27. November 1944: Freiburg stirbt

David Weigend

Freiburg vor genau 63 Jahren: Mehr als 300 britische Bomber und Kampfflugzeuge werfen in 20 Minuten rund 14 000 Brand- und Sprengbomben über der Stadt ab. Hans Frieder Huber (Foto) überlebte die "Operation Tigerfish" als Sechsjähriger in einem Keller im Stühlinger. Wir wollten von ihm heute wissen, wie sich dieser Tag auf sein Leben ausgewirkt hat. Ein Gespräch über Angst, Heimatgefühl und Terror.



Herr Huber, Sie waren etwa 45 Jahre alt, als Sie Ihre Erinnerung des Freiburger Bombenangriffs aufgeschrieben haben. Den Angriff haben sie als Sechsjähriger in der Kreuzstraße erlebt, ihr Elternhaus wurde zerstört. Wie kommt es, dass sie sich so detailliert an dieses Ereignis erinnern?

Das meiste, was man als Kind im Krieg erlebt, kann man überhaupt nicht einordnen. Die Wehrmachtsberichte im Radio etwa; auch Trauer und Verzweiflung in der Nachbarschaft, wenn dort die Nachricht vom Tode des Vaters, Bruders oder Sohnes von der Front ankommt.

Kein Kind versteht, was Krieg ist. Diese unbekannten Größen um mich herum haben meine Aufmerksamkeit geschärft. Zum Beispiel, als ich das erste Mal diese riesigen Bombergeschwader gesehen habe, die mit drohendem Brummen über den Himmel flogen. Ich habe lauter silberne Punkte gesehen mit riesigen, weißen Kondensfahnen. Das bleibt. Das könnte ich zeichnen. Dieses Bild sehe ich vor mir, unter vielen anderen.

Wenn Sie heute an die Orte zurückkehren, an denen Sie während des Kriegs gelebt haben – kommt da manchmal der Schrecken von damals wieder hoch?

Nein. Durch den örtlichen Bezug kommt der Schrecken nicht zum Ausdruck. Dafür hat sich die Szenerie einfach zu stark verändert. Zum Beispiel der Stühlinger, der ja im östlichen Teil völlig eben gebombt war. Aber es gibt andere starke Empfindungen, die ihre Wurzeln in dieser Zeit haben. Zum Beispiel das Heimatgefühl.



Wie manifestiert sich das?

Ich suche immer wieder einen bestimmten Platz im Schwarzwald auf. Es gibt oberhalb von dem Hof, in den meine Familie nach dem Freiburger Bombenangriff flüchtete, eine Weide. Dort habe ich als Hirtenbub Kühe gehütet. Da ist ein großer, flacher Felsen, auf dem ich immer gesessen bin. Von dort aus habe ich aufgepasst, dass mir die Kühe nicht weglaufen.

Auf diesen Felsen setze ich mich noch immer oft. Der Blick ist fast der gleiche wie früher. Nach dem Bombenangriff war das dort oben eine Art friedliche Enklave, bis der Krieg auch dorthin kam. Ich habe mich dort als Kind sicher gefühlt. Im Winter 44-45 hat es ja immens geschneit, fast zwei Meter hoch. Den Schnee empfand ich als Kind wie einen Schutzwall.

Also kein Kriegstrauma.

Die Angst ist auf eine andere Weise geblieben. Und diese Angst im Unterbewussten ist mir erst später bewusst geworden. Sie bleibt einem ein Leben lang. Ich bin kein ängstlicher Mensch im langläufigen Sinn. Jedoch beängstigen mich manchmal Dinge, die ich nicht fassen kann. Verstecktes.

Zum Beispiel?

Es würde plötzlich etwas geschehen, das mein Leben auf den Kopf stellt. Etwas Bedrohliches, das unerwartet von außen kommt. Diese Angst vor dem Unbekannten sehe ich in Zusammenhang mit der Angst, die ich als Kind vor den unvorstellbaren Kriegsgeschehnissen hatte.

Sie haben in den Kriegsjahren viel Zeit auf engem Raum verbracht. Hat das einen Einfluss auf Sie gehabt - in Form von Platzangst oder allgemein auf Ihr Raumempfinden?

Ja. Ich habe stets ein intensives Bedürfnis nach freien Räumen, großen Flächen, Weiten. Es ist mir ein Gräuel, eng mit anderen Menschen auf kleinem Raum stehen zu müssen, verbunden mit körperlichen Berührungen. Etwa in einer Massenschlange.



Konnten Sie den Kriegserlebnissen auch eine positive Prägung abgewinnen?

Diese Zeit hat die meisten Menschen widerstandsfähiger gemacht, auch mich. Ebenso die Nachkriegsjahre, in denen es ums Überleben ging, in denen man nichts zu essen hatte. Während des Studiums war das Essen Hauptthema.

Inwiefern war das Leben nach dem Krieg intensiver als heute?

Wir hatten nicht so viel Ablenkung wie die Jugend heute. Die Versuchung, tausend Dinge zu tun oder bleiben zu lassen, ist heutzutage immens. Diese Versuchung gab es damals nicht. Bei uns waren die Prämissen einfach. Wir haben uns im Freundeskreis oft über den Krieg unterhalten. Wie geht es jetzt weiter? Das waren intensive Gespräche, abendefüllend, nächtelang.

Diskutieren Jugendliche heute weniger?

Ich glaube schon, aber ich weiß es natürlich nicht im Einzelnen, da mir der Kontakt zur Jugend fehlt. Ich sehe jedoch die Schwierigkeit, die junge Menschen heute haben. Und die Nachlässigkeiten, die daraus entstehen. Die Erziehung findet größtenteils nicht mehr in der Familie statt, sondern im Umfeld. In der Breite ist die Jugend beängstigend negativen Dingen ausgesetzt. Warum diese Besäufnisse in unserer Innenstadt? Den Leuten fehlt oftmals die Orientierung, die den Sinn des Lebens ausmacht.



Sie beschreiben in Ihrem Buch „Mungo“, wie Sie und Ihre Trümmerbande im Stadtgarten gegen andere Jugendliche kämpfen, mit selbstgebastelten Speeren und Morgensternen. Hatte die Verrohung der Jugend damals nicht mindestens die gleiche Qualität wie heute?

Das sehe ich nicht so. Die Entwicklung heute führt ins Negative. Wenn die Polizei aufpassen muss, dass Jugendliche nach kollektivem Komasaufen nicht aufeinander losgehen, dann will ich das nicht vergleichen mit unseren Bandenkämpfen im Nachkriegsfreiburg. Wir haben im Grunde den Krieg weitergespielt. Aber es gab innerhalb dieses Spiels auch Werte wie Fairness und Ehre. Wenn wir bemerkten, dass einer ernsthaft verletzt wurde, haben wir uns um ihn gekümmert. In diesem Moment gab es plötzlich keine Feindschaft mehr. Ich fürchte, dass es in der von mir beobachteten heutigen Negativentwicklung früher oder später zu einer Zäsur kommt, wie auch immer geartet.

Wie meinen Sie das?

Diese Gesellschaft, wie wir sie heute haben, kann in dieser Oberflächlichkeit zu keiner guten Zukunft führen. Eine Gesellschaft in hemmungslosem Luxusstreben. Es geht nur noch um Fun, auf allen Ebenen. Alle Freiburger rennen nonstop auf irgendwelche Feste. Wo soll das hinführen?



Sie haben den Wiederaufbau Freiburgs hautnah erlebt. Wie gefällt Ihnen heute die Stadt?

Ich finde, dass der Aufbau, gemessen an anderen Städten, gut gelungen ist. Nach dem Krieg stand der Aufbau unter dem Zeichen, möglichst schnell Wohnraum und Arbeitsraum zu schaffen. Die Mittel waren minimal. Man konnte keine üppige Architektur entwickeln, sondern man hat mit schlichten, symmetrischen Formen gearbeitet.

Gibt es positive Besonderheiten?

Unter anderem die Arkaden in der Kaiser-Joseph-Straße. Die gab es ja vor dem Krieg nicht. Und man hat die Kleinteiligkeit der Grundstücke weitgehend beibehalten. Das sieht man etwa bei den schmalen Häusern in der Konviktstraße.

Wie beurteilen Sie den Bombenangriff auf Freiburg in historischer Rückschau?

Er ist für mich ganz klar ein Kriegsverbrechen. Wenn der Krieg anders ausgegangen wäre, was ich mir in Abscheu vor dem Nationalsozialismus wahrlich nicht wünsche, dann wären Menschen wie Arthur "Bomber" Harris vor ein Kriegsgericht gekommen. Es ging hier nicht um die Zerstörung kriegsrelevanter Ziele. Es war reiner Terror. Ich habe mir später tausendmal überlegt, ob ich es fertig gebracht hätte, auf Befehl da oben im Flugzeug sitzend den Hebel zum Bombardement zu ziehen. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Immerhin, es herrschte Krieg.

Ja. Aber das Bewusstsein, dass man Städte ausradiert, wie Freiburg oder Freudenstadt, empfinde ich als verbrecherisch. Auch den Terrorangriff auf Dresden. Man wusste genau: Dort gibt es kaum Industrie, dafür abertausende von Flüchtlingen. Und man bombt zweimal in zwei Wellen. Das ist ein Kriegsverbrechen von immenser Größe und durch nichts zu rechtfertigen.

Das Gleiche gilt natürlich auch für die deutschen Bombenangriffe auf Städte unserer europäischen Nachbarn und für die entsetzlichen Verbrechen an den Juden. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass man unschuldige Menschen zu tausenden tötet.

Trotzdem wird es viele geben, die Ihre Meinung nicht ganz teilen. Deutschland hat diesen Krieg begonnen.

Ja, aber in diesem speziellen Punkt ist meine Meinung gefestigt.

Zur Person

Hans Frieder Huber ist heute 69 und Architekt. Er lebt und arbeitet in der Wiehre. Sehr lesenswert ist sein Buch "Mungo. Der Krieg, das Ende und die Zeit danach in Freiburg 1942-1956", 476 Seiten, Schillinger Verlag, Freiburg 2005. Diesem Buch haben wir auch den Großteil der Abbildungen entnommen.