6 Geliebte und nur 6 Probentage Zeit: Studentische Theatergruppen spielen das Stück "Anatol" von Schnitzler

Brigitte Rohm

Am Sonntag, 30. April und Montag, 1. Mai, spielen Vertreter der verschiedenen Uni-Theatergruppen die stellenweise tragische Beziehungskomödie "Anatol". Sie hatten zum einstudieren nur sechs Tage Zeit. fudder war beim ersten Durchlauf dabei.

Das schwere dunkelrote Kanapee auf der Bühne erinnert nicht zufällig an die berühmte Couch von Sigmund Freud. Denn wenn Anatol, der Protagonist aus Arthur Schnitzlers gleichnamigen Stück von 1893, mit seinem Freund Max sein Beziehungsleben erörtert und dieser ständig an Anatols Vernunft appelliert, gleicht das oft einer Therapiesitzung. Da wird in süßen Erinnerungen geschwelgt, der Verzweiflung freien Lauf gelassen und Anatols aktuelle Herzensdame sogar in Hypnose versetzt, um herauszufinden, ob sie treu ist.


Die Sprache ist für ein Stück aus dem späten 19. Jahrhundert faszinierend modern, und die Probleme der Figuren sind zeitlos: Anatol sucht nach der großen Liebe, kann sie aber nicht festhalten und scheitert an seinen eigenen Idealvorstellungen. Der Frauenheld fordert von den Damen bedingungslose Treue und Wahrheit, obwohl er selbst lügt und betrügt. Und er verstrickt sich in Doppelmoral, wenn er mit seiner Geliebten vereinbart, die Beziehung "in Frieden" zu beenden, bevor es zu einem Betrug kommt, und die Situation nicht erträgt, als dieser Fall tatsächlich eintritt.

Eigentlich hätte Anatol eine Ohrfeige verdient

Man möchte sich in einem Moment von Anatol verführen lassen und ihm im nächsten am liebsten eine Ohrfeige verpassen – großartig gespielt wird dieser vielschichtige Charakter von David Czudnochowski. Die wahren Heldinnen der Inszenierung vom FIST (Freiburger Interessenverbund für Studentisches Theater) sind aber eindeutig die Frauen: Sie lassen sich nicht auf austauschbare "Episoden" reduzieren und treten stärker auf als ihr unglücklicher Verführer, dem sie moralisch haushoch überlegen sind. Regisseurin Corinna Höfel sagt dazu: "Ich wollte emanzipierte Frauen zeigen, die nicht unter Anatol leiden, sondern umgekehrt: Anatol leidet unter den Frauen."

Nach den beiden theatergruppenübergreifenden FIST-Aktionen "Reigen" und "Closer" haben sich Corinna Höfel und die acht Schauspielerinnen und Schauspieler vorgenommen, die Sonderproduktion "Anatol" in nur sechs Probentagen auf die Beine zu stellen. Diese Herausforderung haben sie souverän gemeistert, denn herausgekommen ist eine gelungene, moderne Interpretation dieser Komödie, die sowohl Schnitzlers Humor als auch den tragischen Aspekten des Stücks genug Raum gibt.
Was: Arthur Schnitzlers "Anatol", Sonderproduktion von Mitgliedern diverser Uni-Theatergruppen
Wann: Sonntag, 30. April bis Montag, 1. Mai, je 20 Uhr
Wo: TheaterFISTung, Hörsaal unter dem Rektorat am Fahnenbergplatz, Friedrichstraße 39
Eintritt: 5 €, ermäßigt 3 €, VVK-Karten gibt"s in der Buchhandlung Schwanhäuser, Bertoldstr. 23