25 Jahre X für U: Uli und die Comics

Christopher Bünte

In diesem Monat gab es im X für U etwas zu feiern. Denn mittlerweile besteht der gut sortierte Comicladen in der Freiburger Innenstadt seit einem Vierteljahrhundert. Ein Stück Comicgeschichte und ein Stück Stadtgeschichte, zum Anfassen. Zum Jubiläum unterhielt sich Christopher mit Uli Pröfrock, dem Eigentümer und Mitbegründer des X für U.



Wie kommt man auf die Idee, einen Comicladen zu gründen?

Wir haben 1985 zu zweit angefangen, Reiner Schuwald und ich. Wir waren beide in einer gewissen Notsituation. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich habe nach dem Studium ein paar Jahre im Briefmarken- und Münzhandel gearbeitet. Da war ich aber auch nicht mehr glücklich. Als wir 1984 in den Überlegungen steckten, einen Laden zu gründen, ging durch die Presse, dass in Deutschland zum ersten Mal eine Comic-Messe stattfinden sollte, nämlich in Erlangen. Da sind wir hin. Das war der erste Comic-Salon. Ich hatte zwar schon in den Einzelhandel hineingeschmeckt, bei Comics musste ich mich aber erst einmal schlau machen. Nach dem Besuch in Erlangen war klar: Was da an großen Neuerungen abgefeiert wurde, kannte ich schon in- und auswendig. Ich war selber erstaunt. Ich hatte früher wöchentlich Pilote gelesen. Da ist mir erst klar geworden, dass ich die ganze Entwicklung zum modernen Comic kannte. Ich war damit aufgewachsen. Jetzt kam das mit ein paar Jahren Verzögerung nach Deutschland.


Wieso kanntest Du das alles schon?

Ich habe die schönen Jahre meiner Jugend in Frankreich verbracht. Von 1965 bis 1974 habe ich in Paris gelebt. Dort habe ich mit großer Selbstverständlichkeit Comics gelesen. In Frankreich musste man dafür kein Comic-Freak sein. Fast jeder las die vielen Comic-Magazine, die damals unterwegs waren.

Wie muss ich mir den Start vorstellen? Interessierte sich jemand für euren Laden? Oder war es schwer, Kundschaft zu gewinnen?

Comics lagen gerade als Thema in der Luft. Und wir hatten in Freiburg ein freies Feld. Und dann stehst Du da und fragst Dich: Was passiert jetzt? Wir wussten damals gar nicht, ob Freiburg eine Käuferschaft hat. Sofort am Eröffnungstag waren wir positiv überrascht, wie viele Leute gekommen waren und wie der Zuspruch war. „Endlich! Wunderbar! Endlich gibt es hier einen Comicladen!“ Die Resonanz war sehr, sehr gut. Es hat sich sehr schnell ergeben, dass wir nicht nur die Buchhandlung, sondern auch Import aus Frankreich betrieben haben. Da gab es damals einen wachsenden Markt. Wir haben uns sehr schnell auf Portfolios, signierte Drucke, Siebdrucke und Hochqualitätsdrucke spezialisiert. Das hatte ziemlich schnell Erfolg. Schon nach anderthalb Jahren war das parallel von der Buchhandlung gar nicht mehr zu leisten, sowohl von den Räumlichkeiten als auch vom Arbeitsaufwand her. Also haben wir eine Schwesterfirma gegründet, die auch X für U heißt. Die wurde zuerst von den Kellerräumen der Buchhandlung aus betrieben. Schnell bekam diese Schwesterfirma eigene Räume, noch in Freiburg, im Stadtgebiet. Und seit vielen Jahren sitzt sie jetzt im Umland, draußen in Heitersheim. Schon damals machte das alles im wesentlichen Rainer. So hat es sich ergeben, dass er schwerpunktmäßig die Vertriebsfirma gemacht hat und ich die Buchhandlung. Anfang der Neunziger Jahre haben wir die Besitzverhältnisse aufgetrennt. Ihm gehört jetzt die Vertriebsfirma und mir die Buchhandlung.

Wo waren eure ersten Verkaufsräume?

Angefangen haben wir in der Bertoldstraße. In einem Gebäude beim Theater. Das ist inzwischen abgerissen und umgebaut worden. Ungefähr dort, wo jetzt Gleisnost ist. Diese Glas-Stahl-Bauten gab es damals nicht. An der Flanke des Theaters saßen ein paar provisorische Baracken. Die gehörten der Stadt und waren ohne Komfort, dafür aber sehr billig. Man musste Glück haben, um dort einen Platz zu kriegen. Dort waren wir sieben Jahre, bis 1992. Dann haben wir den Schritt in die Innenstadt gemacht, an den Rathausplatz, in die Franziskanerstraße. In den neuen Räumen hatten wir viel Platz. Den alten Standort haben wir aber noch bis zum Abriss gehalten. In der Franziskanerstraße waren wir dann bis 2008. Im Februar 2008 sind wir in die Rempartstraße umgezogen.

Welche Schwerpunkte hattet ihr im Sortiment, als das X für U 1985 eröffnet wurde?

Schwerpunkte waren am Anfang Sciencefiction und Comic. Noch ein bisschen Krimi. Im Grunde die drei großen trivialen Unterhaltungsbereiche, die damals angesagt waren. Was auch in dieser Zeit losging, waren Rollenspiele. Das Schwarze Auge, Dungeons and Dragons… Das hatten wir auch alles im Laden. Das war damals die übliche Kombination für einen Comic-Laden.

Das klingt nach einer bunten Mischung…

Comics alleine hätten überhaupt nicht gereicht. Mit dem verfügbaren Material hätten sich gar keine Umsätze generieren lassen, um ein Ladengeschäft zu betreiben. 1985 gab es vielleicht einhundert Neuerscheinungen. Wenn es überhaupt so viele waren. Erst mit dieser Mischung aus Rollenspielen, Krimis, Sciencefiction und dem Antiquariat kam genügend Material zusammen, aus dem sich ein oder zwei Einkommen generieren ließen. Mit jedem Bereich einzeln wäre das nicht möglich gewesen, zumindest in einer so kleinen Stadt wie Freiburg nicht.

Und wie sieht das heute aus?

Heute rechne ich jährlich mit zweitausend Neuerscheinungen auf dem deutschen Comic-Markt. Alben, Paperbacks, Manga-Taschenbücher, Heftchen… Auf vielen Ebenen entstehen dadurch logistische Probleme. Zum einen würde ich gerne ein Vollsortiment anbieten. Das geht aber gar nicht mehr. Dafür bräuchte ich theoretisch jeden Monat anderthalb bis zwei Regalmeter. Ich bin gezwungen, eine Auswahl zu treffen, weil ich schlichtweg den Platz nicht habe. Zweites Problem: Eine immense Kapitalbindung. Was in der Lagerware an Geld steckt, muss ja auch irgendwoher kommen. Das dritte Problem ist, dass sich in den letzten Jahren weder das Budget der Comickäufer verdoppelt oder verdreifacht hat, noch die Anzahl der Comickäufer. Das ist zwar gestiegen, aber nicht in diesem Maße. Und ich sehe, dass heute ein Album durchschnittlich 13 Euro kostet. Und nicht mehr 8 Euro, wie noch vor fünf Jahren. Das führt dazu, dass der Käufer mit der Riesenflut an Neuerscheinungen überfordert ist. Das kann niemand alles kaufen. Auch, wenn er es noch so gerne hätte. Er kann es sich gar nicht leisten. Das führt dazu, dass es immer mehr darum geht, Neuheiten abzuverkaufen. Die Backlist verkümmert. Die durchschnittliche Liegezeit von Neuheiten ist bei uns auf eine Woche runter, denn dann kommen die nächsten Kisten schon rein.

Und schwerpunktmäßig?

Mehr als früher sind wir heute auf Comics eingeschränkt. Das hängt mit dem Standort zusammen. In der Franziskanerstraße gab es mehr Kunden, die mit einem wachen Auge herumgingen, stöberten und dabei Bücher fanden, die sie ansprangen und interessierten. Diese Laufkundschaft ist mit dem neuen Standort geschrumpft. Der prozentuale Anteil an Comics ist deshalb sehr viel höher geworden, als er noch vor fünf Jahren war.



Gibt es in Freiburg eine Comic-Szene?

Nö.

Aber du verkaufst hier Comics. Wer sind deine Käufer?

Wir haben eine extrem heterogene Kundenstruktur, vielleicht die heterogenste, was Comic-Läden betrifft, in ganz Deutschland. Das hat damit zu tun, dass wir das Feld nie zu eng eingegrenzt haben. Wir sind selber keine Comic-Nerds oder Comic-Sammler. Wir haben wahrscheinlich einen distanzierteren Blick auf das eigene Gewerbe als so manche Kollegen, die vom Sammler zum Händler geworden sind.

Gibt es größere Käufergruppen, mit denen Du fest rechnen kannst?


Wir haben die klassischen Alt-Leser und –Sammler, die in den Sechziger Jahren mit Primo und solchen Sachen aufgewachsen sind. Oder mit den Wäscher-Sachen. (Wobei das eine Generation ist, die langsam altersbedingt ausstirbt.) Die Fünfziger Jahre sind tot, das merkt man auch im Antiquariatsbereich. Die Siebziger sind im Moment das große Ding. Man holt damit ja immer auch ein Stück Jugendnostalgie zurück ins Haus. Das sind im Moment Leute so um die Fünfzig. Wir haben aber auch Kundschaft bis Siebzig hoch, und älter. Auch Frauen fortgeschrittenen Alters, was sehr selten in Comicläden ist. Das hat mit dem Interesse der Feuilletons an Comics zu tun. Mit Vorreiter Andreas Platthaus zum Beispiel. Oder mit der Süddeutschen. Die Leute, die das lesen, kommen bei uns in den Laden marschiert. Die wissen, dass wir ein gut sortiertes Fachgeschäft sind, dass wir nicht bestellen müssen, sondern dass wir das da haben, was sie suchen. Oftmals sind das aber Leute, bei denen Comics ein Teil ihres Leseinteresses bilden, aber nicht der Schwerpunkt. Aber wir haben natürlich auch die reinen Comickäufer. Der größte Teil der Kundschaft liegt zwischen zwanzig und fünfzig. Aber wir haben auch Kinder, Ältere, einen sehr hohen Frauenanteil… Insgesamt eine sehr gesunde Mischung, denke ich.

Was verkauft sich bei euch gut?

Wir hatten schon immer einen stärkeren Verkauf als andere Kollegen bei dem, was heute mit dem schönen Mode-Wort „Graphic Novel“ benamst wird. Schon bevor das Wort „Graphic Novel“ unterwegs war. Und ich vermute mal, wir sind außerhalb von Berlin der stärkste Reprodukt-Verkäufer. Lewis Trondheim geht bei uns sehr gut.

Das klingt, als hättest du hier in Freiburg ein relativ anspruchsvolles Lesepublikum. Ist das so?

Das kann man so sagen. Das ist aber nicht unser Verdienst. Das hat mit der Bevölkerungsstruktur in Freiburg zu tun. Freiburg war nie eine Industriestadt, sondern ist eine Dienstleisterstadt. Der größte Arbeitgeber ist die Universität. Fast 20 Prozent der Einwohner sind Studenten. Da ist der durchschnittliche Bildungsstand höher als in vielen anderen Städten mit vergleichbarer Größe. Vergleichen kann man vielleicht noch Tübingen und Heidelberg, die eine ähnliche Struktur haben.

Wandern euch viele Bestellungen über das Internet ab?

Nein. Denn letzten Endes ist der Comic-Leser nicht anders gestrickt als überhaupt der Leser. Auch der Comic-Leser möchte das, was er kaufen möchte, einmal gesehen haben. Wir haben wenige Kunden, die blind etwas kaufen. Die wissen genau: Das kann ich mir hier erst einmal angucken, auch mal anlesen. Die schätzen es, das Objekt zuvor in der Hand gehabt zu haben.

Aber es gibt ein generelles Problem im Handel, mit dem ich sehr unglücklich bin. Immer mehr Verlage gehen dazu über, Kunden vom Handel abzuziehen und an sich zu binden. Früher konnte man als Privatperson nicht beim Verlag bestellen. Wenn man das getan hat, bekam man vom Verlag einen Händler vor Ort genannt, wo man das bitteschön besorgen soll. Mittlerweile verkaufen fast alle Verlage direkt. Ich halte das für eine extrem kurzsichtige Politik der Verlage. Denn wie wollen sie da erwarten, dass jemand ihr Programm im Sortiment vorrätig hält? Wenn sie gleichzeitig selber versuchen, den Umsatz vom Handel abzuziehen? Wenn der Kunde dann auch noch beim Verlag das gleiche bezahlt wie im Handel, aber (über einen Jahresbeitrag, eine Mitgliedschaft, einen Freundeskreis oder wie auch immer) Sonderleistungen bekommt, die der Handel nicht erbringen kann, dann sehe ich das mit Sorge. Das hat uns einige Kunden gekostet, die bestimmte Dinge nicht mehr bei uns kaufen.

Was für Comics interessieren dich persönlich?

Ich gucke immer gerne, was im amerikanischen Independent-Bereich unterwegs ist. Ich lese aktuelle französische Sachen. Sehr viel habe ich in der großen Zeit von L’Association gelesen. Eigentlich quer durch den Garten. Dazu kommen dann auch Sachen von deutschen Autoren: Ulli Lust, Isabel Kreitz, Uli Oesterle, ein paar Independent-Sachen…

Gibt es Momente, in denen Du keine Comics mehr sehen kannst?

So richtig nicht. Ich habe immer eine gebotene Distanz dazu gehalten. Ich lese Comics gerne, ich übersetze sie… Das bereitet mir Vergnügen.



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