Prozessauftakt in Freiburg

24-jähriger Student gibt Mord an seiner Mitbewohnerin zu

Frank Zimmermann

In einer Freiburger WG wird eine 31 Jahre alte Frau ermordet. Ihr Mitbewohner gibt die Tat zu. Gehandelt hat er demnach aus Hass auf die Religiosität der Frau. Nun steht er vor Gericht.

Zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Freiburg hat ein 24-jähriger Student zugegeben, seine Mitbewohnerin ermordet zu haben. Er habe die 31-Jährige "aus Hass und Verachtung" und wegen ihrer Religiosität erstochen.


Am 10. August 2016 tötete ein damals 24 Jahre alter Englisch- und Philosophiestudent seine Mitbewohnerin, die gerade einmal zehn Tage zuvor bei ihm eingezogen war, mit zahlreichen Messerstichen in der Wohngemeinschaft in Lehen. Am Donnerstag wurde die Hauptverhandlung in Saal IV des Landgerichts eröffnet, insgesamt fünf Prozesstage sind anberaumt.

Markus E.s griff Susanne T. in ihrem eigenen Zimmer grausam an

Die Tat war den Berichten des Hauptermittlers und des psychiatrischen Sachverständigen zufolge besonders grausam: Markus E. (Name von der Redaktion geändert) klopfte an die Tür und betrat Susanne T.s (Name von der Redaktion geändert) Zimmer, um mit ihr zu reden. Sie bat ihn herein. Die beiden hatten sich in den Tagen zuvor zwei Mal gestritten, vor allem um religiöse Fragen, Susanne T. war eine streng gläubige Christin und extra aus Paderborn nach Freiburg gezogen, um im Rahmen einer Auszeit in einem Gebetshaus zu arbeiten. Was genau die Tat auslöste, ist unklar. Der Täter schweigt sich darüber aus.

In jedem Fall ging Markus E. plötzlich auf die auf ihrem Bett sitzende Susanne T. zu und stach mit einem Messer, das er in seiner Jogginghose hatte, in ihren Hals. Anschließend wartete er – nach eigener Einschätzung zirka acht Minuten lang – darauf, dass die auf dem Boden liegende schwer verletzte Frau stirbt. Doch sie starb nicht. Stattdessen stand sie wieder auf und rannte aus dem Zimmer. Am Wohnungsausgang kam es zu einem Gerangel. Nur in Unterwäsche bekleidet rannte Susanne T. ins Treppenhaus und aus der zweiten Etage ins Stockwerk darunter. Markus E. folgte ihr – und versetzte ihr zahlreiche weitere Messerstiche, an denen sie noch vor Ort verstarb. Als ein Bewohner aus der unteren Wohnung herauskam, zog sich Markus E. in die WG zurück und schloss sich ein.

Vor der Tat hatte E. ein Manifest verfasst

Anschließend versuchte er, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Doch damit scheiterte er ebenso wie mit dem Versuch, sich aufzuhängen – der Gürtel riss. Dem psychiatrischen Gutachter gegenüber sagte er zudem aus, dass er auch versucht habe, sich mit einer Plastiktüte zu ersticken. Am Ende wurde er am Tatabend in seiner Wohnung festgenommen. Nach seiner Tat hatte er noch auf Zetteln notiert, dass er ein schlechter Mörder sei, und nach dem zweiten gescheiterten Suizid eine weitere Notiz mit den Worten "schlechter Gürtel" verfasst. Außerdem hatte er ein auf seinem Rechner wenige Tage zuvor verfasstes und verschlüsselt hinterlegtes Manifest zugänglich gemacht.

Er habe eine Wut und einen Hass darauf gehabt, dass Susanne T. Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe abgelehnt habe und sich persönlich beleidigt gefühlt, sagte Markus E. nach der Tat den Ermittlern. Sexuelle Tatmotive bestreitet er. Vor Gericht schweigt er bislang dazu und ließ lediglich durch seinen Verteidiger Roland Beckert ausrichten, dass er die Tat begangen habe und die Schilderungen aus den Vernehmungen zuträfen.

Komplexe psychische Situation des Angeklagten

Schon am ersten Verhandlungstag kristallisierte sich heraus, was zu vermuten war: Ganz einfach ist die Tat nicht zu erklären, die psychische Situation des Angeklagten ist komplex. Als Einjähriger mit seiner Mutter aus Russland zum deutschen Vater in die Nähe von Tauberbischofsheim gezogen, hatte Markus E. außer seiner Mutter nie in seinem Leben eine Vertrauensperson – keine Schul- und keine Studienfreunde, keine gleichaltrigen näheren Bekannten oder Nachbarskinder und nie eine Freundin oder einen Freund.

Er habe überhaupt noch nie Sex gehabt und sei sich über seine sexuelle Orientierung nicht sicher, sagte er in einer Befragung. In der Schule wurde er gemobbt und litt unter Suizidgedanken. Dieser Zustand hielt auch nach seinem studienbedingten Umzug nach Freiburg an und wurde irgendwann so schlimm, dass er sein WG-Zimmer kaum noch verließ. Lebensmittel bestellte er sich zum Teil im Internet, einen Job im Recyclinghof gab er wegen seines seelischen Zustands wieder auf, längere, persönlichere Gespräche waren für ihn nicht möglich.

Er machte die Nacht zum Tag, schaute Filme und spielte Computerspiele. Vorbilder habe er keine, sagte er, er liebe aber Comedy und die literarische Verkörperung des Bösen, Hannibal Lecter, bekannt aus den Büchern von Thomas Harris und legendär durch die Verfilmung von dessen Roman "Das Schweigen der Lämmer".

Markus E. fühlte sich unattraktiv und als Versager, hatte auf der Straße Angst, von Passanten angeschaut und nicht gemocht zu werden. Er ging zaghaft, ein Mal im Monat, zu einem Psychotherapeuten und ließ sich Antidepressiva verschreiben, aber sein Zustand besserte sich nicht. E. glaubte, er vergeude die Zeit des Therapeuten. Von seinen Tötungsfantasien – unter anderem wollte er den Rapper Bushido erschießen – erzählte er ihm nichts.

Er setzte sich eine Frist, seinem Leben ein Ende zu bereiten – und realisierte die Pläne dann nur deshalb nicht, weil seine Mutter, die ihn stets finanziell unterstützte und mit der er Reisen in ferne Länder unternahm, zu Besuch kam.

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