29, HIV-positiv und schwul: Leben mit dem Virus

David Weigend

Richard (29) lebt seit sechs Jahren mit Aids und bezeichnet sich als Teil einer Randgruppe einer Randgruppe, denn Richard ist schwul. Er erzählt uns, wie er die Krankheit erst verdrängte und dann lernte, mit ihr zu leben – und wie sein gesunder Freund damit umgeht.



Infektion

Richard*, der heute 29 ist, infizierte sich im Sommer 2004 mit dem HI-Virus. Damals war er mit Adrian* zusammen, der Aids hatte. Die beiden achteten zwar auf sicheren Sex. Doch manchmal, wenn sie etwas getrunken hatten, war das mit dem Kondom so eine Sache. Richard und sein Freund nahmen es nicht so eng, starteten ohne Gummi und machten es erst drüber, als es schon losgegangen war. Einmal riss das Präservativ auch.

Richard bekam Pfeiffersches Drüsenfieber und ahnte, dass dies die erste Reaktion seines Immunsystems auf den HI-Virus sein könnte. Im Dezember 2004 erhielt er die Diagnose. „Für mich war der Moment, als der Arzt mir das sagte, eigentlich gar nicht mehr so tragisch. Ich war ziemlich sicher, dass ich mich infiziert hatte.“ Mit Adrian war schon Schluss, bevor die Diagnose kam. Sie waren fünf Monate zusammen. Sauer war Richard auf Adrian nicht. Er hatte Richard offen von seiner Krankheit erzählt, Richard hätte sich auch gegen ihn entscheiden können.

Das erste Jahr mit dem Virus war für Richard okay. Er war aufgeklärt und kannte andere positive Männer. Richard versuchte, sein Leben nicht vom Virus bestimmen zu lassen, ihn aber dennoch als Teil von sich zu akzeptieren. Doch das war schwer. Er hatte auch Probleme damit, mit seinen Freunden darüber zu sprechen. „Ich wusste ja, Richard braucht Hilfe“, sagt Stefanie*, Richards beste Freundin. Bei jeder Erkältung machte sie sich Sorgen um ihn. „Es war aber über Jahre hinweg fast unmöglich, an ihn heranzukommen. Oft wurde er grantig, wenn ich ihn auf seine Krankheit ansprach.“

Richard ging ab und zu ins Labor, zahlte die Blutuntersuchungen aus eigener Tasche, da er über seine Eltern krankenversichert war und den beiden nichts von seinem Virus sagen wollte. Wenigstens die Blutwerte blieben vorerst im grünen Bereich.

2006 fängt sich Richard eine Syphilis ein, nachdem er mit einem HIV-positiven Freund ungeschützten Verkehr hat. Ein Schuss vor den Bug, der Richard in die Realität zurückholt. Dennoch gelingt es Richard nach der Genesung, den HI-Virus größtenteils zu verdrängen. Ärzte meidet er. In Lukas* (31) findet er einen neuen Partner, der gesund ist und sich dafür entscheidet, mit Richard zusammenzuleben. 2009 kommt Richard ins Krankenhaus: Schweinegrippe, Lungenentzündung. Dass er daran fast gestorben wäre, erzählt Richard so schnell und leise, dass man es fast überhört.



Therapie

Der Aufenthalt im Hospital bedeutet für Richard einen Wendepunkt. Zwei Dinge werden ihm klar. Erstens: Er will den Rat der Ärzte beherzigen und eine Therapie gegen den HI-Virus beginnen. Zweitens: Er will seinen Eltern endlich von der Erkrankung erzählen. Dies hatte er bislang nicht getan, weil er sich nicht belasten wollte.

Seit einem Jahr nimmt Richard täglich vier Tabletten: eine Novir, eine Truvada, zwei Prezista. Diese Medikamente, die im Übrigen sehr teuer sind, drücken die Viruslast unter die Nachweisgrenze. Sind die Blutwerte des Patienten ein halbes Jahr lang unter dieser Grenze, gilt er als nicht mehr infektiös. Dies wird dem Patienten dann von einer Kommission, der EKAF, bescheinigt.

Die Therapie schlägt bei Richard gut an. Sie verursacht keine Nebenwirkungen, sein Blutbild zeigt nach einem halben Jahr die erhofften Werte. Die Tatsache, dass er als nicht mehr infektiös gilt, entspannt auch das Sexleben von Richard und Lukas. "Es gibt immer mal Momente, in denen es schwieriger wird, in denen mich ein bisschen das schlechte Gewissen plagt. Vor der Therapie war es doch kompliziert. Es wurde dann besser und nachdem der erste Ekaf-Bescheid draußen war, hat das den Druck genommen."

Richard, der aus einer Kleinstadt in Norddeutschland stammt, studiert in Freiburg im siebten Semester. Wegen der Krankheit musste er zwei Semester aussetzen. Er bezeichnet sich selbst als Mitglied einer Randgruppe einer Randgruppe. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb beantwortet er die Frage, was andere Menschen von ihm denken, inzwischen recht gelassen: „Ich bin am Punkt angelangt, wo mir das egal ist. Wenn Leute in der Szene über mich tratschen, sollen sie doch. Auf die paar Leute, die mich meiden, kann ich auch verzichten." Ansonsten hat Richard nicht erlebt, dass sich Bekannte von ihm wegen seiner Krankheit abgewendet hätten. Klar kennt er diesen schockierten Blick. Etwa, als er der Freundin, mit der er eben noch in der Disco an den Cocktailgläsern die Strohhalme getauscht hatte, von seinem Virus erzählte. Aber das ist eben nur eine Schrecksekunde.



Falsche Vorstellungen

Andererseits sei Aids, was die öffentliche Stigmatisierung anbelangt, leider immer noch eine Kategorie für sich. Dass man Krebs habe, könne man jedem erzählen und ernte dafür auch noch Mitleid. Krebs bekommt man, HIV holt man sich. Da sei man immer ein bisschen selber schuld. Richard sagt auch: „Die Öffentlichkeit sieht Positive ja oft noch als abgefuckte Junkies, als Menschen, denen man ihre Krankheit ansieht. Ich finde, das muss sich ändern. Die neue Generation Positiver (nach 1995, als effektivere Medikamente auf den Markt kamen, Anm. d. Red.), denen sieht man es in der Regel einfach nicht mehr an. Die stehen normal im Leben, gehen ihrem Beruf nach. Es ist wie mit der Schwulenbewegung früher. Man muss aufstehen und sagen: es ist nicht so scheiße, wie ihr alle denkt."

Richard studiert, geht regelmäßig ins Fitnessstudio und lässt alle drei Monate sein Blut untersuchen. Wenn es so weitergeht wie bislang, kann er von einer normalen Lebenserwartung ausgehen. Es bleibt eine minimale Restangst, dass sich Lukas anstecken könnte. „Aber das Thema ist zwischen uns geklärt. Wir wissen beide, was wir tun. Er hätte sich ja auch von mir trennen können.“

Doch die beiden halten zusammen und auch Richards Familie kommt mit seiner Krankheit klar. Im Nachhinein ärgert sich Richard ein wenig darüber, dass er sie ihnen so lange verschwiegen hatte. Sich nicht im Schneckenhaus verkriechen, sondern darüber reden, zum Beispiel in der Freiburger Aidshilfe, den Austausch mit anderen Betroffenen suchen, all das habe Richard letztlich geholfen und ihm die Angst genommen.

*alle Namen geändert

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