3,50 Euro Stundenlohn: Unter welchen Bedingungen angehende Psychotherapeuten ausgebildet werden

Robert Gloy

Wer nach einem Psychologiestudium als Psychotherapeut arbeiten will, muss erst noch eine lange Ausbildung absolvieren - und das unter prekären Bedingungen. Denn Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) verdienen bei einem Vollzeitjob weniger als Minijobber. Wie es PiAs in Baden-Württemberg ergeht:

Nicole Peter (29)* hat im Oktober 2010 ihre Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin angefangen, wie die Ausbildung offiziell heißt. Sie rechnet damit, frühestens in sechs Jahren fertig zu sein. Vor ihr liegt eine beschwerliche Zeit, mit viel Verantwortung und wenig Geld. Im Moment befindet sie sich in der Phase der sogenannten Praktischen Tätigkeit: Sie arbeitet 26 Stunden in der Woche in einer Einrichtung für Psychotherapie in Südbaden – für 400 Euro im Monat.


Insgesamt dauert diese Phase der Ausbildung anderthalb Jahre. Um sich das alles finanzieren zu können, arbeitet sie am Wochenende und wohnt immer noch in ihrer WG aus Studienzeiten – und sie bringt Opfer. „Die letzten anderthalb Jahre habe ich meine Freunde viel seltener gesehen“, bedauert Nicole. Dazu kommen mittlerweile Stresserscheinungen: „Früher habe ich zwei Sekunden gebraucht, um einzuschlafen. Mittlerweile können es manchmal bis zu zwei Stunden sein.“

Johannes Wittig (30)* geht es nicht anders. Er ist seit September 2009 dabei und ebenfalls gerade in der Phase der Praktischen Tätigkeit. Um sich finanziell über Wasser zu halten, legt er schon mal drei bis vier monatige Pausen ein, um Geld vorzuarbeiten. Zwar unterstützen ihn seine Eltern immer noch, aber er hat einen Privatkredit aufgenommen und sein Schuldenberg wird immer größer. Auf über 22.000 Euro ist dieser mittlerweile angewachsen: „Ich habe eine Art innerliches Konto angelegt, das mir sagt, dass die ganzen Ausgaben doch eine gute Investition sind.“ Denn trotz allem macht Johannes die Ausbildung Spaß, auch wenn er einräumen muss: „Für die Ausbildung benötigt man einen gewissen Idealismus - dem Konto ist das aber egal.“

Tatsächlich ist die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten keine, die man einfach mal so nebenher absolvieren könnte. Beispielsweise wird schon auf der Website der Freiburger Uniklinik gewarnt:

„Die umfangreiche Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten stellt für jeden Ausbildungsteilnehmer eine zusätzliche persönliche, zeitliche, finanzielle und ggf. familiäre Belastung über einen längeren Zeitraum dar.“


Neben der Phase der Praktischen Tätigkeit gibt es eine theoretische Ausbildung, einen weiteren praktischen Teil und die sogenannte Lerntherapie. Letztere findet in der Regel zweimal in der Woche statt und beinhaltet Gespräche mit einem Therapeuten, in denen man seine Erfahrungen in der Ausbildung aufarbeitet.

Kostenlos ist das alles nicht: 210 Euro Ausbildungsgebühr jährlich, zusätzlich 58 Euro pro Lerntherapie- und Supervisionssitzung (eine Art Evaluation, die Bestandteil der praktischen Ausbildung ist) müssen die Nachwuchs-Psychotherapeuten bezahlen. Insgesamt kann man damit auf über 20.000 Euro für die ganze Ausbildungszeit in der Uniklinik kommen.



Jörg Angenendt ist leitender Psychologe in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Freiburger Uniklinik und arbeitet somit regelmäßig mit PiA zusammen. Dass sie nur so wenig verdienen, hängt laut Angenendt damit zusammen, dass es zwischen Klinik und PiA kein Arbeits-, sondern nur ein Ausbildungsverhältnis für die praktische Tätigkeit gebe. „Es gibt keine Stellen für die PiA im Stellenplan. Wenn wir mehr als 400 Euro Aufwandsentschädigung zahlen würden, müssten andere Planstellen für angestellte Mitarbeiter gestrichen werden.“

Nicole sieht das anders: „Manche Psychologenstellen werden gar nicht erst ausgeschrieben, weil das ja die PiA machen können.“ Angenendt gibt zu, dass die Phase der Praktischen Tätigkeit mit Entbehrungen verbunden ist, sagt aber auch: „Wir versuchen, auf jeden individuell einzugehen, zum Beispiel wenn jemand außerhalb von Freiburg wohnt oder nebenbei eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft hat und deshalb besondere Einsatzzeiten braucht.“ Zudem sei es möglich, zumindest die Kosten, die direkt mit der Ausbildung zusammenhängen, nach der Phase der Praktischen Tätigkeit mit Einnahmen im Rahmen der Praktischen Ausbildung wieder auszugleichen. Dort führen die Auszubildenden nämlich ambulant Therapien durch, die sie über die Krankenkassen abrechnen lassen können.

In diesem Winter organisierten PiA eine Streikwoche in vielen Städten Deutschlands. Bei der größten Aktion am 8. Dezember 2012 gingen in Berlin über 400 PiA in Berlin zusammen auf die Straß. Robin Siegel, Sprecher der PiA des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen, erklärt, dass es zum einen um eine gerechtere Vergütung, zum anderen um die juristische Klärung des Status der PiA geht.

Möchte sich ein Auszubildender beispielsweise versichern, gibt es meist Probleme bei der Einstufung. Das Psychotherapeutengesetz von 1999 lässt nämlich offen, ob es sich bei den PiA um Auszubildende, Studenten oder Arbeitnehmer handelt. Einen Teilerfolg hat die Streikwoche schon gebracht. „Wir haben erst einmal viel Aufmerksamkeit erzeugt. In Berlin haben zwei kleinere Kliniken zumindest einen Runden Tisch eingerichtet, um die Probleme anzusprechen“, sagt Siegel. Dennoch soll in den kommenden Wochen über weitere Aktionen beraten werden.

Auch Johannes war in Berlin dabei. Besonders gefiel ihm die gute Atmospähre dort. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass eine wirkliche Vernetzung zwischen den PiA stattfindet. Und die hilft, die schlechten Ausbildungsbedingungen an die Öffentlichkeit zu bringen. Erste Auswirkungen erlebt er mittlerweile auch in der Klink, wie er lächelnd erzählt: „ Neulich hat eine Patientin erfahren, dass ich PiA bin und hat mir gleich mal 100 Euro zugesteckt.“

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