Ächtung des Mordes an Maria L.

300 Menschen demonstrieren in Freiburg gegen Gewalt

Julia Littmann

Rund 300 Menschen, die meisten von ihnen afghanischer Abstammung, versammeln sich in der Freiburger City, um den Mord an Maria zu ächten – und alle Gewalt gegen Frauen.

Es ist ganz still, als Masoud Farhatyar sich per Megafon an die 300 Demonstranten am Bertoldsbrunnen wendet: Afghanen hatten für Donnerstagnachmittag zu einer Kundgebung aufgerufen, man wolle sich mit der Familie der ermordeten Studentin Maria solidarisieren, so hieß es auf Facebook. Organisiert wurde die Kundgebung von Menschen, die aus Afghanistan nach Deutschland geflohen sind. "Wir trauern mit Marias Familie", ist auf den etwa zwei Dutzend Schildern zu lesen, die etliche der rund hundert afghanischen Männer, Frauen und Kinder ernst vor sich halten.




"Wir sind alle sind traurig", sagt der afghanische Freiburger Masoud Farhatyar, "unsere Zusammenkunft soll unser Mitgefühl zum Ausdruck bringen und ein Zeichen setzen gegen Gewalt an Frauen." Die große Sorge: Seit bekannt wurde, dass der Tatverdächtige ein junger Afghane war, könnte sich die rassistische Hetze gegen Geflüchtete weiter verschärfen. Dagegen wolle man zusammenstehen und der Freiburger Öffentlichkeit klarmachen, so ein Redner, "dass wir Afghanen nicht alle schlecht sind".

Afghanen fühlen sich getroffen

Wohl aber fühle man sich in diesen Tagen als Afghane besonders getroffen, erklärt Golam Yahya Habibi. Vor sechs Jahren ist der Afghane, Gipser von Beruf, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Freiburg gekommen, nie habe er hier Ressentiments erfahren: "Wir waren immer froh, dass wir so freundlich aufgenommen wurden." Das betont der Familienvater auch im Interview vor der Kamera der Deutschen Welle: "Für uns ist es sehr schlimm und traurig." Der 25-jährige Student Mustafa Ahmadi wendet sich da mit Megafonstimme an die Versammelten: "Wir müssen als Afghanen zusammenstehen und diese Tat verabscheuen, egal, von wem sie verübt wurde." Dass sich nun Afghanen glauben verteidigen zu müssen, sei eine furchtbare Verdrehung, findet eine Passantin, während ihre Nachbarin klagt, es werde kaum über das Opfer gesprochen, nur über "diesen afghanischen Täter". Kerzen schreiben jedoch Marias Namen ins Dunkel. Virginia Edwards-Menz, engagierte Friedens- und Flüchtlingsaktivistin, findet die Nennung der Herkunft eines Täters einen Fehler, der der rassistischen Hatz Vorschub leiste. Die Umstehenden nicken.

Männer entdecken Antisexismus

Nebendran wird die Studentin Marie Vetter interviewt: Hat der Mord die Angst vor Flüchtlingen bei ihr geschürt? Nein, sagt die junge Frau, überhaupt nicht, aber den Bammel, nachts alleine nach Hause zu gehen, kenne sie schon immer – wie die meisten Frauen, das habe mit Flüchtlingen nichts zu tun. Beängstigend sei, wie jetzt konservative, weiße Männer den Antisexismus "entdeckten" und sich um sexualisierte Gewalt gegen Frauen sorgten: "Ein Thema, das offensichtlich erst dann wahrgenommen wird und Fahrt aufnimmt, wenn als mutmaßlicher Schuldiger ein Flüchtling ausgemacht ist." Sie vermutet: "Wenn alle abgeschoben würden, die sexistisch denken und handeln, würde es hier ganz schön leer." Ein kleiner Trupp von demonstrierenden Freunden findet: "Die hiesigen Afghanen sollten sich nicht zu dem Mord positionieren müssen – aber da sie es tun, wollen wir sie nicht alleine lassen. Und auch nicht die Frauen, deren beständiger Aufschrei gegen sexualisierte Übergriffe meist überhört wird." Zur Kundgebung hatte denn auch die Feministische Linke aufgerufen.

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