Das kotzt mich an

9 Dinge, die einen freien Journalisten stressen

fudder-Redaktion

Es ist ein spannender Nebenjob: Freie Mitarbeiter bei Print- und Onlinemedien lernen schillernde Persönlichkeiten kennen und bekommen Einblicke hinter die Kulissen. Nebenwirkungen gibt’s trotzdem: fudder hat neun gesammelt.



1. Arbeiten, wenn andere entspannen

Abends und an Wochenenden, wenn die Redaktionen schließen und die Redakteure Feierabend haben, werden Termine mit freien Mitarbeitern besetzt. Oft heißt das auch Zeitdruck: Viele Feste finden zum Beispiel sonntagmittags statt. Wenn man um 16 Uhr noch vor Ort Leute interviewt, der Text aber bis 18 Uhr fertig sein soll, kann das ganz schön stressig werden. Und jedes Mal, wenn ihr auf fudder morgens lesen könnt, was beim ZMF-Konzert am Vorabend ging, hat ein fleißiger junger Autor bis in die Puppen in die Tasten gehauen…

2. Leute, die uns nicht ernst nehmen

Die meisten freien Mitarbeiter bei fudder und der Badischen Zeitung sind Studierende zwischen 18 und 26 Jahren und sehen dementsprechend jung aus. Trotzdem rechtfertigt das nicht die Sprüche, die sich manch’ einer nach 40 Minuten Interview anhören muss: Ein Satz wie "Und du, machst du gerade dein Schülerpraktikum bei der Zeitung?", strotzt nicht gerade vor Respekt und Taktgefühl. Jugend bedeutet nicht gleich Unfähigkeit, liebe Leute.

3. Ständig verfügbar sein müssen

Ständige Erreichbarkeit gilt als einer der größten Belastungsfaktoren im Alltag vieler Deutschen – so auch für freie Journalisten. Denn zu allen Tageszeiten erreichen einen Mails von Interviewpartnern oder dringende Anfragen der Redaktion: "Kannst du heute Abend spontan eine Reportage machen?", hört man oft. Und dann plagt einen das schlechte Gewissen: Entweder, weil man Freunden kurzfristig absagt, um arbeiten zu können – oder weil man die Redaktion enttäuscht. Immerhin sind Präsenz und spontane Verfügbarkeit das A und O, um sich als freier Mitarbeiter zu profilieren.

4. Leute, die einen für die Arbeit von Kollegen kritisieren

"Am Montag stand in der Zeitung aber…", "Ihr Kollege hat das Projekt ganz schön auseinandergenommen, so war das nicht gedacht" und "wir hatten Ihrem Kollegen ja schon gesagt, dass…", sind Sätze, die man als freier Journalist immer wieder hört. Für den Stil oder die Auffassungen von Kollegen kritisiert zu werden, ist unangenehm, denn zum einen sitzt man nicht in der Redaktion und kennt die Autoren oder deren Meinungen oft gar nicht. Und ein schöner Gesprächseinstieg ist ein Angriff auf das Medium, das man vertritt, auch nicht. Außerdem: Erwarten die Leute eine Entschuldigung oder was wollen sie damit erreichen?

5. Redakteure, die neue Fehler in Texte einbauen

"Der Flohmarkt, der am Samstagvormittag stattfand, wurde gut besuchter Flohmarkt". Hä, wo ist hier die Grammatik geblieben? Leider passiert es immer wieder, dass beim Korrekturlesen und Redigieren Fehler entstehen, die es im Originaltext nicht gab. Schnell werden ein paar Sätze umgestellt und schwupps, hat der Korrekturlesende trotz größter Sorgfalt übersehen, umliegende Ausdrücke anzupassen. Kann passieren, ist aber extrem ärgerlich, da der Fehler dem Autor zugeschrieben wird und eine Arbeitsprobe verloren geht.

6. Nicht nach Arbeitsaufwand bezahlt werden

Eine lodernde Leidenschaft fürs Schreiben sollte man in diesem Job mitbringen, denn reich wird man nicht gerade. Meistens werden Texte nach Zeilen bezahlt – wohlgemerkt nach denen der gekürzten Druckfassung, nicht des Originals. Die Arbeitszeit zählt dabei nicht. Und diese, siehe den Punkt ständige Verfügbarkeit, ist viel höher als die reine Schreibzeit. Recherchen ziehen sich oft über Wochen hin. Hinter jedem Interviewtermin stecken im Schnitt fünf Mails, zwei verpasste und ein erfolgreicher Anruf, allesamt in der Freizeit getätigt. Bedenkt man noch Fahrtstrecken und Besuchszeit auf Veranstaltungen, kommt man bei manchen Aufträgen gerade auf den Mindestlohn.

7. Leute, die sich aufspielen

Wenn die Presse kommt, ist das für viele Projektleiter eine einmalige Gelegenheit, sich darzustellen und die eigene Existenz in die Öffentlichkeit hinauszuposaunen. Als Journalist erlebt man viele inspirierende Gespräche, leider aber auch Selbstdarstellung und Geltungsdrang. Besonders nervtötend: Leute, die nicht gefragt wurden, sich aber dennoch aufspielen und das Gespräch an sich reißen. Zu allem Überfluss wollen sie dann noch bestimmen und kontrollieren, was der Autor berichten wird. Wie war das mit der Pressefreiheit?

8. Texte kürzen müssen

Den Juristen ist es ein Graus, den Journalisten auch: Texte kürzen. Im Print bestimmt das Seitenlayout die maximale Artikellänge. Manchmal hat ein toller Text nur einen Fehler: Er ist doppelt so lang wie erlaubt. Und was bitte schön soll man kürzen, wenn alles wichtig ist? Ein typischer Zeitungsartikel ist auf dem Papier nur gut eine halbe Seite lang – alle relevanten Infos auf so wenig Platz zusammenzufassen, ist oft herausfordernder als schwierige Interviewpartner.

9. Leute, die grundlos anonym bleiben wollen

Natürlich ist niemand verpflichtet, seinen Namen zu veröffentlichen. Dass die Presse ihre Quellen schützt, wenn sich diese sonst in Gefahr bringen, ist selbstverständlich. Wenn sich allerdings Konzertzuhörer oder Flohmarktbesucher mehrere Minuten lang interviewen lassen und anschließend verkünden, dass sie anonym bleiben wollen, war alle Mühe umsonst. Eine Reportage nährt sich von Zitaten, von Menschen, von Namen. Anonymität muss im Text ausdrücklich gekennzeichnet werden, ihr Grund nachvollziehbar sein. Eine gesichtslose Meinung zu einem belanglosen Thema will keiner lesen, deshalb gilt: ganz oder gar nicht. Bitte also sofort sagen, wenn man seinen Namen nicht preisgeben will – das ist völlig okay und spart allen Beteiligten Zeit und Nerven.



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