22,2 Prozent: Wie Landwasser zu Freiburgs AfD-Hochburg wurde

Marius Buhl

Die AfD hat in Landwasser 22,2 Prozent geholt - Freiburg-Rekord. Warum ausgerechnet in Landwasser, wo 45 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben oder Spätaussiedler sind? Eine Spurensuche:



Als der junge Deutsch-Libanese mit seiner Beatbox aus dem Takt gerät, klatscht ihm sein Kumpel eine Ohrfeige an die Wange. „Junge, mach richtig jetzt.“ Ein Mädel keift mit osteuropäischem Akzent: „Lass ihn in Ruhe, Spast!“ Mitten in Landwasser, Freiburg-West, ist gerade die Schule aus, jetzt stürmen dutzende Jugendliche auf den kleinen Quartiersplatz. Russische, arabische, türkische Sprachfetzen vermischen sich zu einem kaum zu entschlüsselnden Sprachcode.


Es könnte ein vollkommen normaler Landwasser-Nachmittag sein - würde nicht das blaue Wahlplakat, das hoch über dem Quartiersplatz im Wind flattert, an den Tag zuvor erinnern.

22,2 Prozent holte die AfD bei der Landtagswahl in diesem Stadtteil – Freiburg-Rekord. Damit war die ausländerfeindliche AfD nach den Grünen die stärkste Partei - in einem Stadtteil, der bunter kaum sein könnte. 17 Prozent der Landwasseraner sind Ausländer, 15,7 Prozent „Deutsche nach Einbürgerung“, 11,9 Prozent „deutsche Aussiedler“. Nur 55,4 Prozent der Bewohner Landwassers sind „deutsch ohne Migrationshintergrund“ – ein Wert, der nur in Weingarten und einem kleinen Teil von Brühl niedriger ist. Unter der Prämisse, dass Menschen ohne deutschen Pass nicht wählen dürfen: Wie konnte ausgerechnet das bunte Landwasser zur AfD-Hochburg werden?

Im Quartierbüro gibt es Kekse - und ein Thema: das Abschneiden der AfD in Landwasser

Nur ein paar Schritte von den streitenden Schulkindern entfernt arbeitet Oksana Solowjow, im Quartiersbüro Landwasser. Solowjow hat in Thüringen Sozialmanagement studiert, seit zwei Jahren arbeitet sie als Sozialarbeiterin in Landwasser. Zu ihr kommen die Anwohner, wenn sie einen Drucker brauchen, wenn sie Hilfe bei einer Übersetzung benötigen – oder einfach mal reden wollen. Gerade sitzen eine Deutsch-Libanesin und eine Aussiedlerin aus der früheren Tschechoslowakei an einem Tisch im Büro. Es gibt Kekse – und nur ein Thema: die Landtagswahl und das Ergebnis der AfD in Landwasser.

Wer genau in Landwasser die AfD gewählt hat, weiß niemand am Tisch. Ob ein Wähler Migrationshintergrund hat oder nicht, wird bei der Stimmabgabe nicht erfasst. So bleibt Raum für Vermutungen.

Eine These, die nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse sofort da war: Russland-Deutsche seien schuld am Ergebnis. Seit etwa 350 Spätaussiedler in Lahr gegen Flüchtlinge demonstrierten, stehen sie unter Generalverdacht, gegen Flüchtlinge zu sein. Auch in Landwasser leben viele.

Die Sozialarbeiterin Solowjow hat selbst kasachische Wurzeln. Sie kennt das Gerücht – hält es aber für grundlegend falsch. „Ich fühle mich persönlich beleidigt, wenn ich das höre.“ Natürlich gebe es unter Russland-Deutschen Flüchtlingsgegner. „Aber von 300 auf alle zu schließen, halte ich für ein heftiges Vorurteil.“ Sie hält die Russland-Deutschen Landwassers für vorwiegend apolitisch – eine Einschätzung, die sie mit allen Diskutanten im Quartiersbüro teilt – auch mit Hannelore W.

Ein geplantes Flüchtlingswohnheim als Grund?

Seit 1968 wohnt W. im Stadtteil. „Ich gehöre hier zum Inventar“, sagt sie. W. hat einen Schlüssel für die evangelische Kirche, im Quartiersbüro schaut sie täglich vorbei. Sie hat auch in diesem Jahr die SPD gewählt, wie schon so oft. Sie vermutet, dass das geplante Flüchtlingswohnheim in der Wirthstraße ein Grund für viele Landwasseraner war, AfD zu wählen. Aus Protest. Zudem sei mangelnde Bildung ein Problem in Landwasser. Weil die Großparteien solch bildungsferne Bürger aber zunehmend vernachlässige, wendeten die sich ab - kernige Slogans wie die der AfD wirkten dann von alleine.

Neben diesen strukturellen Problemen sieht W. aber auch eine bestimmte Gruppe Landwasseraner, die für die Parolen der AfD besonders anfällig sei: Spätaussiedler. Vor der Wahl habe sie vor allem Siebenbürgen und Menschen aus dem Banat beobachtet, die für die AfD plakatiert und Stände aufgebaut hätten. Sie habe mit einigen diskutiert. An einen der Plakatekleber erinnert sich W. auch, man solle ihn doch einfach mal besuchen.

Der Mann öffnet nur das Küchenfenster, als wir bei ihm klingeln. Ob er für die AfD plakatiert habe? Freundlich aber bestimmt wiegelt er ab: Das stimme nicht. Er habe auch nicht die AfD gewählt. Sagen will er trotzdem nichts.



Ähnlich ist es beim sogenannten „Rumänenhaus“, einem der Wohnblocks in Landwasser, in dem laut Hannelore W. vorwiegend Spätaussiedler aus Siebenbürgen leben. Fragt man nach der AfD, erntet man Kopfschütteln. Sagen will kaum jemand etwas. Erst zwei Männer an einer Tankstelle ein paar hundert Meter weiter brechen das Schweigen. Ja, sie seien Spätaussiedler und hätten die AfD gewählt. „Wir haben uns alles, was wir haben, hart erarbeitet. Jetzt kommen die Flüchtlinge und kriegen das einfach so.“ Sehen das alle Spätaussiedler so? „Viele.“

Wählerwechsel: von CDU und SPD zur AfD

Dieter Dormeier weiß um diese Ängste. Er ist Zweiter Vorsitzender des Bürgervereins Landwasser, engagiert sich seit dutzenden Jahren im Stadtteil. Am Montagmittag ist er gerade dabei, ein Wahlplakat aus seinem Vorgarten zu entfernen. Der Wind hat ihm Johannes Baumgärtner, den hiesigen Kandidaten der CDU, in den Garten geweht. Ein passendes Bild, wenn man Dormeiers Ausführungen glaubt.

„Hier in Landwasser haben wir ein Altersproblem. Es gibt nur wenig junge Menschen. Die alten -nennen wir sie Häuslebauer, auch die Spätaussiedler - haben viele Jahre CDU oder SPD gewählt. Nun haben sie Angst um ihre Existenz.“ Es sei sehr wahrscheinlich, dass sie der AfD ihre Stimme gaben.

Die Ergebnisse der Landtagswahl 2011 bestätigen Dormeiers These. 33,3 Prozent holte die CDU bei damals, 29,9 Prozent die SPD. Nun kommt die CDU noch auf 17,7 und die SPD auf 16,4. Beide Parteien verloren rund 15 Prozent. Auffällig sei zudem die wie immer geringe Wahlbeteiligung von gerade einmal 50 Prozent in Landwasser. "Wenn SPD- und CDU-Wähler daheim bleiben, wirken die AfD-Stimmen natürlich noch stärker", sagt Dormeier.

Familien statt junger Männer

Eine niedrige Wahlbeteiligung, der Wählerwechsel, die Spätaussiedler, Bildungsprobleme, das geplante Flüchtlingswohnheim - Vermutungen für das Abschneiden der AfD in Landwasser gibt es viele - sichere Gewissheit nicht.

Einen weiteren Anhaltspunkt nennen zwei deutsche Männer, die am frühen Montagnachmittag auf dem Quartiersplatz ein Dosenbier in der Sonne genießen. Auch sie wollen anonym bleiben. „Es gibt eh schon wahnsinnig viele Ausländer hier. Jetzt kommen noch mehr“, sagen sie lapidar, wenn man sie nach den Gründen für ihr Kreuz bei der AfD fragt. Was sie über das geplante Flüchtlingswohnheim in der Wirthstraße denken? "Humbug". Man werde schon sehen, dass das nicht einfach so hingenommen werde.



Auch diese Leute kennt Dormeier. Angst habe er vor allem dann, wenn ins neue Flüchtlingsheim viele junge Männer kommen. „Dann könnte es hin und wieder zu Auseinandersetzungen kommen.“ Deshalb hat er sich bereits bei der Stadt dafür eingesetzt, vor allem Familien nach Landwasser zu verlegen. „Das würde gut hierher passen.“

Hannelore W. sieht das genauso. Und wenn es dann trotzdem Proteste gibt? „Dann stelle ich mich persönlich vors Wohnheim - und beschütze die Neuen.“

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[Fotos: Marius Buhl]