64 Köstlichkeiten - das WM-Tagebuch (9 und Schluss)

Rudi Raschke

"Wir müssen das in Ruhe analysieren", sagen nur Politiker, die hoch und für keinen überraschend eine Wahl verloren haben. Wenn alles vorbei ist, helfen eigentlich nur noch Charts. Hier sind die Listen zur WM:



Die fünf objektiv schönsten Momente dieser WM:

  • Philipp Lahms 1:0-Tor gegen Costa Rica.

  • Zinedine Zidanes Zauber-Heber über Ronaldinho.

  • Das 26-Stationen-Tor von Argentinien gegen Serbien.

  • Wie spannend manchmal ein 0:0 sein kann (Schweden gegen Trinidad in der Vorrunde).

  • Die komplette erste Halbzeit der Deutschen gegen die Schweden.

Die fünf subjektiv schönsten Momente:

  • Dass auch Zinedine Zidane ein Mensch ist und kein Außerirdischer.

  • Die unglaubliche Freude der Elfenbeinküste, bei ihrem Ausscheiden von 66.000 Leuten gefeiert zu werden.

  • Nach sieben Jahren Vorfreude in der U-Bahn zum Eröffnungsspiel zu fahren und die Sportfreunde Stiller im Ohr zu haben: "Wenn man so will, bist Du das Ziel einer langen Reise..."

  • Der tränenreiche Moment, als nach dem Dortmunder Halbfinale das schönste aller Fußballlieder, "You'll never walk alone" erklingt.

  • Nach dem letzten gehaltenen Elfer von Jens Lehmann gegen Argentinien ans offene Küchenfenster zu gehen und seine Freude in den Kneipenpulk darunter zu brüllen.

Die neun lästigsten Medienerscheinungen:

  • Uschi Glas analysiert München und sein Nightlife in der gefühlte 23 Stunden dauernden Vorberichterstattung zum Spiel Brasilien gegen Australien (RTL).

  • Die Frage von Günter Jauch an den zur Spiel-Betrachtung hinzugezogenen Experten Calli Calmund: “Hatten Sie Gelegenheit, das Spiel zu sehen?” (RTL).

  • Pierre Littbarksi darf 90 Minuten lang ein Spiel kommentieren (RTL): “Ja gut, man wusste, dass die Iraner technisch gute Spieler haben.”

  • Rudi Völler und Günter Jauch sitzen mit einem lilafarbenen Cocktail-Eimer vorm Berliner Hotel Adlon und bereiten ihre Zuschauer auf das nächste Spiel vor (RTL).

  • Trashtalker Oliver Geissen darf Spiele anmoderieren (RTL).

  • Die zahllosen Gaga-Versuche, die 2002-Überschrift "Rudi, hau die Saudi" 2006 zu toppen: U.a. mit "Poldi, putz die Polski" (BILD)

  • Reporter Frank Ernst sucht auf dem Stuttgarter Rasen am Tag danach nach dem Erbrochenen von David Beckham (BILD)

  • Steffen Simon (ARD)

  • Der "Positiver Patriotismus"-Diskurs für Fahnenschwenker: So überflüssig, wie wenn sich ein Vogel von einem Vogelkundler sein Zwitschern erklären lässt.

Die fünf größten WM-Nieten:

  • Peter Crouch, ein für England stürmender Storch, der bei seinen spielerischen Beschränkungen nie zu einer WM hätte mitfahren dürfen.

  • Der tiefe Fall des Sven-Göran Eriksson ? früher ein stilbildender Taktiker, heute ein von Geld, Frauen und Rückständigkeit korrumpierter Ex-Trainer.

  • Fabien Barthez, französischer Keeper, der als “Fabien, der Clown-Torwart” auf Kindergeburtstage gehört, aber nie in ein WM-Finale.

  • Serbien-Montenegro und Paraguay, bei denen bis heute unklar ist, warum sie überhaupt zu diesem Turnier fahren wollten.

  • Die drei Münchner Hackfressen, die vor mir beim Halbfinale saßen: Durch Zuspätkommen, Bierholen und Rumtrödeln exakt gestoppte 55 Spielminuten verpasst ? und dann aber in der Halbzeitpause jeder ein Frankreich-Trikot gekauft, um später bei Freunden den Ober-Fan zu simulieren.