7 Chemiemythen, die endlich aufgeklärt werden müssen

Michelle Hechenbichler

Chemie hat leider keinen guten Ruf in unserer Gesellschaft. Dabei hätten wir ohne Chemie keine Klamotten, Fahrräder und keinen Strom. fudder-Autorin Michelle Hechenbichler studiert in Freiburg Chemie und klärt die sieben häufigsten Mythen auf.

1) PET-Flaschen enthalten Weichmacher.

Selbst die Marke Black Forest lässt auf ihre Flaschen schreiben, sie wären ohne Weichmacher. Dabei ist das doch völlig klar, dass PET-Flaschen keine Weichmacher benötigen. Weichmacher werden nämlich nur für üblicherweise spröde Kunststoffe verwendet, zum Beispiel für Weich-PVC. Dazu gehört Polyethylenterephthalat (PET) definitiv nicht. Es lässt sich schmelzen und auch sonst gut verarbeiten.

Der Mythos kommt womöglich direkt aus dem Wortstamm: PolyethylenterePHTHALAT wirkt für Nichtchemiker-Augen so, als wären da tatsächlich die Phthalate, die als Weichmacher genutzt werden, drin. PET ist aber bloß der Kunststoff, dessen Einheiten aus entsprechenden Phthalaten bestehen. Da sie alle zusammenhängen, ist es ein Riesenmolekül mit komplett anderen Eigenschaften als die ursprüngliche Einheit. Und kann daher auch problemlos mit unserem Trinkwasser in Kontakt kommen

2) Die Pille schadet der Umwelt

In umweltbewussten Kreisen sprechen Frauen darüber, dass sie nicht die Pille nehmen wollen. Die Östrogene würden in den Wasserkreislauf gelangen und dort intersexuelle Fische erzeugen, sowie überhaupt den Wasserlebewesen schaden. Klingt eigentlich ganz logisch. Die Pille verändert ja auch den menschlichen Hormonhaushalt, warum nicht auch den tierischen?

Um dem auf den Grund zu gehen, untersuchte die Gruppe um Woodruff (Environ. Sci. Technol. 2011, 45, 51–60) verschiedene Studien mit der Frage: Woher kommen die Östrogene im Wasser? Dabei wurde klar, dass die Pille einen vergleichsweise geringen Beitrag zu den Östrogenen leistet, die man im Wasser findet. Zudem ist noch nicht ganz klar, wie sich verschiedene Östrogene überhaupt auf Wasserlebewesen auswirken. Auf die Pille zu verzichten, wird jedenfalls keine großen Auswirkungen haben. Zumindest, was die Umwelt anbelangt.

3) Grüne Tomaten sind krebserregend

Krebserregend! Der schlimmste Begriff mit dem man giftige Sachen betiteln kann, knapp vor "tödlich". Hiermit soll diesem Mythos sein cancerogenes Ende bereitet werden: Nachtschattengewächse, wie Tomate und Kartoffel, enthalten sogenannte Glycoalkaloide, wovon manche toxisch sind. Bei der Tomate ist das α-Tomatin, bei der Kartoffel Solanin. Zwar kann die übermäßige Aufnahme von α-Tomatin und Solanin zu Vergiftungserscheinungen führen, dazu müsste ein Mensch allerdings ein halbes Kilo grüner Tomatenblätter essen, die eine viel höhere Konzentration an α-Tomatin haben als Tomaten selbst. Alternativ verzehrt man 2,8 Kilo rohe, ungeschälte Kartoffeln. Erbgutverändernd wirkt das Molekül aber immer noch nicht, denn giftig bedeutet nicht gleich, dass es die DNA verändern wird. Somit kann der Krebs also warten.

4) Und was ist mit künstlichem Vanillezucker?

Künstlicher Vanillezucker ist billiger als echter Vanillezucker. Gleichen wir diesen Preis mit dem verfrühten Ende unseres Lebens aus? Bei der Aufklärung dieser Frage stößt man auf viele, auch wissenschaftliche Quellen, die synthetisiertes Vanillin als "krebserzeugend, mutagen,..." bezeichnen. Erst letztes Jahr ging Professor Klaus Roth in seinem Artikel "Ist Pudding mit Vanillegeschmack mutagen? – Ein Gerücht geht um" [Chem. Unserer Zeit, 2016, 50] dem Ganzen auf den Grund.

Denn wieso sollte synthetisches Vanillin bedenklich sein, das Vanillin in der Vanilleschote aber nicht? In den vergangenen 35 Jahren wurde Vanillin mehr als gründlich überprüft und keinerlei Bedenken festgestellt. Eine einzige unrealistische Studie von 1986 meinte aber bewiesen zu haben, dass Vanillin mutagen wirke. Diese Studie wurde dann, gleich einem "Stille Post"-Spiel, von verschiedenen mehr oder weniger seriösen Gruppen übernommen. Damit wäre auch dieser hartnäckige Mythos geklärt.

5) Plastiktüten sind schlecht für die Umwelt

Lieber zur Papiertüte greifen als zur bösen Plastiktüte. Der Umwelt zuliebe. Leider wird dabei völlig vergessen, dass Papiertüten sowohl mehr Wasser als auch mehr Rohstoffe für ihre Produktion benötigen und zudem mehr CO2 entsteht. Der einzige Vorteil einer Papiertüte gegenüber einer Plastiktüte ist, dass sie schneller verrottet. Da die meisten Menschen in Deutschland aber sowieso ihre Kunststoffe im gelben Sack entsorgen, ist das hier kein Problem. Trotzdem sollte man beim Einkauf lieber versuchen, seinen Stoffbeutel mitzunehmen, anstatt der Einweglösung zu erliegen. Der Umwelt zuliebe.

6) Aluminiumdeckel soll man nicht ablecken

Dieser Rat kommt nicht von irgendwo her. Wer erinnert sich nicht daran, wie aluminiumhaltige Deos als Alzheimer-Ursache abgestempelt wurden? Tatsächlich wird sehr viel hin und her diskutiert, was den Zusammenhang zwischen Alzheimer und Aluminium angeht und vollkommen klar ist es immer noch nicht. Vollkommen von der Hand zu weisen aber auch nicht. Dabei geht es übrigens nicht um das metallische Aluminium, sondern um dessen Salze. Diese entstehen leicht bei Kontakt des Metalls mit Säuren. Deshalb wäre der Kontakt zwischen Aluminiumdeckel und Joghurt, der ja auch sauer ist, durchaus als kritisch anzusehen. Glücklicherweise ist auf dem Aluminiumdeckel aber noch eine Kunststofffolie aufgedruckt, die als Barriere dient. Und nein, der Kunststoff enthält keine Weichmacher!

7) Kunststoffe aus Biomaterialien sind besser

Wieso nutzen wir nicht die Produkte der Natur statt Kunststoffe aus Erdöl? Professor Mülhaupt, Kunststoff Experte an der Uni Freiburg, hat in seinem Review [Macromol. Chem. Phys. 2013, 214, 159−174] die Vor- und Nachteile biobasierter Materialien untersucht. Nehmen wir die Stärketüte. Woher kriegt man Stärke? Vor allem aus Kartoffeln oder Mais, die reiche Länder also zu Tüten verarbeiten, während ärmere Länder noch mit Hunger zu kämpfen haben.

Und mehr anbauen? Das würde nicht nur die Biodiversität zerstören, sondern auch zu intensiviertem Anbau mit erhöhten Emissionen führen. Immerhin ist es bioabbaubar! Nicht ohne Wasser und Sauerstoff. Im Trocknen zerfällt es zu Nanopartikeln, auf denen wunderbar Bakterien und Sporen sprießen können. Dieser Feinstaub wird wiederum von uns Menschen inhaliert. Es gibt noch viel mehr Beispiele, die zeigen, dass biobasierte Materialien mit unseren jetzigen Kunststoffen nicht ganz mithalten können. Deshalb wird immer weiter geforscht. Damit wir auch mal ohne Erdöl auskommen.
fudder-Autorin Michelle Hechenbichler macht zur Zeit ihren Master in Chemie an der Uni Freiburg.