich die Fotos - den Schatz in seinem Smartphone - jemals anschaut. "Manchmal. Auf den Bildern versuche ich zu lächeln, aber jetzt erinnere ich mich daran, wie hart jeder einzelne Schritt war. Manchmal wünschte ich, vergessen zu können." Stille. Dann haben wir die Idee zu diesem Video.



Nicht ganz zwei Minuten dauert die Aufnahme, um uns herum absolute Schwarzwaldstille. Am Ende habe ich eine Träne im Augenwinkel.
Marius Buhl: James Bond, Freiburger




Eines morgens, es ist das Jahr 1937, wird ein Freiburger Jura-Student von der Gestapo festgenommen und ins Gefängnis gesteckt, weil er in einem Club leidenschaftlich gegen Nazis diskutiert hatte. Der Student sitzt nur kurz ein. Sein Vater, persönlich bekannt mit Hermann Göring, kauft den Jungen frei.

Das ist eine vollkommen abstruse Geschichte, aber sie ist lediglich Teil einer noch viel abstruseren Geschichte: Der Jura-Student im Knast war James Bond. Gut, nicht Sean Connery oder Roger Moore, aber Dusan Popov, der als reales Vorbild für den Film-Helden Ian Flemings gilt.

Entdeckt habe ich diese Geschichte im Spiegel. Dort stand über das Bond-Vorbild Popov lapidar: "Er studierte in Freiburg." Unser Freiburg?

Am nächsten Tag recherchierte ich im Uni-Archiv und fand seine alte Studenten-Akte, er war kein besonders guter Student. Im Stadt-Archiv gab es Hinweise auf Wohnorte und den Ausländer-Club, in dem Bond diskutiert haben soll. Und schließlich stieß ich auf die Biografie Popovs, in der diese ganzen abstrusen Geschichten erzählt werden: die vom Freiburger Café Birlinger, die von Freddy Graf von Kageneck und die von Johann Jebsen, dem Verkehrssünder und besten Freund Popovs.

Was genau an diesen Geschichte wahr ist, lässt sich heute schwer rekonstruieren. Ob Popov tatsächlich von der Gestapo abgeholt wurde - unklar. Was an den Mädchengeschichten dran ist - fraglich.

Was aber klar ist: Aus Student Popov wurde später "Spion Tricycle". Der beeinflusste den zweiten Weltkrieg maßgeblich, ermöglichte zum Beispiel die Landung der Alliierten in der Normandie. Und irgendwann traf "Spion Tricycle" in Lissabon Ian Fleming in einem Casino. Der Film, der daraus entstand, heißt Casino Royale.


Daniel Laufer: Der Junge namens Hans



Christopher Hans wartete dort, wo man sich in Freiburg verabredet: am Bertoldsbrunnen, vor der Löwen-Apotheke. Ich traf einen höflichen jungen Mann, der mir einen Kaffee ausgab und ich ihm eine Zigarette. So saßen wir an diesem Freitagmittag im Juni auf der kleinen Bank vor dem Innenstadtcafé und er machte einen Witz darüber, wie erstaunlich es doch sei, dass wir beide Platz darauf hätten. Ja, Hans war ein bisschen größer als der Rest, ein bisschen schwerer, auffälliger.

Rund 6.000 Likes hatte seine Facebook-Seite Hans Entertainment am Abend zuvor gehabt, als ein alter Freund mir den Link zu ihr schickte. „Hey, mach mal was über den“, schrieb er. „Ich will wissen, wer das ist!“ Also schaute ich die Videos und wunderte mich: Dieser 21-jährige Kenzinger hatte sich selbst gefilmt, wie er in die Kamera seines Smartphones brüllte, irgendetwas über gekühlte Kaffees sagte. Er war auf dem Weg, damit bekannt zu werden: Jugendliche kommentierten darunter, luden ihre eigenen Fotos hoch – von einem „Fan-Treffen“ auf der Messe, Bilder, auf denen sie Arm in Arm mit Hans posierten. Was war da los?

Diese Frage wollten wir als erste beantworten – und dazu traf ich mich mit Hans am Tag darauf zum Interview. Die Folge waren unzählige wütende Leser-Kommentare auf Facebook, in Richtung: „Wen interessiert das?!“ Antwort: eine ganze Menge Leute! Zum Jahresende hat Hans nun rund 440.000 Facebook-Likes und kein anderer fudder-Beitrag wurde 2015 so oft aufgerufen wie das Interview mit ihm.


Laura Maria Drzymalla: Meine Übernachtung im Heu­Hostel auf dem Kandel



Ich hatte noch Muskelkater vom Kandel­-Aufstieg in den Beinen, als ich den Artikel über meine Übernachtung geschrieben habe. Auf 1133 Höhenmeter bin im Sommer gewandert, um eine Nacht
in den Heu­-Kojen der Gummenhütte von Andy und Andrea zu verbringen. Was ich mir als kratzig
und irgendwie auch ungemütlich vorgestellt habe, war dann tatsächlich eines der entspanntesten
Erlebnisse diesen Sommers.

Es war wie im Bilderbuch, fast unerträglich idyllisch: liebevoll angerichtetes Essen, Kühe muhten
von der Weide und die Wiesen leuchteten löwenzahngelb. Das Lagerfeuer brannte abends unter
dem Sternenhimmel, um mich herum turnte ein naturburschiger Junggesellenabschied. Der
Trauzeuge fiel hackenstramm vom Baum und brach sich leider den Fuß. Das junge Besitzer­-Paar
erzählte während zwei Humpen Most am Lagerfeuer von ihrer Gummenhütte, ihrer
Liebesgeschichte und vom finanziellen Aufwand, das alles auf dem Berg aufzubauen.

Als ich zwei Tage später meinen Artikel einschicken wollte, bekam ich die Nachricht von Andy
und Andrea per Mail: das Landratsamt hat wegen einer fehlenden Konzession für Übernachtungen
das Heu­-Hostel am Folgetag meines Besuches dicht gemacht – nur noch die Bewirtung aus dem
Fenster darf bleiben.


Joshua Kocher: Als King Kool Savas sich bei mir bedankte



Ein Konzertbesuch bei King Kool Savas ist für mich immer etwas Besonderes. Eine Crowd, die über
die komplette Show hinweg alles gibt und ein Act, der sich technisch und lyrisch auf einem so hohen
Level bewegt, dass man sich fast ideenlos vorkommt, wenn man nach dem Konzert einen Bericht
verfassen soll.

Dennoch setzte ich mich spätabends bei einem kühlen Bier an meinen Schreibtisch. In meinem Kopf
noch Savas‘ Wortspielereien. „Herr Kool S., nicht der Sohn von Zeus“ oder „du Verräter hast mehr
Väter als griechischer Salat“.  Ich versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich lieferte den Text ab.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war der Artikel online gegangen. Ich postete den Link bei Twitter - und traute dann meinen Augen kaum. Der King persönlich sendete mir ein "Dankeschön" zu und retweetete den Artikel noch zur Krönung. #Bestdayever. Danke eure Majestät!


Marius Notter: Die Geschichte des kurzlebigsten Clubs der Stadt



Als ich Ende September durch meine Facebook-Timeline scrollte, stolperte ich über eine Einladung: „XY hat dich eingeladen diese Seite mit 'Gefällt mir' zu markieren“. Normalerweise klickt man auf solche Einladungen aus Routine auf „Ablehnen“, doch dieses Mal lies mich der Name der Seite kurz innehalten: „Techno-Bunker Freiburg“ – ein neuer Klub in Freiburg? Ich gab der Seite mein 'Gefällt mir', und schrieb auch gleich noch ein, zwei Nachrichten an Bekannte, die diese Seite ebenfalls geliked hatten. Ich fand heraus, dass es sich um den alten Holzfäller-Kegelkeller im Mooswald handelt, den ein Freiburger DJ und Veranstalter umbauen und in einen Techno-Klub verwandeln will.

Zwei Stunden später hatte ich den Betreiber des zukünftigen „Techno-Bunkers“ am Telefon. Er sprach von straightem Techno, einer Kooperation mit dem Shisha-Kaffee das ebenfalls im Keller des Kegelheims ist, der ersten Party im November und eine Genehmigung, die zusammen mit dem Shisha-Café gelten sollte.

Der Artikel ging online. Am nächsten Morgen erreiche die Redaktion eine Mail der SPD-Stadtrats-Fraktion, in der erklärt wurde, dass dieser Club keine Genehmigung hat. Auf dem Bebauungsplan stand sogar ausdrücklich, dass hier keine Spaßveranstaltungen veranstaltet werden dürfen.

Ein paar Anrufe später war klar: Es wird keinen Club im Mooswald geben. 24 Stunden nachdem der Techno-Bunker als neuer Club gefeiert wurde, war seine Geschichte auch schon wieder vorbei. Es lag nicht einmal ein Antrag für die Clubgenehmigung bei der Stadt Freiburg vor.


Gina Kutkat: Die Sternschnuppennacht



„Deine Freunde XY und YX nehmen an der Veranstaltung ‚Sternschnuppennacht 2015‘ teil.“ Immer wieder las ich diesen Reminder von Facebook im Sommer und ignorierte ihn erfolgreich, bis besagter Tag bzw die Nacht dann da war. Weiter ignorieren ging nicht, also musste eine Themenidee her. Nach kurzer Absprache im fudder-Team fragte ich morgens um 9 beim Planetarium Freiburg an, ob ich spontan noch einen Interviewtermin mit dem Leiter Otto Wöhrle bekommen konnte. 30 Minuten später hatte ich ihn am Telefon und stellte die üblichen Fragen.

Um 10 Uhr hatte ich das Interview abgetippt, ein Foto rausgesucht (und dabei festgestellt, dass ich Herrn Wöhrle schon einmal 2009 interviewt hatte) den Artikel verschlagwortet und gegen 10.30 Uhr morgens veröffentlicht. Er war nicht pulitzerpreisverdächtig, sondern einfach kurz und informativ. Kollege Daniel postete das Interview dann bei Facebook und im Minutentakt konnte man beobachten, wie sich der Text im Netz verbreitete.

Am nächsten Morgen hatten über 70 000 Leute den Artikel gelesen, bis heute wurde er auf Facebook 1172 Mal empfohlen. Es gibt Geschichten, für die man tagelang recherchiert – und eben solche „Schnellschüsse“. Eine Sternschnuppe habe ich in der Nacht übrigens nicht gesehen. Ich habe die Sternschnuppennacht 2015 verschlafen.

 

Savera Kang: Youtube wird 10



Die Email liest sich ungläubig-amüsiert, man klickt das Video an und sieht, wie Menschen-Pudel und Pudel-Menschen gemeinsam für den Traumkörper schwitzen. Der Titel des Videos daneben klingt auch interessant, eine Katze fährt Staubsauger, muss man gesehen haben. So geht es strudelartig in die Tiefen Youtubes, nach zwanzig Minuten oder drei Stunden schlägt man auf dem Grund auf. Wieder bei Bewusstsein lautet die drängende Frage: „Warum?“.

Heute durch den Empfehlungsalgorythmus etwas seltener als noch vor zehn Jahren, aber zwei
Stunden Fön-Sound sind – obwohl es zum ASMR-Phänomen auch schon eine Erklärung auf Wikipedia gibt – noch immer ein kleines „Wtf?!“ wert. In diesem Jahr kam für mich die Antwort: Um eines Tages eine kleine Zusammenfassung für fudder zu schreiben. Das gesammelte, bislang unnütze, „Wissen“
loswerden – eine Befreiung. Na gut, ein paarVideos hätte ich noch.



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[Fotos: fudder-Archiv]