29.06.08: So war mein Finalabend

Alexander Ochs, Clemens Geißler & Carolin Buchheim

Letztlich wird es dann doch kein Tag sein, von dem man seinen Enkeln erzählen wird: "Ich war dabei, als Deutschland Vizeeuropameister wurde." Dennoch, vielleicht wird man sich daran erinnern, und sei es nur deshalb, weil es so heiß war. Drei Eindrücke - aus dem Bermudadreieck, von einem Balkon im Stühlinger und von der Basler Rheinbrücke.



1. Alex / Balkonien, Freiburg

Mich beschlich schon präfinal so ein ungutes Gefühl, als wir Bude & Balkon noch fix umgeräumt haben, um vom Balkon aus glotzen zu können – und nicht rechtzeitig fertig wurden. Trotz der Umräumaktion wollte sich kein Budenzauber einstellen, jedenfalls kein deutscher – vielmehr spanischer Ballzauber. Sich nachträglich das Spiel der Deutschen schöntrinken ging auch nicht mehr. Adios, Zauderer. Viva los Zaubereres!



2. Clemens / Kaserne, Basel

18.12 Uhr: Ankunft Basel Badischer Bahnhof zusammen mit Heerscharen deutscher Fans. Durch souveränes Auftreten gelingt es, ein Tannenzäpfle, ein Wechselshirt, eine Mini-Deutschlandfahne aus Papier und eine matschige Banane durch den Zoll zu schmuggeln. Schnurstracks geht es zum Feldschlösschen-Stand, wo wir uns über die galoppierende Inflation für schweizerisches Dosenbier wundern. Zusammen mit dem weißen Tross ziehen wir dann weiter zum Rhein. Missmutig beäugt ein Rentner-Ehepaar den Fanzug vom Fenster aus. Die Stadt ist ansonsten wie ausgestorben.



Etliche Angeheiterte hopsen – angespornt von zahlreichen Schaulustigen an der Rheinpromenade („Los, spring endlich!“) – trotz Verbotsschildes von einer Rheinbrücke in die Fluten. Einige kaum bekleidet, andere in voller Montur. Wir erfrischen uns lieber an dem kühlen Nass aus Büchsen und suchen die Fanzone am Münster auf. Das dortige Arrangement findet aber nicht unser Wohlgefallen und wir steuern nunmehr zum Basler Kasernenviertel.

Inzwischen schwarz-rot-gold bemalt suchen wir noch eine Möglichkeit zur Einkehr. Das unmittelbar vor der Public-Viewing-Zone gelegene Rotlichtviertel bietet da einiges. Dunkelhäutige Damen aller Altersstufen, meist mehr geschminkt als bekleidet, wittern rege Geschäfte. Mittendrin ein Betonklotz mit der Aufschrift „Wohnen im Alter“. Von dessen Dach schaut ein älterer Herr auf die Massen an den Straßenständen herab. Sein Blick scheint zu fragen: „Was hat das alles zu bedeuten?“



Noch eine dreiviertel Stunde bis zum Anpfiff. Jetzt aber nichts wie rein und vor den Bildschirm. Es ist rappelvoll und dampfig bei klarer Überzahl für die weißen Textilien. Ein Michelle-Hunziker-Verschnitt auf der Fanbühne versucht mit flotten Sprüchen die Menge in Wallung zu bringen. Es gelingt ihr leidlich. Plötzlich schnappt sich irgendein Deutschland-Fan das Mikro und koordiniert einige Schlachtgesänge. Jetzt sind die Massen auf Temperatur. Den wenigen Spanien-Fans muss es Angst und Bange sein, als die deutsche Hymne geschmettert wird. Insbesondere die langen üüü-Laute vibrieren mit Wucht durchs Areal und werden von den umliegenden Wänden donnernd zurückgeworfen.



Ein guter Beginn des deutschen Teams weckt Hoffnungen, die es eigentlich nie gab. Optimistisch kämpft man sich zur Toilette. Zwei Fans sind offenbar brüskiert, dass es nur 68 Klohäuschen gibt und verrichten ihr Geschäft einfach nebendran – Buhrufe hier, lachende Schulterklopfer dort.

Mit immerhin der Hälfte des frischen Bieres und etlichen unterwegs zurückgelassen demolierten Zehen bin ich in Minute 17 zurück am Platz. Der Kommentator des Schweizer Fernsehens ist tiptop. Mit viel Sachkunde und Leidenschaft führt er durch „den Final“. Assistiert wird er von Volker Finke, der mit norddeutscher Kühle und unübersichtlichen Satzkonstruktionen auch belangloseste Situationen von Grund auf analysiert. Trotzdem brandet da und dort Jubel auf, wenn sein Konterfei zu erblicken ist.



Doch jubeln denn auch die Spanier: Ein an sich harmloser Steilpass wird von Torres erlaufen und herrlich über den übereifrig herausstürmenden Jens Lehmann hinweg in den deutschen Maschen untergebracht. 33. Minute: 1-0. Ein Dämpfer für die deutsche Stimmung. Irgendwie in die Pause und dann nochmal alles mobilisieren. Das ist auch das Motto vieler Fans im Kasernenviertel. Raus aus der Menge, an die Luft und sich hinsetzen. Erst jetzt sieht man, dass zahlreiche Fans an den Eingängen zurückgehalten werden. Kein Einlass wegen Überfüllung.

Hälfte zwei: Selten gingen 45 Minuten so schnell vorbei wie diese. Ballacks Torschuss ist das einzige halbwegs verheißungsvolle aus deutscher Sicht. Die Spanier sind den Deutschen technisch und taktisch um Längen voraus, sie kontrollieren das Spiel nicht, sie dominieren es. Der Schweizer Kommentator bemüht zwar immer wieder die Phrase vom „Mythos Deutschland“ und beschwört die eine Situation herauf, die es bräuchte, um ein spätes Tor zu erzielen, „wahrhaft eine Spezialität der Deutschen“.



Doch eh man sich recht versieht, ist Schluss in Wien: In kleinen Grüppchen liegen sich Spanier in den Armen und feiern den verdienten Gewinn des Titels. Die weiße Flut schwappt zurück zum Bahnhof, ruhig und enttäuscht, irgendwie emotionslos.

Letztlich kann man eigentlich aus deutscher Sicht noch zufrieden sein mit dem Turnierverlauf: Mit einer mäßig starken Mannschaft, zahlreichen formschwachen Spielern, Defiziten in allen Mannschaftsteilen und zwei katastrophalen Auftritten hat man es bis ins Endspiel gebracht und durfte bis ganz zuletzt noch träumen. Dennoch war es selten so leicht, den Titel zu holen. Aber diese Frage stellt sich erst wieder beim nächsten Turnier. Für diese Euro heißt es: „Danke Österreich, danke Schweiz, Uff Widderlüege Bosel“.



3. Caro / Bermudadreieck, Freiburg

In der 85. Minute will ich nicht mehr allein vor dem Fernseher sitzen: so viel Spannung erträgt man im Kollektiv irgendwie doch besser. Kurz die Treppe runter, zu den Kneipen vor der Haustür (sehr schön so, das Leben im Bermudadreieck). Public Viewing light.

Unten vor den Kneipen sitzen heute Abend doppelt so viele Leute wie in den vergangenen EM-Wochen, und über einem der Fernseher des UC hängt eine große Spanien-Flagge, mit Stier. Davor sitzt, zwischen lauter paralysierten Deutschland-Fans in schwarz-rot-gold, ein halbes Dutzend Spanier.

Während die Deutschland-Fans jeden Schuss nur mehr mit Stöhnen kommentieren, können sich die Spanier kaum mehr auf ihren Stühlen halten, vor Vorfreude, gleich den ersten Titel der spanischen Fußballer seit 44 Jahren zu befeiern. Hinter mir steht eine Gruppe Franzosen, die sich – ziemlich gehässig - auch freuen, dass Deutschland den Tordrang der ersten zehn Spielminuten verloren hat und nur mehr "herumhampelt, mit dem Ball".

Nun ja. Recht haben sie ja schon, irgendwie. Fünf Minuten Spiel, drei Minuten Nachspielzeit, und dann springen die Spanier erlöst von ihren Stühlen auf. Es wird kurz gebuht und gepfiffen, von deutschen "Fans", und da habe ich dann auch schon wieder genug vom Fußballkollektiv. Die Pokalvergabe schaue ich mir wieder in meiner Wohnung an. Viva Espana!