5 Antworten von Janina: Was sich in zehn Jahren Nightline Freiburg verändert hat

Miriam Jaeneke

Seit zehn Jahren gibt es Nightline, die Telefon-Hotline in Freiburg von Studierenden für Studierende. "Fast kein Problem ist zu groß und auf jeden Fall ist kein Problem zu klein, um es uns zu erzählen", sagt Mitarbeiterin Janina. Wie die Hotline angenommen wird, und was sich in zehn Jahren Nightline verändert hat:



Janina, wird die Telefonhotline in Zeiten des Internets überhaupt noch genutzt?



Janina
*: Sie wird sogar sehr gut genutzt. Und das Internet ist für uns eher ganz praktisch, weil wir dort Werbung machen können und die Leute so auf uns aufmerksam werden.Wir bekommen immer mehr Anrufe, mittlerweile durchschnittlich etwas mehr als zwei pro Abend. Im Sommersemester 2002, als es losging, hatten wir das ganze Semester über gerade vier Anrufe. Im letzten Jahr haben wir dann von einer Fünf- auf eine Sieben-Tage-Woche ausgeweitet - Probleme sind ja nicht von einem bestimmten Wochentag abhängig.

Mehr Anrufe gibt es nicht deshalb, weil es inzwischen mehr Probleme gibt, sondern weil die Anrufer sich eher trauen, unser Angebot zu nutzen. Ich glaube auch nicht, dass Leute, die bei uns anrufen, keine Freunde haben - wir machen einfach etwas ganz anderes als Freunde- Wir praktizieren eine ganz andere Form des Zuhörens, die wirklich sehr selten ist, aber sehr hilfreich: Wir bauen keinen Druck auf, bei uns wird alles zugelassen, auch Gefühle, wo man vielleicht woanders sagt: Hey, jetzt reiß dich mal zusammen, jetzt sieh das mal nicht so eng. Bei uns hat man die Zeit und den Raum, einfach mal im Mittelpunkt zu stehen und alles loswerden zu können, ohne dass das Gegenüber sagt, 'Ja, weißt du, bei mir war das ja damals so uns so'.

Habt ihr euer Angebot infrage gestellt, als die Nightline zunächst so wenig Anklang fand?

Nein, wir haben uns eher gefragt, wie wir es schaffen können, dass sich mehr Leute bei uns melden. Wenn niemand anruft, heißt das ja nicht, dass niemand Probleme hat. Wir hatten lange Zeit Probleme mit unserer Darstellung in der Öffentlichkeit. Die Leute dachten, das ist so eine Art Therapie oder wir sind Psychologen oder irgendwelche Profis. Dass die ganzen Instrumente für Öffentlichkeitsarbeit jetzt erneuert und angepasst wurden, hat dazu beigetragen, unser Bild zu verbessern. Zum einen ist es unser Film, der unter anderem beim aka Filmclub vor den Kinofilmen gezeigt wird, und wir haben mittlerweile auch andere Plakate.

Unser Ziel ist, dass uns irgendwann alle Studierenden kennen, und zwar nicht nur an der Uni Freiburg, sondern auch an den anderen Hochschulen, also KH, EH, PH und so weiter, und dass alle wissen, was wir anbieten, also dass wir einfach ganz normale Studenten sind, die zuhören.
Wir planen, im Rahmen unseres Jubiläums eine große Umfrage zu machen, wo wir rausfinden wollen, was für ein Bild über uns herrscht, wo wir überhaupt bekannt sind und wo nicht, so dass wir unsere Maßnahmen daran ausrichten können.

Mehr Anrufer - was hat sich in zehn Jahren Telefonhotline noch geändert?


Wir sind als Verein gewachsen. Bis vor anderthalb Jahren hatten wir durchschnittlich 40 Mitglieder, mittlerweile sind wir bei etwas mehr als 60. Natürlich haben wir eine relativ große Fluktuation, weil die Voraussetzung zur Mitarbeit ist, dass man eingeschrieben ist und studiert.
Finanziell haben wir mehr Möglichkeiten, da wir durch Studiengebühren unterstützt werden beziehungsweise durch die Ersatzmittel, also nach wie vor ungefähr 3000 Euro im Jahr von der Uni bekommen. Dadurch können wir uns auf andere Dinge konzentrieren als darauf, Geld zu beschaffen.

Und wir haben die deutschlandweite Vernetzung mit den anderen Nightlines total ausgebaut. Mittlerweile gibt es einige, und einige weitere sind in der Gründung. Denen geben wir Starthilfe, zum Beispiel kommen Schulungsteammitglieder von uns auf deren erste Schulung. Umgekehrt können wir von den Erfahrungen der anderen Seite profitieren, beispielsweise, wie macht ihr das im Kontakt mit Sponsoren, oder wie geht man mit schwierigen Anrufen um.

Wie geht ihr denn mit schwierigen Anrufen um?

Bei diesen relativ seltenen Anrufen geht es um die Themen Suizid oder Missbrauch. Früher ist das nicht so gut gelaufen, aber in den letzten Jahren haben wir ziemlich gute Richtlinien entwickelt und dadurch viel erreicht zum Schutz der Leute, die bei uns anrufen, aber auch zu unserem eigenen Schutz.

Wenn es wirklich gerade akut ist, sagen wir, dass wir solche Gespräche nicht bearbeiten dürfen, weil wir dafür nicht gut genug ausgebildet sind. Wir verweisen sie dann weiter, an die Telefonseelsorge zum Beispiel oder den Arbeitskreis Leben. Die Beratungsstellen kennen wir teilweise persönlich, damit wir erklären können, was dort auf die Anrufer zukommt.

Es gab auch eine Zeit, wo wir einfach auch nicht gut auf missbräuchliche Anrufe vorbereitet waren. Das sind oft Sachen, die in eine sexuelle Richtung gehen, Telefonsex in irgendeiner abstrusen Form. Wir arbeiten ja anonym, werden dann aber in Gespräche reingedrängt, wo jemand sich zum Beispiel mit uns treffen will. Das kommt wirklich sehr selten vor, aber es ist wichtig, dass wir wissen, wie so ein Gespräch verlaufen kann und wir rechtzeitig unsere eigene Grenze ziehen.

Seit der Umstellung auf Bachelor stehen die Studierenden zeitlich viel stärker unter Druck. Erlebt ihr das nicht als Problem?

Nein, gar nicht. Eigentlich hätte ich das auch erwartet, aber es ist tatsächlich nicht der Fall. Stattdessen haben wir viel mehr Mitglieder als damals und auch wirklich viele, die Bachelor oder Master machen.

Die Leute erzählen oft, dass ihre Motivation ist, dass sie wirklich was Ehrenamtliches machen, weil solche Dinge im Studium oft zu kurz kommen. Wenn man wirklich nur studiert, ist das eigentlich was sehr Einseitiges. Viele sagen, sie wollen was Sinnvolles machen, ich glaub, das ist schon die größte Motivation.

Und dann sind wir natürlich wie jeder andere Verein auch eine Gemeinschaft, wo man sich trifft, miteinander arbeitet, sich austauschen kann. Das ist schön, weil wir aus so vielen verschiedenen Fachrichtungen kommen und man im Studium ja meistens mit Leuten zusammen ist, die dasselbe studieren.

* Name von der Redaktion geändert

Nightline Freiburg

Quelle: YouTube


Nightline

Die Freiburger Nightline ist täglich zwischen 21 und 1 Uhr unter 0761.2039375 erreichbar, auch über Skype (Anleitung zum anonymen Anruf via Skype, .pdf).

Am Dienstag verschenken Helferinnen und Helfer Kuchen an der Mensa am Flugplatz, am Mittwoch an der Katholischen Hochschule, am Donnerstag an der Mensa Institutsviertel und am Freitag an der Mensa Rempartstraße, jeweils zu Mensazeiten. Im Laufe des Jubiläumsjahres sind weitere Aktionen geplant, unter anderem Plakate, auf denen sich die Nightline bei ihren Anrufern für zehn Jahre Vertrauen bedankt.

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