4. August 1644: Die Schlacht um Freiburg

David Weigend

Vor genau 365 Jahren wäre ein Spaziergang über Lorettoberg und Schönberg kein schöner gewesen: Am Ende der Schlacht um Freiburg lagen dort an den Hängen etwa 7.500 gefallene Soldaten. Das Interview mit dem Historiker Peter Kalchthaler als Versuch, den Kampf zwischen den Franzosen und der Reichsarmada zu rekonstruieren.



Wie es zur Schlacht kam


Herr Kalchthaler, vor genau 365 Jahren haben Franzosen und Bayern um Freiburg gekämpft. Rund 7.500 Leichen säumten am Ende den Schönberg und den Lorettoberg. Können Sie kurz erklären, wie es zu dieser Situation gekommen ist?

Die Schlacht bei Freiburg fand statt während des dreißigjährigen Kriegs. Freiburg war vorderösterreichisch und gehörte zum Reich, bevor es im Zuge des Kriegs besetzt wurde: erstmals 1632 von den Schweden, zuletzt 1638 von den Franzosen.

Wer war 1638 der Anführer der Franzosen?

Bernhard von Sachsen-Weimar, ein Herzog, der mit Frankreich verbündet war. Bernhard war zwar aus dem Hause Wettin, aber als Nachgeborener nicht erbberechtigt. Also versuchte er, sich am Oberrhein ein Territorium zu schaffen. Deshalb war er als Söldnerführer bei Ludwig XIII. in den Dienst getreten und hat für den französischen König am Oberrhein Kriege geführt, durchaus in eigenem Interesse.

Allerdings starb Bernhard schon ein Jahr später.

Genau, im Jahr 1639 in Neuenburg. Vermutlich starb er am Stich einer infizierten Schnake. Seine Truppen unterstellten sich direkt der französischen Krone, die seine Eroberungen übernahm. Vom Südwesten aus bedrohten die Weimarischen Truppen das Reich. Kurfürst Maximilian schickte deshalb 1644 die Reichsarmada unter Generalfeldmarschall Franz von Mercy, einem Lothringer, um die Situation am Oberrhein zu klären.



Aus wem bestand die Reichsarmada?

Das waren kurbayerische Truppen, die auf Reichsseite, also auch für Österreich kämpften. 1643 schlug Mercy die französisch-weimarische Armee bei Tuttlingen. Nun begann der Vorstoß in den Breisgau, der zu der Schlacht führte, über die wir uns unterhalten wollen. Zunächst belagerte Mercy Freiburg und konnte es nach 32 Tagen am 28. Juli 1644 zurückerobern.

Gleichzeitig waren zwei französische Armeen vom Rhein kommend unterwegs, die sich nun bei Freiburg vereinigten, um die Bayern wieder aus der Stadt zu vertreiben. Freiburg galt als wichtiges Faustpfand. So kam es zu dieser Schlacht im August vor 365 Jahren.



Wo fand sie statt?

Am Schönberg und am Lorettoberg, der damals noch Schlierberg hieß. An diesen Punkten sind die beiden französische Armeen und die Reichsarmada aufeinander getroffen.

Wie unterschieden sich die beiden französischen Armeen?

Es gab zum einen die Armeé de l'Allemagne unter Marschall Turenne. Er war ein großer, französischer Heerführer, galt aber auch als rücksichtslos. Zum anderen gab es die Armée de France unter dem Kommando des Herzogs von Enghien. Dies war ein Cousin Ludwigs XIV,. ein sehr junger Feldherr, erst 23 und am Anfang seiner Karriere.



Verlauf der Schlacht


Wir haben also am 3. August 1644 am Fuße des Schönbergs bei Ebringen die Franzosen: Enghien und Turenne mit 18.000 Soldaten; und in Freiburg die bayerische Reichsarmada unter Franz von Mercy, etwa 15.000 Mann stark. Wie ging es weiter?

Am Nachmittag versuchten die Franzosen zuerst, mit einem Zangenangriff den strategisch wichtigen Schönberg einzunehmen. Bei diesem Versuch fielen viele von ihnen, da sie bergauf kämpfen mussten und die Reichstruppen leicht Nachschub aus der Stadt erhielten. Auch die Kämpfe in den nächsten Tagen verliefen ähnlich verlustreich und endeten schließlich am 5. August mit einem gescheiterten Angriff der Franzosen an der Wonnhalde.

Wieviele Soldaten fielen auf beiden Seiten?

Auf französischer Seite 5.000 bis 6.000 Mann, auf Reichsseite etwa 1.500. Turenne wurde von den Historikern maßgeblich verantwortlich gemacht für die Verluste auf seiner Seite. Wenn eine Linie gefallen war, soll er befohlen haben: „Encore mille - Noch mal tausend“, damit die Linie stehenbleibt. Für ihn, aber auch für Mercy waren die Soldaten nichts anderes als Material.



Welche Waffen gab es damals?

Die Fußtruppen trugen Musketen, Vorderlader, die nach jedem Schuss nachgeladen werden mussten. Für den Nahkampf gab es Bajonette auf dem Gewehr, Spieße, Hiebwaffen wie Säbel und Degen. Die Reiterei war unter anderem mit Pistolen ausgerüstet. Es gab die großen Wallbüchsen, Gewehre, die man auf eine Lafette stellen mußte und natürlich Kanonen aller Art.

Welche Armeemitglieder haben neben den kämpfenden Soldaten noch eine Rolle gespielt?

Pioniersoldaten, die Schanzen bauten. Das Verschanzen und der Ausbau von Stellungen wurde sehr wichtig genommen.

Wie sah es aus am Schönberg und am Schlierberg, nachdem die Schlacht vorüber war?

Leichen, überall. Auch Waffen lagen da herum und Kleidung. All das wurde eingesammelt, das Schlachtfeld saubergemacht. Man versuchte so gut es ging, die Soldaten zu bestatten, in Massengräbern. Das war ja auch ein hygienisches Problem. Natürlich gab es auch Schlachtfelder, auf denen lagen die Gefallenen noch wochen- oder monatelang und zogen Raben und andere Aasfresser an.



Gibt es noch Überreste der Schlacht?

Jede Menge Kanonenkugeln, Musketenkugeln. Die findet man immer noch, wenn man am Lorettoberg gräbt. Zum Beispiel, als man zwischen 1890 und 1910 das Villenviertel in der Unterwiehre angelegt hat, fand man viele Kanonenkugeln von dieser Schlacht. Auch das Läuten der „Hosanna“ im Münsterturm jeden Freitag um 11 Uhr erinnert an die Schlacht am Lorettoberg und die Gefallenen. Mercys Witwe hat es gestiftet.

Der Loretto- oder Schlierberg war 1644 aber noch nicht besiedelt.

Nein. Da waren Reben, Steinbrüche und Ziegelgruben. „Schlier“ ist ein altes Wort für Lehm.



Der Schlierberg wurde ja erst nach der Schlacht zum Lorettoberg umbenannt. Wie kam es dazu?

Die Namensgebung hängt mit der Kapelle zusammen, die heute noch auf dem Berg neben dem Schloßcafé steht. Während der Schlacht im August 1644 haben sich bayrische Offiziere und Bürger im Münster versammelt zu Gottesdiensten. Dabei wurde gelobt, dass, wenn die Stadt vor den Franzosen gerettet werde, ein „lauretanisches Haißlein“ auf dem Berg gebaut werde, also ein Loreto-Heiligtum. Der italienische Ort Loreto in den Marken war schon damals eine der berühmtesten Marien-Wallfahrten. Maria wurde in Kriegszeiten stets als Nothelferin angefleht. Als die Franzosen tatsächlich von Freiburg abgehalten wurden, erfüllte man das Gelübde.

Sie haben es gerade vorweggenommen – den Franzosen gelang es also nicht, Freiburg zurückzuerobern?

Richtig. Die Bayern sind nach der Schlacht abgezogen und hinterließen eine Garnison in der Stadt. Freiburg blieb Reich.

Wer war denn nun Sieger der Schlacht?

Die Franzosen haben gesagt: wir haben gewonnen, weil die Bayern sich zurückziehen. Die Bayern haben gesagt: Wir haben gewonnen, weil Freiburg nicht zurückerobert wurde. Eigentlich hat also keine Seite gewonnen.



Mercy wich mit seiner Reichsarmada nach der Freiburger Schlacht aus – er zog durchs Dreisamtal und den Schwarzwald gen Osten nach Villingen. Warum?

Das war ein Rückzug, um den Kampfschauplatz von Freiburg abzuziehen. Es galt ja, die Stadt zu sichern. Enghien setzte den Bayern hinterher, lieferte sich noch ein kurzes Gefecht bei St. Peter, aber mußte die Bayern dann ziehen lassen.

Und was machten die französischen Truppen, nachdem es ihnen nicht gelungen war, Freiburg einzunehmen?

Enghien entschied sich gegen eine erneute Belagerung Freiburgs, zog mit Turenne nach Norden und hat das ganze linksrheinische Gebiet unter französische Kontrolle gebracht. Nach der Eroberung der wichtigsten Festung Philippsburg am Rhein trennten sich die Armeen wieder.



Kriegsregeln


Wie hätte der Sieg für eine Partei ausgesehen?

Wenn einer der Anführer kapituliert und die Feldherren eine Kapitulation ausgehandelt hätten, hätten der Kampf und das Töten vermutlich geendet, die Soldaten wären in Gefangenschaft gegangen oder man hätte einen ehrenvollen Abzug ausgehandelt. Gefangene bedeuten für die siegreiche Armee ja auch, dass man mehr Leute verpflegen muss.



Woran erkannte man die Feldherren?

An ihren Uniformen und an den Fahnen, die ihnen vorangetragen wurden. Solange die Fahne hochgehalten wurde, stand die Armee. Wobei die Feldherren nicht immer direkt mitkämpften. Sie verfolgten die Schlacht meist aus erhöhter Position, auf dem sprichwörtlichen Feldherrenhügel. Von dort aus trafen sie ihre strategischen Entscheidungen, die sie an die Offiziere weitergaben. Die Kommunikation lief über Reiter und Boten. Auch zwischen den Feinden wurden Adressen ausgetauscht.

Wie lief das ab?

Manchmal sehr formal. Da gab es zum Beispiel immer mal wieder Waffenstillstände, während derer Verletzte aus den Kampfzonen gebracht werden durften oder Verhandlungen abliefen. Danach wurde weitergekämpft. Neben den Grausamkeiten der Schlachten wie 1644 bei Freiburg erstaunt einen dieser Formalismus manchmal – aber nicht ohne Grund spricht man in dieser Zeit noch vom Krieg als Handwerk und sogar Kunst.

Was wurde bei solchen Kriegen ausgehandelt?

Nehmen wir zum Beispiel die französische Belagerung genau einhundert Jahre später, im Herbst 1744. Da stand König Ludwig XV. oben auf dem Lorettoberg, um von der Kapelle aus die Beschießung Freiburgs zu beobachten. Man hatte festgelegt: Solange der König auf dem Berg ist, wird dieser nicht beschossen. Ein übereifriger Kanonier tat dies aber trotz der Abmachung. Da hat Ludwig sofort eine Protestnote losgeschickt, mit der Drohung: „Ich lasse das Münster zusammenschießen, wenn das nicht aufhört.“ Schnurstracks kam die Entschuldigung aus der Festung: „Wir machen’s nimmer, dumm gelaufen.“ Die versehentlich auf den König gefeuerte Kanonenkugel kann man heute noch in der Kapellenwand sehen.



Im Gesamtzusammenhang: in dieser Schlacht ging es ja nicht nur um Freiburg, oder?

Wenn man so will, ging es um Weltpolitik. Die Franzosen unter Ludwig XIII. und Ludwig XIV. wollten expandieren und am Oberrhein neue Grenzen ziehen. Was ja 1648 auch gelang: Das Elsass wurde französisch, 1681 auch die Reichsstadt Straßburg. Auch das 1638 von Bernhard von Sachsen-Weimar eroberte Breisach war 1648 französisch geblieben. Es diente als rechtsrheinischer Brückenkopf, von dem aus die Franzosen 1677 Freiburg erneut einnahmen und es für zwei Jahrzehnte hielten.



Wann ging es den Freiburger Bürgern besser – unter den Franzosen oder unter Reichsherrschaft?

Für die Zivilbevölkerung machte es wenig Unterschied, ob die eigenen Soldaten oder fremde Truppen in der Stadt saßen. Die Zeit als Festungs- und Garnisonsstadt war für das ganze Gemeinwesen eine Zeit mit massiven Einschränkungen. Nach der französischen Eroberung 1677 etwa war Freiburg für den übrigen Breisgau auf einmal Ausland. Der Zugang zu den Märkten in der Markgrafschaft war abgeschnitten. Das war wirtschaftlich schlimm. In Freiburg gab es nicht viele Kasernen. Die Soldaten, egal ob das nun Bayern vom Mercy waren oder der Bernhard von Sachsen-Weimar mit seinem Söldnerheer, später die Franzosen oder die Österreicher: die meisten Soldaten mußten bei den Bürgern einquartiert werden. Und Soldaten waren problematische Gäste.



Warum?

Die Männer schoben Frust und lebten im sexuellen Notstand. Abends soffen sie, stellten den Frauen und Mädchen nach, stahlen die Vorräte, schlachteten das Vieh. Zwar ahndete die Heerführung alle Übergriffe auf das Strengste. Aber solche Vergehen passierten ständig, zum Leidwesen der Bevölkerung.

Wie lief das ab, wenn damals eine Stadt eingenommen wurde?

Da war größte Gefahr für Leib und Leben und für den Besitz der Bürger, vor allem, wenn die Truppen nach der Erstürmung in Rage waren. Schließlich war das Plündern einer eroberten Stadt ein Teil des Solds und den Soldaten sogar vertraglich zugesichert. Wenn es den Verlierern gelang, den Verzicht auf eine Plünderung auszuhandeln, mußte die siegreiche Armee mit Geld entschädigt werden, das von den Eroberten zwangsweise erhoben wurde. Der in diesem Zusammenhang viel genutzte Begriff „Brandschatzung“ bedeutet eigentlich die Geldforderung oder Kontribution dafür, daß eine Stadt nicht niedergebrannt wird – ist also gar nicht der Akt des Niederbrennens selber.



Neben den Grausamkeiten des Krieges hat er aber auch damals schon gehörig die Wirtschaft angekurbelt, oder?

Natürlich. Es galt ja, eine Festung zu unterhalten. Nicht nur die Militärs profitierten davon, sondern auch örtliche Handwerker und Bauern. Da gab es regelrechte Ausschreibungen per Aushang in den Rathäusern: Gesucht wurden Brückenbauer, Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Bauunternehmer, Lieferanten von Pferdefutter oder Heu für die Ochsen, Brot für die Armee. „Angebote sind bis dato zu richten an die Militärverwaltung in Freiburg. Der günstigste Anbieter kommt zum Zug.“

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