6 Highlights der fudder-Crew aus dem Jahr 2017

fudder-Redaktion

2017 ist vorbei. Was in einem Jahr alles passieren kann, zeigen die sechs Geschichten und Momente von fudder-Autorinnen und Autoren. Mit dabei: Der Student, der für eine Hausarbeit zwei Noten bekam und Frei-Trinken durch Freiburger Bars.

Laura Wolfert: Tauschen durch die Freiburger Bars

Wie bekommt man in dreieinhalb Stunden acht Biere, sieben Shots, zwei Gin-Tonics und eine Cola ausgegeben? Man tauscht sie gegen Gegenstände wie Einhorn-Kondome oder Glitzershampoos. In einem Selbstversuch bin ich einen Abend lang durch Freiburger Bars gezogen – ohne einen Cent zu zahlen. Ich wollte testen, wie locker die Freiburger Gastronomie-Szene drauf ist. Werbezwecke sollten außen vor bleiben. Deshalb behauptete ich, eine Hausarbeit über "das Tauschverhalten in Freiburg" zu schreiben.

Zu Beginn stand ich aufgeregt, mit Schweißperlen auf der Stirn an der Theke des Schlappens – und bekam einen Korb. Am Ende latschte ich mit einem Partyhut und Aufklebe-Schnäuzer in die Colombi-Bar. Mit Selbstvertrauen und ordentlich Promille.

Das Experiment glückte. Zu gut. Mein Fehler: Ich tauschte meine Aspirin gegen drei "Buxtehude-Shots" im Shooters. Dabei hätte ich genau die am nächsten Tag gebraucht. Warum das mein fudder-Highlight ist: Ich habe meine Comfort-Zone verlassen – etwas, was ich 2018 häufiger machen möchte. Nur mit weniger Alkohol – oder einfach mehr Aspirin.
Joshua Kocher: Leak von neuem Ausweichtrikot bringt riesigen Shitstorm für den SC Freiburg

"Ist das das hässlichste Trikot dieser Saison?", fragte die BILD-Zeitung am nächsten Morgen auf ihrer Startseite. Am Abend zuvor war ein fudder-Artikel online gegangen, der über das neue Ausweichtrikot des Sportclubs berichtete. Auf Facebook kursierte ein Leak des bis dahin unveröffentlichten dritten Trikots in gewagtem Camouflage mit lilafarbenen Applikationen. Ein Händler hatte das Trikot wohl im Juli, also vor Rundenstart, bereits in den Verkaufsräumen ausgehängt – obwohl es erst Anfang September vorgestellt werden sollte.

Wo das war, ergab eine kurze Recherche relativ rasch. Der Name des Shops ist ja auf dem Bild zu sehen. Doch der Inhaber des Sportgeschäfts wehrte sich vehement – Fake News, Photoshop. Die Netzreaktionen auf die gewagte Farbkombination bewegten sich eher in Richtung der BILD-Überschrift. Kult-Trainer Christian Streich meinte: "Hauptsache den Kindern gefällt’s".
Gina Kutkat: Wie ich mit einem Meinungstext Tausende Alpha-Männer gegen mich aufbrachte

"Ich hasse Grillen" - diese drei Worte tippte ich Ende März als Überschrift in meinen Meinungstext. Der Text enthielt folgende (zugegeben, steile) Thesen: Grillen stinkt, ist unsozial und klischeedeutsch. Ich löste damit einen kleinen Shitstorm aus. Natürlich war mir bewusst, dass ich mit diesem Thema in eine Kerbe haue. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass mich dieser Text auch etwas über Sexismus lehrt. Nicht, weil Grillen Männersache ist, sondern weil es schlichtweg viele Männer störte, dass ich als Autorin

1. Weiblich bin
2. Grillen nicht mag
3. Weiblich bin

Eine Frau, die grillen hasst - das kann der Alpha-Mann natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Kaum war der Artikel auf der BZ-Seite bei Facebook gepostet, fingen Männer fleißig an, ihn zu kommentieren. Ein kleiner Auszug:

"Hat wahrscheinlich Tofu auf dem Grill gehabt, dass sie so ne verstörte Meinung hat."

"Und was macht man bzw. Frau in so einem Fall am besten? Richtig, Mund halten! Wäre schön gewesen.."

"Wen interessiert das ob die Schranze Grillen will oder nicht?"

"Beim Grillen geht es auch um das Zusammensein mit Freunde, wahrscheinlich hat Sie dann keine Freunde bzw. die falschen."

"Die arme Gina hat nie ein US-Char-Grilled-Porterhouse oder Tennessee-Baby-Ribs mit hausgemachten Saucen genossen, sonst könnte sie nicht so einen "klischeedeutschen" Mist schreiben."

"Ich nimm mal an die würde davor schon nicht zum Grillen eingeladen."

"Kauf dir einen Kugelgasgrill, dann kannst du Kuchen drin backen"

"Wo steht der Bus mit den Leuten die es interressiert was die Frau denkt?"

Nun, mich berühren oder verletzen diese Kommentare nicht. Aber sie machen mich wütend, denn ich werde beschimpft, weil ich eine Frau bin, die übers Grillen schreibt. Und das im Jahre 2017. Was ich daraus lerne: Ich werde weiterhin gegen den Strich bürsten und ich hasse Grillen jetzt noch mehr.
Dora Volke: Die Sache mit den zwei Noten für eine Hausarbeit

"Hast du schon von diesem Jurastudenten mit den zwei verschiedenen Noten gehört?" – "Ja, das ist echt krass!". Gespräche dieser Art kamen mir im Sommer 2017 immer wieder zu Ohren, nachdem eine Freundin mir von besagtem Jurastudenten erzählt und ich seine Geschichte daraufhin für fudder aufgeschrieben hatte. Es war auch wirklich unfassbar: Für genau die gleiche Hausarbeit hatte Oskar Radhauer einmal 5 und einmal 9 Punkte bekommen, im Jurauniversum macht das einen gigantischen Unterschied.

Viel schlimmer fand ich persönlich allerdings die Reaktion des Lehrstuhls, der die ganze Sache scheinbar gern unter den Tisch kehren wollte: Mir gegenüber wollte man keinen Kommentar abgeben und Oskar riet man sogar von einer Veröffentlichung ab. Davon ließ sich der Student jedoch nicht beirren, er prangerte öffentlich das ungerechte Bewertungssystem an. Und dass seine Geschichte dann so hohe Wellen schlug, spricht schließlich auch für sich. Leider scheint das Problem allerdings nur unter Studierenden ein großes Thema zu sein, denn Veränderungen in diesem Bereich von Seiten der Universität sind mir nicht bekannt. Es bleibt die krasse Geschichte von dem Jurastudenten mit den zwei Noten.
Bernhard Amelung: Wie ich mit Hanya Yanagihara über Wein sprach

Bliebe nur ein Buch aus dem Jahr 2017 in Erinnerung, wäre es "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara. In den USA bereits 2015 unter dem Titel "A Little Life" erschienen, erzählt die 1974 in Los Angeles geborene Autorin auf knapp 1000 Seiten eine Geschichte über Liebe, Freundschaft, das Dazwischen, die Abgründe dieser Gefühle, und alles wird zusammen gehalten von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Yanagihara, die im März 2017 ihren Roman im Winterer Foyer des Theaters vorstellte, traf ich am Tag ihrer Lesung mittags zu einem Gespräch im Colombipark. Wir unterhielten uns über Weinbau, Ess- und Trinkkultur; über das Wahrnehmen und Verstehen fremder Kulturen. Sie selber, einst Redakteurin beim Reisemagazin Conde Nast Traveller, suche auf Reisen stets Orte auf, an denen wenig Touristen anzutreffen seien. Zum Beispiel Apotheken und Geschäfte. In Freiburg wären dies sicher kleine Weinhandlungen. Doch dazu hat sie an jenem Frühlingstag keine Zeit. Sie muss ja schließlich lesen.
Felix Klingel: Ein Portion Bolognese mit Bitcoins bezahlen

Diese Recherche hat mir 2017 am meisten Spaß gemacht – und das nicht nur, weil am Ende eine Portion Spaghetti Bolognese auf dem Tisch stand. Um das Thema Bitcoins ein wenig greifbarer zu machen, wollte ich damit in der echten Welt etwas einkaufen. Einfach so – um zu schauen, ob das geht. Passenderweise bietet das Restaurant Feinhaid in Freiburg die Bezahlung via Bitcoin an. Jetzt musste ich nur noch an Bitcoins kommen. Also tauchte ich ein in diese mysteriöse Welt aus Spekulation und ziemlich hohen Geldsummen. Als ich aus diesem Internet-Schlund wieder auftauchte, war ich stolzer Besitzer von 0,00242326 Bitcoins – damals 30 Euro wert. Ich erwischte mich in den folgenden Tagen immer wieder dabei, wie ich den Bitcoin-Kurs verfolgte: Jeden Anstieg wollte ich mit einer Flasche-Sekt begießen, bei jedem kurzzeitigen Rückgang des Kurses trat der Schweiß auf meine Stirn und ich sah mein Geld schon in der Blase zerplatzen. Der Kurs stieg damals recht rasant in die Höhe, teilweise um 3000 Euro in 3 Tagen. Um Aktien, Anlagen, Börsen und Banken hatte ich bisher immer einen riesen Bogen gemacht – nun schaute ich dem Geld beim Wachsen zu. Und ich hatte zugegeben Spaß daran. Am Ende investierte ich aber in die Spaghetti Bolognese, statt in mehr Bitcoins. Es wäre mir dann doch zu blöd, immer am Handy den Kurs zu checken – in ständiger Angst, dass das Zeug jetzt gleich nichts mehr Wert ist.