5 Antworten: Wie erging es Südbadens Schwulen im Dritten Reich?

Philip Hehn

Wie ist es Schwulen und Lesben aus Südbaden im Dritten Reich ergangen? Dieser Frage widmet sich der pensionierte Lehrer William "Bill" Schaefer seit zehn Jahren. Am Montag hält er einen Vortrag zum Thema im Theater Freiburg.



Der Antwortgeber


William Schaefer, 71, Lehrer im Ruhestand, forscht seit zehn Jahren über die Verfolgung von Homosexuellen in Südbaden in der Zeit des Dritten Reiches. 2009 hat er in der Zeitschrift „Schau-ins-Land“, die vom Breisgau-Geschichtsverein herausgegeben wird, unter dem Titel „Schicksale männlicher Opfer des § 175 StGB in Südbaden 1933–1945“ einen Beitrag zum Thema veröffentlicht.

Herr Schaefer, wie hat das schwule Leben in Südbaden in der Nazizeit ausgesehen?

William Schaefer: Anders als in den Großstädten gab es in Südbaden damals keine Kneipen oder ähnliches, die als Treffpunkte für Homosexuelle gedient hätten. Eine schwule Infrastruktur habe ich in Südbaden nicht feststellen können. Damals schon sind viele in die Großstädte gezogen, um ihre Orientierung leben zu können. Viele sind auch in die Schweiz gefahren, auch mal nur um zu tanzen oder in die Kneipe zu gehen. Da gab es keinen Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte.

Warum wurden Homosexuelle von den Nazis verfolgt?

Feindlichkeit gegen Homosexuelle ist ja keine Erfindung der Nazis, die gab es ja auch schon vorher. Für die Nazis war dann die Homosexualität bedrohlich, weil man wollte, dass möglichst viele „Arier“ gezeugt werden. Und weil Homosexuelle ja keine Kinder zeugen, war das gegen die Ziele der Nazis. Die Verfolgung ging auch mit einer Propagandakampagne einher, die in der Bevölkerung auch auf große Resonanz stieß. Auch heute höre ich noch manchmal Leute diese Begriffe verwenden und frage mich, ob diese Leute wissen, woher diese Begriffe stammen.

Wie lief die Verfolgung ab?

Die Homosexuellen wurden oft denunziert. Strafbar war nicht die Orientierung, sondern homosexuelle Handlungen. Da ging dann in den Akten, die ich gelesen habe, beispielsweise ein Wirt oder Nachbar zur Polizei und hat das gemeldet. Die Leute waren damals generell eher bereit, Gesetzesverstöße zu melden. In anderen Fällen hat die Polizei einfach auf den Dorftratsch reagiert. Manchmal gingen auch so genannte „Opfer“ zur Polizei. Die Nazis gingen in der Regel davon aus, dass der ältere Partner den jüngeren „verführt“ hatte. Da kam es dann vor, dass der Jüngere Angst bekam und zur Polizei ging.



Was geschah mit den Verurteilten?

Zuerst mussten sie ihre Strafe verbüßen. Danach kamen manche ins Konzentrationslager. In den KZs wurden die Homosexuellen mit einem rosa Winkel gekennzeichnet und standen in der Lagerhierarchie weit unten. Die anderen Häftlinge haben ihre Vorurteile ja im Lager nicht plötzlich verloren. Die Kennzeichnung der Häftlinge mit den Winkeln diente auch dazu, die Gruppen gegeneinander auszuspielen und zu verhindern, dass sie sich zusammentun, was den Nazis leider auch sehr gut gelungen ist. Es kam dann zu Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen um Verpflegung oder leichtere Arbeiten, bei denen die Homosexuellen meist den Kürzeren gezogen haben. Nach den Juden und Sinti und Roma hatten die Homosexuellen im Lager die höchste Sterberate, 61 Prozent haben nicht überlebt.

Forschen Sie an dem Thema weiter?

Ja, das ist ein Thema, das nie abgeschlossen ist. Mit den Quellen ist das schwierig. Ich bräuchte Polizeiakten – Verhaftung, Verhörprotokolle und so weiter. Die sind alle bei dem Luftangriff im November 1944 verbrannt. Die Akten von der Gestapo und der SS sind bei der Räumung Freiburgs verbrannt worden. Das Gefängnis ist auch bei dem Luftangriff 1944 getroffen worden, da ist auch nichts verwertbar. Ich verwende in erster Linie Akten von den Landgerichten und Informationen von den KZ-Gedenkstätten, auch wenn da viel verloren ist. Ich beschäftige mich immer weiter damit, komme immer wieder auf neue Ideen, wo man nach Unterlagen suchen könnte.

Mehr dazu:

Was: "NS-Verfolgung von Schwulen in Freiburg und Südbaden" - Vortrag von William Schaefer
Wann: Montag, 28. Juni, 20 Uhr
Wo: Winterer-Foyer, Theater Freiburg