Das kotzt mich an

9 Dinge, die jede Altenpflegerin in Freiburg in den Wahnsinn treiben

fudder-Redaktion

Egal, ob es sich um schlechte Bezahlung, Unterbesetzung oder Zeitdruck handelt: Als Altenpflegerin oder Altenpfleger gibt es eine Vielzahl an Dingen, die einem den letzten Nerv rauben. Was sie richtig ankotzt?



1. Schlechte Bezahlung, mangelnde Lebensqualität, (Alters-)Armut

Wenn eine Pflegekraft auf einer 80-Prozent-Stelle, das sind 132 Stunden im Monat (ohne Überstunden) unter 2000 Euro verdient, kann sie sich in Freiburg für sich und die Familie nur schwer eine bezahlbare Wohnung leisten – ganz zu schweigen von Freizeitaktivitäten. In der Industrie und im Handel werden Wochenendarbeit und Überstunden viel besser vergütet als in der Pflege. Und im (verfrühten) Rentenalter wartet auf uns Pflegekräfte die Altersarmut.

2. Unterbesetzung

Oft ist eine einzige Person in der Nachtwache für 50 Personen gleichzeitig verantwortlich. Was passiert bei einem akuten Notfall mit den sonstigen Patienten, die sich einnässen, erbrechen, aus dem Bett flüchten und sich einen Knochen brechen oder einfach nur Hilfe brauchen, wenn sie auf die Toilette müssen? Dann ist keine rechtzeitige Versorgung möglich.

3. Überlastung

Mir wurde schon zum zweiten Mal wegen meiner Rückenprobleme ärztlich Berufsunfähigkeit attestiert – und trotzdem muss ich weiterarbeiten, weil ich als arbeitsfähig gelte (sechs Stunden pro Tag) und es sonst finanziell einfach nicht reicht. Wir machen uns kaputt. Diesen Beruf kannst Du nicht bis zur regulären Altersrente durchhalten.

4. Unsinnige Sicherheitsvorschriften

Das Pflegepersonal darf aus Sicherheitsgründen keine Aufzüge benutzen. Begründung: Er könnte steckenbleiben – und dann ist niemand bei den Patienten. In unserer Einrichtung sind viele Pflegekräfte über 50 Jahre. Einmal ist eine von ihnen auf der Treppe gestürzt und war nicht mehr einsatzfähig. Was soll man da tun?

5. Kurzfristige Einsatzplanung und ständige Verfügbarkeit

Die Einteilung der Schichten erfolgt meist sehr kurzfristig. Der Plan wird ohne Absprachen gemacht. Es gibt im Pflegeberuf kein ungeschriebenes Gesetz, dass du einen Anspruch darauf hast, zumindest jedes zweite Wochenende frei zu haben. Öfters habe ich in einem Monat gar kein Wochenende frei. Das Privatleben leidet. Du kannst einfach nicht (längerfristig) planen. Du musst ständig telefonisch erreichbar sein und als Ersatz einspringen können.

6. Nicht-adäquate Unterbringung

Es sind nicht genug Heim-Plätze für Patienten verfügbar, die zwar behindert, aber nicht alt sind. Ich habe einen jungen Mann erlebt, der vom Hals ab gelähmt war und in einem Altenpflegeheim untergebracht wurde. Das ist nicht behindertengerecht.

7. Zeitdruck und mangelnde Einarbeitung neuer Pflegekräfte

Das eine Problem ist, dass erfahrene Pflegekräfte, die wissen, was gemacht werden muss und wie, angesichts des Personalmangels nicht genug Zeit haben, gründlich zu arbeiten, zum Beispiel beim Waschen eines Patienten im Intimbereich. Zweitens gibt es das Problem schlecht eingearbeiteter neuer Pflegekräfte und solcher mit eingeschränkter Qualifikation. Im besten Fall sind vier Pflegekräfte für 40 Patienten zuständig. Doch das kommt selten vor. Realistischer sind zwei Pflegekräfte. Wenn von diesen nur die Hälfte examiniert ist, muss diese auf allen Stationen alles machen. Die nicht-examinierten dürfen das nicht.

8. Streiks praktisch nicht möglich

Trotz ver.di und Co. haben Pflegekräfte in der Öffentlichkeit praktisch keine Lobby. Und wer keine Lobby hat, kann nicht streiken. Wir müssen ständig einsatzbereit sein. Sollen wir, drastisch gesagt, unsere Bewohner in der Scheiße liegen lassen, um streiken zu gehen? Vielmehr müssten alle streiken, die nicht in der Pflege arbeiten! Denn das Problem betrifft uns alle.

9. Darstellung der Altenpflege in den Medien

In TV-Dokumentationen mit versteckter Kamera oder Undercover-Berichten wie jene von Günter Wallraff wird oft gezeigt, wie Pflegekräfte Patienten beleidigen oder sogar misshandeln. Dass ein Patient, wie in einem dieser Filme, "du Drecksau" genannt wird – das ist nicht die Realität. Das tut mir in der Seele weh. Wobei zu sagen ist, dass man definitiv an seine Grenzen kommt. Und man sagt bestimmt Dinge, die man nicht sagen soll. Es liegt einfach am Personalmangel. In der Öffentlichkeit scheint die Ansicht vorzuherrschen, wir Pflegekräfte würden die ganze Belastung und Ausbeutung in Kauf nehmen, weil wir so "aufopferungsvoll" (Angela Merkel) und sozial seien. Das kotzt mich an. Mich kotz meine Arbeit an – doch zugleich liebe ich sie. Deshalb will ich in die Öffentlichkeit gehen und abkotzen, eben weil ich diesen Beruf so liebe.

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